Mein Kreuzweg: 200 Kilometer


Die Fastenzeit bietet jedes Jahr aufs Neue die willkommene Gelegenheit, Veränderungen zeitlich begrenzt auszuprobieren — in dem Bewusstsein, sie notfalls nach Ostern wieder rückgängig machen zu können. Nach dem Internetfasten im letzten Jahr lautet diesmal mein Vorsatz: mehr Sport! Eigentlich würde ich gerne wieder öfter klettern gehen, aber dagegen sprechen diverse Umstände, allen voran die unverschämte Preispolitik des Shape, die zwanzigminütige Autofahrt nach Winsen und die Notwendigkeit eines Sicherungspartners.

Meine Laufroute Darüberhinaus ist das Klettern eine Sportart, die eine besondere physische und psychische Konzentration erfordert und damit eigentlich nicht unbedingt zur Fastenzeit passt. Viel geeigneter ist da schon die kontemplative Natur des Langstreckenlaufs. Daher will ich in der Zeit bis Ostern regelmäßig laufen, und zwar morgens vor der Arbeit (und dem Frühstück). Heute bin ich zum ersten Mal die von mir anvisierte Route abgelaufen — immerhin 10 Kilometer, für die ich zwischen 80 und 90 Minuten gebraucht habe (vgl. Abb.).

Wenn alles wie geplant läuft, habe ich dann zu Ostern sage und schreibe 200km (also immerhin in etwa die Strecke von Lüneburg nach Osnabrück — aber wer will schon nach Osnabrück?) auf der Uhr und meine ganz eigene Passion hinter mir. Und nebenbei meinen Gedanken noch 1800 Minuten Freigang spendiert.



Fasten your seatbelts


“Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. Bitte kehren sie an ihren Platz zurück und schnallen sie sich an, wir beginnen jetzt mit dem Landeanflug auf Hamburg.”

Während sich im Süden und Westen der Bundesrepublik die Menschen noch teilweise hemmungslos ihren Spaß- und Sauforgien hingeben und das Ganze dann unverständlicherweise “Karneval”  — also etwa “das Fleisch geht” (von dannen, offensichtlich ist nicht mehr unbedingt das Schnitzel auf dem Teller gemeint)  — , bergen wir hier im Norden schon mal die Segel und werfen die Leinen über, um festzumachen. Denn die Verwandschaft zwischen Fasten und to fasten ist nicht zufällig.

Warum also fasten? Damit wir in den nächsten Wochen unser Lebensschifflein mal gründlich inspizieren können. Dazu müssen wir mindestens in ruhigem Wasser den Anker werfen, idealerweise aber lieber an einer soliden Kaimauer anlegen und die Festmacher um die Poller legen. Und dann: keine Müdigkeit vorschützen, sondern flugs die notwendigen Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten durchgeführt!

Dass die nicht immer die reine Freude sind, ist uns klar: Da muss man evtl. in eine eklig-brackige Brühe eintauchen, um den Unterwasserrumpf einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Wo kommt all das schmierige Öl her — haben wir ein Leck? Viel Spaß beim Suchen! Oder haben sich da Seepocken und andere unerwünschte Mitfahrer festgesetzt und bremsen uns jetzt aus? Die müssen wieder runter. Haben wir uns an den Felsnasen beim Durchkreuzen der Meerenge ein paar tiefe Schrammen geholt? Da muss wohl oder übel nachkalfatert werden — sonst drückt bei starkem Seegang zuviel Wasser durch. Was nicht sofort erledigt werden kann, muss eventuell aufwendig im Trockendock vorgenommen werden, was immerhin den Vorteil hätte, dass man die gebotene Gründlichkeit walten lassen kann (ist gerade kein Trockendock  zur Stelle, behilft sich der findige Seemann, indem er sein Boot einfach trockenfallen lässt).

Und auch oberhalb der Wasserlinie müssen wir ordentlich ranrauschen. Wenn ich mir so die Aufbauten betrachte, wird an vielen Stellen etwas neue Farbe auf der alten Schicht und auf den Rostplacken, die sich hier und da schon bilden, nicht ausreichen. Also her mit dem Schleifpapier. Hält die Takelage noch, oder sind die Taue schon angerottet? Wer wie wir nicht im Sturm irgendwann Mastbruch erleiden will, sollte das von Zeit zu Zeit prüfen. Und die Segel! Und wenn am Schluss noch etwas Zeit bleibt, könnte man ja eventuell noch die Gallionsfigur wieder einmal polieren…

Ja, wir sind froh, wenn wir wieder in See stechen können, denn angenehm ist so eine Fastenzeit nicht. Aber notwendig.



