Original oder Übersetzung?


Marcel hat kürzlich in seinem Bücherblog “Read that!” seine Sicht auf Originale und Übersetzungen kundgetan, ein Thema, das mich schon seit etwa 20 Jahren beschäftigt.

The Colour of Language

Ich lese seit Anfang der 90er viele Bücher englischsprachiger Autoren auf Englisch – mittlerweile ist es der bei Weitem überwiegende Anteil. Angefangen hatte das Ganze damals aus einer Not heraus, nämlich der, dass ich alle übersetzten Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett schon kannte, die in der Leihbücherei in unserem Stadtteil vorrätig waren, aber dann glücklicherweise in der Fremdsprachen-Ecke noch weitere unbekannte entdecken konnte.

Nachdem ich mich an den Umstand gewöhnt hatte, nicht jedes Wort, sondern manchmal eben nur den Gesamtkontext verstehen zu können (ich war damals in der Unterstufe, hatte also erst ca. 2-3 Jahre Englischunterricht), fiel mir schnell sehr positiv auf, dass der Sprachwitz in den Originalen wesentlich besser zog als in den eher mäßigen, schludrigen und mit heißer Nadel (oder besser gesagt, Feder) erstellten Übersetzungen, wie sie ja leider für “Trivialliteratur” an der Tagesordnung sind. (Pratchett arbeitet viel mit puns, und auch die Namen von Charakteren und Orten sind häufig doppelsinnig.) Auch die technokratischen Ausdrücke und erst recht die Wortschöpfungen in William Gibsons Romanen, etwa der Neuromancer-Trilogie, waren kaum vernünftig übersetzbar. Insofern wurde mein Lesevergnügen letztlich doch deutlich gesteigert als ich anfing, mich durch die Originale zu arbeiten. Dass ich mich damit auch näher an den Ausgangsgedanken des Autoren befinde, wurde mir erst später klar.

A Song of Thoughts and Words

Heute spielen für mich als Vielleser neben diesen beiden Punkten – gedankliche und sprachliche Qualität des Ausgangstextes bleiben erhalten – noch zwei weitere Beweggründe eine große Rolle: Zum Einen sind englische Bücher durch Wechselkurse und die entfallende Buchpreisbindung oft wesentlich günstiger als die hiesigen Pendants. Und zum Anderen muss ich – wie bspw. im Falle des neuesten Bandes aus dem Song of Ice and Fire von George R.R. Martin, der dieser Tage erscheint – nicht erst warten, bis ein Übersetzer mit einem knapp 1.000 Seiten umfassenden Werk fertig geworden ist, sondern kann mich gleich unverfälscht in die (Fortsetzung der) Geschichte stürzen.

Doch natürlich gibt es auch Argumente für Übersetzungen: Umberto Eco etwa könnte ich im Original nicht lesen, und der Übersetzer Burkhart Kroeber findet nicht nur die richtigen Worte, sondern sogar den richtigen Ton. Fachbücher aus Feldern mit einem speziellen, jedoch stark eingeschränkten Wortschatz – wie der Mathematik, die ja auf eine lange deutschsprachige Historie zurückblicken kann – lese ich auch gerne in der Übersetzung (bei Informatikbüchern sieht das wegen der englisch-geprägten Fachsprache allerdings schon wieder anders aus).

Und dann gibt es natürlich noch die Fälle, wo verschiedene Übersetzungen – u.U. sogar noch aus unterschiedlichen Epochen – nicht nur als eine Art Sekundärliteratur zum vertieften Verständnis des Ausgangswerkes beitragen, sondern auch Licht auf die Gesellschaft werfen, in die bzw. in deren Sprache sie hinein übertragen wurden.



Everything is a Remix


Vor ein paar Tagen hat der New Yorker Filmemacher Kirby Ferguson die dritte Folge seiner vierteiligen Dokumentation “Everything is a Remix” veröffentlicht. Allen, die sich für den Prozess der Kreativität interessieren oder die wissen wollen, wie Innovation entsteht, und auch allen, die eine gut recherchierte und ästhetisch einwandfreie Kurzdoku über ein aktuelles Thema sehen wollen, empfehle ich, sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen und die Filme anzusehen. Wirklich toll gemacht und sehr sehenswert!

Everything is a Remix Part 1.

Everything is a Remix Part 2.

Everything is a Remix Part 3.

Teil 4 soll in diesem Herbst veröffentlicht werden.



The Tree of Life


Gestern haben wir The Tree of Life gesehen und waren tief beeindruckt. “Begeistert” wäre angesichts dieses Films das falsche Wort, auch wenn er sehr stark geistig sowie geistlich ansprechend ist, und im besten Sinne des Wortes einen spirituellen Plot in Worte einer gewaltigen Bildsprache fasst, die so anrührend wie inspirierend ist, ohne aufdringlich zu sein.

Sollte ich mein persönliches Verständnis der Aussage des Films in einem Satz zusammenfassen, würde ich es wie folgt versuchen: Gott finden wir weniger in der natürlichen Schöpfung, als vielmehr in den Beziehungen der Menschen untereinander – insbesondere dort, wo Vertrauen zueinander und Vergebungsbereitschaft herrschen. (Das passt wie ich meine wunderbar zu einer Erkenntnis aus dem letzten Jahr.)

