Tagzeilen no. 22

Kühl und schwer durch viele Hände gewandert. Viele Male zurechtgelegt auf dem beinahe fertig gedeckten Tisch neben die Gabeln mit dem gleichen geschwungenen Silbergriff. Immer wieder zu später Stunde mit der Klinge zuerst eingetaucht ins Spülwasser mit fernen, müden Gedanken an Gesprächsfetzen und Eindrücke – als wehte nach einem Tag am Fluss noch der Wind in den Haaren und als schiene noch die Sonne ins Gesicht. Wieder in der mit Samt ausgekleideten Pappschachtel aus den Fünfzigern verstaut; in die Rillen neben die anderen Messer gelegt. Als wären sie aufgehoben in diesem Karton, die geselligen Stunden.

Tagzeilen no. 21

Blau hinter moosbegrünten Ästen. Helles Ufergras vor hohem Winterelbwasser. Plötzlich tausende ferne Rufe. Umschwärmter Horizont, Linie an Linie. Frühlingswärme. Nur einen Flügelschlag entfernt.

An einen Dämon

Wärme ist in deinem Fell.
Weich fühlt es sich an.
Du Sehnsuchtstier.
Im Winter erlegst du mit scharfen Krallen Schneehühner, manchmal Schneehasen.
Bleibst leer zurück im Weiß der Ebene.
Wer gab dir deinen Namen?

Quarkzeilen no. 1

Der kleine Kapitän verbrachte den Großteil seines Lebens nicht etwa auf einem Schiff, sondern auf einem großen Teller aus Esspapier. Jedenfalls war es einmal ein großer Teller gewesen, denn die hauptsächliche Ernährungsgrundlage des Kapitäns bestand aus eben jenem Esspapier, das ihn Tag für Tag über die Kanäle, Flüsse und Meere unserer Erde trug.

Ziel

Zu Beginn des Jahres ein Abschluss: Antje inspirierte mich im November mit ihren Fragen über kreatives Tun zu einer Reihe von 5 kleinen Texten. Dieser ist der letzte in der Reihe und – wer weiß – vielleicht ein passender Auftakt für das frisch angebrochene Jahr.

Ein Tuch auf Fäden weben, die Alltag sind. Klang und Wort und Wolle durch die Kette der Momente führen, leuchtend vor dem Grund. Um des Webens willen weben, sich selbst nicht überholen. Weben und reifen lassen, was erst im Augenblick des Innehaltens sichtbar wird.

Neues

Wenn Sand im Getriebe ist.
Wenn es so wie jetzt einfach nicht weiter geht.
Wenn das alte Boot nicht hält
und allzu leichte Wahrheiten in den Innenraum schwappen.
Wenn der Tag voll von Widerrede ist.
Dann, manchmal, springen die Möglichkeiten aus ihrem Versteck hervor,
aus den Heckenrosensträuchern am Ufer.
 

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Schreiben

Momente einfangen.
Mit einem Schmetterlingsnetz aus Bleistiftbuchstaben.
Bewundern, was sich zeigt, wenn wir den Blick vom Boden heben.

 

Weg

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Alles hinter sich lassen. Den Aufstieg, diesen Fleck Erde, die Nebelwand, den Wasserfall. Mit der undichten Jackennaht im Nacken leben. Weitergehen durch den Regen. Die Naht und das, was sie durchlässt, vergessen. Nur das Nötigste mitnehmen. Auspacken, tauschen, aufbrauchen. Eine Karte lesen, einen Wegweiser nutzen, einem Anderen vertrauen. Drauflosgehen ohne zu wissen, was kommt. Schritte zählen, wenn die Gedanken aufhalten. Atemzüge zählen. Immer langsamer werden.Verweilen. Genießen. Regenzeug anziehen. Regenzeug ausziehen. Abkürzen. Umkehren. An jeder zweiten Ecke sitzen und schnaufen. Festsitzen. Den ganzen Tag in herabfallenden Schnee sehen. Irgendwann keine Lust mehr haben. Hüttenkaffee aushalten. Ohropax schätzen lernen. Fest schlafen an ungemütlichen Plätzen. Im beginnenden Morgen aufbrechen. Staunen im klaren Blau. Ankommen, feiern. Sich fühlen wie im Traum. In der Sonne sitzen. Mit dir auf dem Weg zu Hause sein.

Tagzeilen no. 20

War ja klar,
dass du die Wolken anleuchten,
den Wind um meine Nase pusten
und die Blüten jetzt – kurz vor ihrem Ende –
tief strahlend einfärben würdest.
So tief strahlend,
dass ich sie lange ansehen muss, fast darin versinke
und – losgerissen von Schreibtisch und Tagwerk –
die hellsten Gedanke denke.