Richard David Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?


Zunächst einmal vorweg geschickt: Sollte es jemanden verwundern, dass es hier in den Buchbesprechungen so unglaublich viel um meine eigene Person geht, dann liegt das zum Einen daran, dass dies hier ein Blog und kein Fachmagazin für Literatur ist; es rührt zum Anderen aber auch daher, dass ich erklären möchte, wie ich zu meinem Urteil über das gelesene Werk gekommen bin. Nichts nervt mich an Kundenrezensionen wie etwa auf Amazon mehr* als der lapidare Fehlschluß: “Das Buch ist schlecht,” bzw. “… ist großartig.” Ich kann und will hier nur darlegen, warum ein Werk, egal ob nun Buch, Musikalbum oder Film, mich persönlich angesprochen hat. Im Übrigen behalte ich es mir auch vor, die Kommentare und Notizen hier nachträglich zu erweitern, weil ich Denken als iterativen Prozess erlebe, in dessen Verlauf ich Schicht um Schicht freilege.

Soweit zur Vorrede, aber damit sind wir eigentlich auch schon mitten drin im Thema. Richard David Precht landete 2007 einen Doppelschlag mit einer den Erzählungen Fraukes nach zu urteilen so humorvollen wie für die Spätgeborenen erleuchtenden Autobiographie über eine Kindheit in einem alternativen Elternhaus in den 60er und 70er Jahren und einer fast 400 Seiten starken Einführung in die Philosophie, derer sich dieser Artikel widmet.

Letzteres Werk, also das Buch mit dem immerhin gut memorisierbaren Titel “Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wurde mir schon anfang 2008 an’s Herz gelegt; allerdings auf eine derart merkwürdig inhaltlich-ignorante Art und Weise, dass ich das Buch ersteinmal in die Kategorie “Irgendwann vielleicht” meines Amazon-Wunschzettels einsortierte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem ich bei einem Einkaufsbummel in Hamburg die Gelegenheit hatte, längere Passagen daraus zu lesen, und der Wunsch erlebte eine steile Karriere in Richtung “Muss ich haben”.

Was hatte mich auf einmal derart überzeugt? Einerseits war es die lockere Art und die verständliche Sprache, in der Precht über philosophische Zusammenhänge wie auch die Biographien der betreffenden Denker schreibt. (Das Adjektiv “verständlich” findet sich in vielen meiner Sachbuch-Rezensionen, und ist natürlich zunächst einmal sehr subjektiv, weil es lediglich ausdrückt: Ich hab’s verstanden. Aus meiner laienhaften Sicht ist es aber wichtiger, dass ich den Autor verstehen kann, als dass dieser seine Gedanken möglichst abstrakt und dadurch vielleicht fachlich besonders korrekt formuliert.) Andererseits waren es die von Precht gewählten Themengebiete, die mittlerweile für mich an Relevanz gewonnen hatten.

Nun ist es mit Lockerheit und Verständlichkeit ja so eine Sache, gerade, wenn es um wissenschaftliche Themen geht: Wer hochkomplexe Gedankengänge und Schlussfolgerungen einer breiten und tendenziell etwas begriffsstutzigen Öffentlichkeit wie mir zugänglich machen will, der muss einerseits radikal vereinfachen und andererseits viel mit Vergleichen, Bildern und Metaphern arbeiten. Beides beinhaltet bereits eine Interpretation der zugrundegelegten Thesen, mithin also eine grobe Verfälschung. Diesen “Fehler” kann man auch Precht vorwerfen — muss man aber nicht.

Denn was will ein Werk wie “Wer bin ich, …” eigentlich bezwecken? Es ist ja kein Fachbuch, sondern will lediglich Ideen vorstellen und hoffentlich Lust machen auf mehr. Sein Ziel erreicht hat es, wenn sich der Leser daraufhin einige der ernstzunehmenderen Publikationen der Philosophen und Wissenschaftler besorgt, auf die in dem immerhin fünfzehnseitigen Literaturverzeichnis hingewiesen wird. Das Buch ist also letztlich nichts weiteres als eine aufwendige Werbebroschüre für den Markt der philosophischen Möglichkeiten — und als solche eignet es sich ganz hervorragend.

