Der Kleine Vogel


Das Käfigtürchen war offen geblieben. Mit einem leichten Satz war der kleine Vogel an der Öffnung und von dort betrachtete er die weite Welt, zuerst mit einem Auge und dann mit dem anderen. Seinen winzigen Körper durchzuckte das Verlangen nach den weiten Räumen, für die seine Flügel geschaffen waren. Aber dann dachte er: “Wenn ich hinausfliege, könnten sie den Käfig zumachen und ich bleibe als Gefangener draußen.”

Der kleine Vogel machte kehrt und kurz darauf sah er mit Befriedigung, wie sich das Türchen wieder schloss, das seine Freiheit besiegelte.

(Italo Svevo)



Jesu Rezept zu Geistlichem Wachstum: Bittet, Suchet, Klopfet an


Praktischerweise hat der biblische Evangelist, den wir unter dem Namen Matthäus kennen, relativ zu Anfang seines Evangeliums ein Medley der wichtigsten und beeindruckendsten Lehren Jesu zusammengestellt. Es soll gleich zu Beginn des Berichts in Bezug auf den Protagonisten deutlich werden: Dieser Jesus von Nazareth ist anders, und er ist radikal: Er fordert, anstatt immer nur die Symptome zu bekämpfen, die Probleme bei der Wurzel (radix) anzupacken.  Für seine damaligen Zeitgenossen, letztlich ja in aller Regel Juden, hieß dies konkret: Nicht nur unter dem äußerlichen Druck eines umfassenden Regelwerks leben, sondern vielmehr die dahinterliegenden Konzepte verinnerlichen. Und während sich der größte Teil der Bergpredigt um die Grundsätze zwischenmenschlichen Miteinanders dreht, gilt dieses Prinzip auch für die Erfahrbarkeit der Hilfe Gottes in der Gebetserhörung. So sagt Jesus laut Mt.7,7-11:

»Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.«

Überschrieben ist dieser Abschnitt in der Gute Nachricht Bibel mit “Voll Vertrauen zu Gott beten”. Doch neben dem Vertrauen fordert Jesus implizit auch noch das Vorhandensein einer zweiten Eigenschaft: Beharrlichkeit. Interessanterweise sind es auch gerade diese beiden Charakterzüge, welche die ersten Jünger Jesu kennzeichnen: Vertrauensvoll folgen sie dem Fremden auf sein Wort und lassen dabei alles — ihre Familie, ihren Beruf, ihr Heim — zurück. Beharrlich bleiben sie bei ihrem Rabbi, selbst als dieser am Ende hingerichtet wird — und auch später werden sie noch zusammenhalten und derart begeistert seine Lehren weitertragen, dass selbst grausamste Repressalien sie nicht einschüchtern können. Doch ich greife vor.

Jesus stellt in dem obigen kurzen Bibelabschnitt einen auf den ersten Blick einleuchtenden Vergleich auf: Wenn schon seine Zuhörer (bzw. die Leser, die sich nach der Vorrede ihrer eigenen Unvollkommenheit bewusst sein dürften) ihren Kindern keinen berechtigten Wunsch abschlagen würden, obwohl sie sonst so oft moralisch fragwürdig handeln, dann spricht alles dafür, dass Gott uns jeden unserer Wünsche, den wir an Ihn herantragen, erfüllt. Das aber widerstrebt deutlich unseren gemachten Erfahrungen. Wie oft bitten wir Gott im Gebet reinen Herzens um etwas, das für uns oder andere lebensnotwendig ist (z.B. Gesundheit), und bekommen doch die “Schlange” (werden bzw. bleiben also krank).

Was Jesus eigentlich gemeint haben könnte, wird im Evangelium des Lukas deutlicher, das sich letztlich aus der gleichen Quelle bedient. Dennoch geht das Zitat über den von Matthäus überlieferten Text hinaus. So heißt es hier:

Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten. Würde da der Freund im Haus wohl rufen: Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht. Deshalb sage ich euch: Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Ist unter euch ein Vater, der seinem Kind eine Schlange geben würde, wenn es um einen Fisch bittet? Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.«

Neben den interessanten Andeutungen in Bezug auf die orientalische Gastfreundschaft und die Überwältigungskraft der Unverschämtheit ist natürlich für unsere Betrachtung vor allem der letzte Satz wichtig. Es ist auffällig, dass in diesem Satz bei Matthäus die Konkretion einfach fehlt — davon abgesehen handelt es sich doch in der zweiten Hälfte des Textabschnitts lediglich um eine andere Wortwahl.

Laut dieser Parallelstelle geht es also bei der Zusage Jesu, Gott werde unsere Bitten erhören, um geistliche und eben nicht um natürliche Gaben: “Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!” Gott schenkt uns also die Gaben des Heiligen Geistes (Charismata), wenn wir nur ernsthaft darum ringen. Und dies bedeutet für Jesus — es gilt das gleiche wie für die anderen Aspekte der Nachfolge — vor allem: Konsequenz im Handeln.