Dieser Umstand liegt eben auch an den angesprochenen Themengebieten begründet. Das Buch zerfällt im Wesentlichen in drei Teile, die unter die ersten drei der Kant’schen Fragen gestellt werden (“Was kann ich wissen?” — “Was soll ich tun?” — “Was darf ich hoffen?”) und deren vierte (“Was ist der Mensch?”) en passant beantworten. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches hauptsächlich um Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, der zweite Abschnitt um Fragen der Ethik und Moral und Teil drei um den Bezug zwischen Determinismus und (der Möglichkeit zur Verwirklichung von) Idealen. Precht zerrt die abstrakten Ausgangsfragen mitten ins Leben, indem er ihre Relevanz anhand hochaktueller gesellschaftlicher Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibung demonstriert. Gerade in den ersten Teil fließen dazu auch immer wieder Ergebnisse der Hirnforschung ein, was den Mutmaßungen über dieses Thema eine zusätzliche Dimension verleiht.

Ein nicht zu leugnendes Manko von “Wer bin ich,…”, das freilich mit der interpretativen Art des Werkes einhergeht, liegt darin, dass Precht natürlich eine Auswahl treffen musste, was die vorgestellten Philosophen und ihre Arbeiten angeht. Und hier ärgert sich auch der anspruchslose Leser dann doch das ein oder andere Mal darüber, wie wenig ausgewogen Precht argumentiert, beispielsweise in Bezug auf Vegetarismus und Tierrecht. Jedenfalls bleibt mitunter der schale Nachgeschmack, nur eine Seite gehört zu haben, also nicht umfassend informiert und damit auch irgendwie manipuliert worden zu sein. Schade — aber immerhin hat man jetzt Ansatzpunkte und kann sich auf eigene Faust weitere Informationen einholen.

Zugute kommt dem Werk aus meiner Sicht dagegen, dass es keine strenge Einführung ausschließlich in die philosophische Gedankenwelt sein will, sondern auch zu einem guten Teil ein wissenschaftshistorisches Buch ist. Jedes der im Schnitt zehn Seiten kurzen Kapitel bildet eine in sich geschlossene Sinneinheit, die zwar auf den vorausgegangenen aufbaut, sich aber dennoch dezidiert mit einer speziellen Frage sowie einem ausgewählten Denker und seinem Werk befasst. Das macht es problemlos möglich, auch nur einzelne Kapitel zu lesen und trotzdem den Faden nicht ständig zu verlieren und neu aufnehmen zu müssen, und trägt daher dem Verständnis bei, wovon insbesondere Personen profitieren werden, die nur wenig Zeit zum Lesen haben. Zudem unterstreicht es die iterative Natur des philosophischen Diskurses und erweitert das Weltbild sanft und sukzessive, was für den Laien durchaus besser zu verdauen ist.

Ich habe dieses Buch mit viel Gewinn gelesen; aber wichtiger aus meiner Sicht war, dass mir das Lesen auch viel Spaß gemacht hat. Es gehört auch zu den Werken, die ich auf meine mentale Wiedervorlage gesetzt habe, um es in ein paar Jahren nochmal zu Gemüte zu führen. Davor werde ich aber sicherlich das ein oder andere Werk aus dem reichhaltigen Literaturverzeichnis zur Hand nehmen. Insofern hat Precht bei mir seine Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens: Für den März 2009 steht dann ein Buch über die Liebe von ihm auf dem Plan.


*) Naja, vielleicht mit Ausnahme der Fälle, wo der Rezensent es nicht einmal hinbekommt, den Namen des Autors fehlerfrei zu reproduzieren. Und damit meine ich jetzt garnicht mal halbwegs verzeihliches “Bonnhöfer” statt Bonhoeffer, sondern sowas wie “Doug Shields” statt Doug Fields.



Adrian Goldsworthy: Caesar


Wenn ich darüber nachdenke, verwundert es mich immer wieder auf’s Neue: Obwohl ich das Unterrichtsfach Geschichte (ebenso wie Französisch und Physik) sobald es möglich war — ich meine, in Klassenstufe 10 — voller Freude und Erleichterung abgewählt habe, und obwohl diese Erleichterung und ihr Grund, nämlich die Abneigung gegen das Fach, noch etwa weitere 10 Jahre anhalten sollte, lese ich heute wieder begeistert Bücher zu historischen Themen.

Seitdem ich vor zwei Jahren auf unserer Hochzeitsreise nach Pisciotta den ebenso spannenden wie lehrreichen Roman des Engländers Robert Harris über Pompeji geradezu verschlungen habe, und mit dem gleichen Interesse im letzten Jahr sein Buch über einige Abschnitte im Leben des Redners Cicero las, wage ich mich sogar wieder gerne an ein Thema, das mir zuvor in doppeltem Sinne Langeweile verhieß, handelte es sich doch um das Amalgam von Historie und Politik, nämlich die alten Römer.

Bei denen kommt nach Cicero, na klar, Caesar — Julius Caesar. Und über den ist viel geschrieben worden, eigentlich sogar zuviel — das Thema ist abgefrühstückt. Sicherlich hat jeder Mensch, der etwas mit dem Wort “Rom” anfangen kann, irgendeine Vorstellung von diesem Mann, und wenn es nur (wie bei mir) das Bild der hageren, geheimnisumwitterten Gestalt auf dem weißen Pferd aus den Asterix-Heften ist. Doch ähnlich wie in der Leben-Jesu-Forschung hat sich auch im Bezug auf die historische Figur Caesars das Bild der Experten im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts nochmals ziemlich gewandelt und ist trotzdem keinesfalls eindeutig.

Wonach in dem Berg vorhandener Literatur zu diesem Thema also eine Auswahl treffen? Nun, als Laie war ich darauf angewiesen, dass der Autor sich dementsprechend ausdrückte; zudem schwebte mir eine umfassende Einführung vor und nicht eine auf ein Spezialgebiet beschränkte tiefergehende Analyse. Hier und da hatte man von Goldsworthys Werk und seinen Erzählerqualitäten im Besonderen geschwärmt — diesem ausgewiesenen Fachmann im Bezug auf die Geschichte des antiken Roms gab ich daher eine Chance.

Etwa 500 Seiten später habe ich es nicht bereut. Sicher, das Buch hat (wie wohl Caesars Leben auch) trotz seiner relativen Kürze ein paar Längen, aber nach meinem Empfinden ist es durchaus ein Kompliment für ein Sachbuch, wenn man ihm nachsagen kann, dass es an keiner Stelle langweilig war. Goldsworthy geht in der Regel chronologisch vor, allerdings nicht sklavisch, sondern greift, wo es Sinn macht, auch schon mal vor. Auch reichert er seine Beschreibungen durch Zitate antiker Geschichtsschreiber und Aussprüche und Briefabschnitte Caesars und seiner Zeitgenossen an. Durch das ganze Buch, insbesondere aber auf den ersten 150 Seiten, wenn es um den Aufstieg Caesars zum Konsul geht und die Lebensumstände in urbs roma beschrieben werden, fühlt man sich daher direkt in diese längst vergangene Epoche zurückversetzt und kann die Anspannung des jungen, hoffnungsvollen Mannes im rat race einer aggressiv wetteifernden Oberschicht gut nachspüren.

Doch die Stärke Goldworthys liegt eigentlich in den letzten zwei Dritteln des Buches: Schließlich ist der Autor eine ausgemachte Koryphäe auf dem Gebiet der römischen Kriegskunst. Deswegen sind auch die Beschreibungen der Feldzüge durch Gallien (“ganz Gallien? Nein…”) und des römischen Bürgerkrieges an Detailreichtum und Lebendigkeit kaum zu überbieten. Diverse Abbildungen veranschaulichen die in entscheidenden Schlachten genutzten Strategien und erweitern das Buch um eine zusätzliche Ebene. Dabei wird über die gesamte Länge der Ausarbeitung mit dem Leben wie auch den Entscheidungen Caesars kritisch umgegangen: Erfolge werden gewürdigt, aber Fehler auch schonungslos beleuchtet und offen kritisiert. Hier findet keine Glorifizierung des “Colossus” (Untertitel) statt!

Was könnte also das Missfallen des geneigten Lesers erregen? Nunja, es wird ihm vermutlich schwerfallen, der Flut an Namen zu folgen, die schon auf den ersten Seiten über ihn hereinbricht — aber diese Mühe ist wohl unumgänglich. Darüberhinaus kommt im Gegensatz zu Robert Harris “Imperium” bei Goldsworthy die Politik fast zu kurz. Und wenn ich als totaler Politikmuffel das sage, dann will das schon etwas heißen. Ansonsten kann ich dieses Werk demjenigen, der eine Einführung in das Leben des großen Diktators sucht, uneingeschränkt empfehlen.

Adrian Goldsworthy: Caesar – Life of a Colossus; 608 Seiten; erschienen 2006 bei Yale University Press.