In diesem Licht macht die Zusage der Gebetserhörung für mich schon sehr viel mehr Sinn. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese Verheißung den Mitgliedern der urchristlichen Gemeinde viel Kraft gegeben hat. Kraft, durch die sie wiederum konsequent den Weg ihres Glaubens zu gehen im Stande waren, selbst im Angesicht der tödlichen Gefahren, die ihnen gerade aufgrund ihres Glaubens drohten.



So ist Paris


Also, ungefähr so. Obwohl dieser Trailer leider natürlich auf das Massenpublikum zugeschnitten ist, und daher ziemlich billig wirkt. Denn dieser wundervolle Episodenfilm von Cedric Klapisch (“L’Auberge Espagnol”) schildert voller Liebe und dennoch mit Scharfblick das Leben in Frankreichs Metropole. Und bleibt dabei: Kritisch und nachdenklich. An keiner Stelle langatmig, im Gegenteil: Man möchte mehr wissen über die Charaktere. An vielen Stellen tieftraurig, aber im nächsten (nein, im gleichen) Moment auch irgendwie komisch. Und immer leicht und… liebevoll. So ist Paris.



Barbara W. Tuchman: A Distant Mirror


Ich darf mich glücklich schätzen, in George R. R. Martins auf sieben Bände angelegten Romanzyklus “A Song of Ice and Fire” erst mit Erscheinen des dritten Bandes eingestiegen zu sein. Seit 2006 warte ich nun auf den fünften Teil, und während der Autor auf seiner Website keine Versprechen mehr machen will, das Buch 2008 fertigzustellen, hoffe ich doch stark, nicht bis — wie von amazon.com avisiert — 2013 warten zu müssen (amazon.de nennt immerhin den 31.12.2009 als möglichen Erscheinungstermin). Und so vertreibe mir solange die Wartezeit mit anderweitiger Literatur der gleichen Kragenweite, also: mit Büchern, die das Leben im Hoch- bzw. Spätmittelalter lebendig, spannend und trotzdem realitätsnah darstellen können.

Wirklich excellent und wegen der inhaltlichen Nähe zum “Song of Ice and Fire” den Lesern Martins sehr zu empfehlen ist Sharon Kay Penmans “The Sunne in Splendour”, das entgegem dem Untertitel der Neuausgabe nicht nur Richard III., sondern die Rosenkriege insgesamt thematisiert. Dabei informiert der historische Roman nebenbei nicht nur über mittelalterliche Kriegstaktiken, sondern vor allem auch sehr kompetent über höfisches Leben und politische Einflußmöglichkeiten der Monarchen. Doch bleibt das Buch bei aller Wirklichkeitstreue immer im Bereich der Fiktion.

Anders dagegen das Werk von Barbara W. Tuchman mit dem Titel “A Distant Mirror: The Calamitous 14th Century”. Hier wird ein echtes Geschichtslehrbuch derart eloquent und humorvoll aufbereitet, dass man schnell vergisst, hier eben keinen Roman vor sich zu haben. Virtuos verknüpft Tuchman Geschehnisse, Daten und Personen, wobei sie zwar beobachtet und bewertet, aber gleichzeitig derartig chronologisch stringent vorgeht, dass ein echter Spannungsbogen entsteht.

Im Mittelpunkt steht Enguerrand VII. de Coucy, dessen Leben laut Tuchman ausreichend dokumentiert, aber trotzdem halbwegs typisch für das 14. Jahrhundert gewesen ist. Doch bis diese Hauptfigur überhaupt die Bühne betritt, ist der Leser bereits in Kapitel 7 angekommen. In der Zwischenzeit wird er in kurzen Exkursen über die Lebensverhältnisse im Frankreich des ausklingenden Spätmittelalters ins Bild gesetzt, wobei die übermittelten Informationen tiefgehend genug sind, um den wissbegierigen Leser zufriedenzustellen, aber gleichzeitig derart komprimiert, dass sie auch für ungeduldige Naturen kurzweilig bleiben.

Dennoch: Um sich durch die knapp 600 Seiten (ohne Bibliographie und Endnoten) hindurchzuarbeiten, sollte schon ein gewisses Grundinteresse für diesen Zeitabschnitt vorhanden sein. Denn anders als “The Sunne in Splendour” und erst recht “A Song of Ice and Fire” kann sich Tuchman kaum dramaturgischer Kniffe bedienen, um künstlich Spannung aufzubauen. Zudem findet sich wörtliche Rede naturgegebenermaßen nur in Ausnahmefällen, wobei die Autorin es schafft, sie adäquat durch Zitate aus den Werken diverser zeitgenössischer Chronisten zu ersetzen. Es bleibt ein faszinierender Spiegel in eine versunkene Welt, deren Denker und Herrscher das Fundament für unser heutiges Europa gelegt haben.