Übrigens: Auch über Physik lese ich in letzter Zeit recht viel. Und das von mir auch bislang verschmähten Themengebiet “Frankreich” habe ich ja zuletzt im Film wieder mehr lieben gelernt.



Haben oder Sein? (Mt.6,20)


Du willst mehr? Dann denk um! Denn mehr ist das neue weniger – und umgekehrt!

“Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.” (Mt.6,20)

Die Bergpredigt ist intensiv, hart, kantig und irgendwie unbequem. Sie komprimiert die Radikalität vieler Aussagen Jesu auf wenige Absätze Bibeltext. Sie zeigt unmissverständlich auf, worum es geht: Nicht das, was Du glaubst zu besitzen, ist entscheidend; auch nicht das, was Du nach aussen hin vorgibst zu sein – sondern allein das, was Du tief in Deinem Inneren tatsächlich bist.

Besonders deutlich wird dies an Passagen, die sich um die konsequente Absage an materialistische Bindungen drehen. Jesus ruft (neben der Bergpredigt) an so vielen voneinander unabhängigen Stellen zur Besitzlosigkeit auf (Mk.6,7-9;Mk.8,35; Mt.19,21), dass es eigentlich unmöglich sein sollte, diesen Aufruf zu ignorieren – insbesondere, wenn man im Hinterkopf behält, dass die ersten Christen in Jerusalem in einer Art Gütergemeinschaft lebten, also ihre Habe untereinander teilten.

Warum diese Absage an den irdischen Besitz? Schließlich liegt ihm doch nach alttestamentarischem Verständnis ein göttlicher Segen zugrunde! Wollte Jesus, dass wir all das ablehnen, was uns unser himmlischer Vater schenken will? Will er gar, dass wir asketisch leben? Nein, mit Sicherheit nicht. Von Jesus selbst ist nicht überliefert, er sei ein Asket gewesen – im Gegenteil, ein “Fresser und Weinsäufer” sei er, sagen die Leute über ihn. (Mt.11,19) Aber Jesus hat erkannt, dass der Fokus auf den Besitz uns an diese Welt fesselt. Davon gilt es, sich zu lösen. Aber aus welchem Grund?

In einer Gesellschaft, in der die Maxime “Haste was, biste was” gilt und so manch einer sich seinen Lebensstil vom “Immer-mehr-haben-müssen” diktieren lässt, wird besonders deutlich, wie unfrei Besitz machen kann. Und damit ist jetzt nicht gemeint, dass der Kauf einer Immobilie wohlüberlegt sein will, da man im Nachhinein damit nicht umziehen kann. Unfrei ist man dort, wo die Sorge um die angehäuften Güter die Gedanken fesselt.

Schon Biggie Smalls, auch bekannt als The Notorious B.I.G. wusste: “Mo’ money, mo’ problems.” Wobei man vielleicht noch treffender sagen könnte: More money, more worries. Denn wer seine Finanzen nicht in klingender Münze in einem panzerknackersicheren Geldspeicher aufbewahrt, muss mit ständiger Sorge die Märkte beobachten, wie sich sein Portfolio entwickeln könnte (und andernfalls damit leben, dass seine Talerchen auch so mit jedem Tag an Wert verlieren). Dabei ist auch ein erfolgreicher Unternehmer nicht vor unangenehmen Überraschungen gefeit, wie das tragische Beispiel eines Adolf Merckle zeigt.

Die Alternative zum Haben aber ist: das Sein – so jedenfalls auch schon der große Sozialpsychologe Erich Fromm, der in seinem lesenswerten Buch “To Have or to Be?” (mit dem Untertitel: “Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft”) übrigens interessanterweise genau den obigen Bibelvers aus Mt.6,20 zitiert. Denn die “Schätze im Himmel” können schließlich ja nicht materieller Art sein. Vielmehr können darunter im Einklang mit den anderen Aussagen der Bergpredigt Eigenschaften verstanden werden, die man sich erwirbt. Aber hier gilt eben nicht die Quantität, sondern die Qualität. Wir sollten uns von Gottes Geist durchdringen und verändern lassen.

Leider fehlt mir an dieser Stelle die Zeit für explizite Beispiele. Ich hoffe daher, dass der geneigte Leser in den Gottesdiensten genügend praktische Anregungen erhält. Ansonsten: Allein die Kapitel 5-7 des Matthäus-Evangeliums sollten für längerfristige Beschäftigung sorgen.