Ausgangspunkt für diese Theologie ist der Widerstreit der Gottes- und Menschenbilder der Eltern im ältesten von drei Brüdern. Seine Fragen begleiten uns durch den Film, wo nicht sichtbar, da per Stimme aus dem Off. Quasi dialektisch entfaltet sich so eine szenische Diskussion, ob das Leben nun ein harter Kampf ums Dasein – so die Theorie des Vaters, der weder für seine musikalische noch für seine erfinderische Begabung je Anerkennung erhielt – oder zu Leben an sich ein Geschenk, eine Gnade sei – so die Meinung der Mutter, einer fröhlichen und nachgiebigen Frau. Zusammengefasst wird dieses Problem zu Beginn in den Worten: “There are two ways through life: the way of nature, and the way of Grace. You have to choose which one you’ll follow.”

Argumente für und gegen die beiden Positionen liefert der Film in vielen nicht-chronologisch zusammengestellten Szenen aus der Kindheit der Brüder, wobei  hier insbesondere auch die Leistung der jungen Schauspieler hervorgehoben werden muss, die nicht hinter jener ihrer älteren Kollegen zurücksteht und sehr natürlich wirkt. Ist der Tod eines Kindes ungerechter als die Vernichtung ganzer Gattungen von Lebewesen, im Film beispielhaft dargestellt anhand des Aussterbens der Dinosaurier? Was ist schlimmer, keinen Respekt oder kein Vertrauen entgegengebracht zu bekommen? Was schmerzt mehr, bestraft zu werden – oder schon wieder Vergebung zu erfahren, obwohl man doch weiß, dass man falsch gehandelt hat?

Letztlich ergeben sich für den Betrachter aber auch noch weitere Fragen – etwa, ob man überhaupt wirklich wählen kann zwischen Natur und Gnade, oder auch, ob diese Dichotomie überhaupt stichhaltig ist. Auch hierzu äußert sich der Film in einer Bildsprache, die jeder anders deuten mag. Diese Herausforderung mag nicht jedem Kinogänger liegen – so mancher ächzte ob langer Passagen abstrakter Szenen bar jeden Dialogs. Wer sich darauf einstellen kann, darf sich auf ein nachhaltiges Kinoerlebnis freuen.



Echter Luxus


  • In den Tag hineinleben
  • Nichts tun müssen
  • Urlaub machen können (weil man arbeitet)
  • Soviel Wasser haben – für heiße Bäder…
  • Das Auto
  • Lecker Essen gehen – überhaupt: sich verwöhnen lassen
  • Stille bewusst genießen können
  • Ins Bett gehen können, wenn man müde ist

Diese Aspekte unseres wirklich luxuriösen Lebens haben wir vor einem guten Jahr, am 05.12.2009, auf Anregung des “Anderen Advents” gesammelt. Schön zu sehen, dass sie auch nach 2010 nicht an Aktualität eingebüßt haben.



Google Chrome revisited


Vor über zwei Jahren habe ich in aller Kürze ein paar erste Eindrücke zu Google Chrome geäußert, der zu diesem Zeitpunkt gerade neu erschienen war — um mich danach wieder Firefox zuzuwenden. Seit Anfang dieses Jahres, als ich mir ein Netbook von Asus als Reisecomputer zulegte, habe ich Chrome immer öfter verwendet. Erst nur von Zeit zu Zeit, eben ausschließlich auf besagtem Netbook, wegen der besseren Ausnutzung der geringen dort zur Verfügung stehenden Bildschirmfläche; seit einigen Monaten dann auch auf dem “großen” Laptop (aus dem gleichen Grund, aber daneben, weil ich mich so langsam an die Ergonomie gewöhnt und die vielen Plugins entdeckt hatte), und seit Oktober zusätzlich auf meinem Arbeitsplatzrechner und unserem Desktop-PC daheim.

Dass ich damit jetzt den kompletten Umstieg von Firefox zu Chrome vollzogen habe, dafür gab letztlich die fühlbar bessere Performance bei JavaScript-lastigen Webanwendungen den Ausschlag. Ich arbeite viel mit den Tools von Google selbst (also mit Webmail, Online-Textverarbeitung, Newsreader, Kalenderverwaltung, Maps und dem Linkverkürzer goo.gl), nutze aber beispielsweise mit YouTube, Twitter oder dem Nerd-Nachrichtenportal Slashdot auch des öfteren andere durch JavaScript stark dynamisierte  Websites. All diese Seiten profitieren spürbar von der hochoptimierten JavaScript-Engine, die eigentlich das Herz von Chrome ist.

Dazu kommt, dass Google es geschafft hat, seinen Browser so herrlich unaufdringlich zu gestalten. Updates geschehen leise im Hintergrund, Nachfragen an den Benutzer erfolgen dort, wo es notwendig ist. Ein einziges Eingabefeld wird für Internetaddressen und Suchbegriffe genutzt, wobei es sogar ermöglicht wird, damit neben den allgemeinen Suchmaschinen auch die spezielle einer bestimmten Website (wie YouTube) oder gar einen ganz eigenen Suchmechanismus zu nutzen — was mir auf der Arbeit die Bedienung unseres Issue-Tracking-Systems Jira stark vereinfacht. Und die (ja schon seit jeher gegebene und von mir vor 2 Jahren noch beargwöhnte) Eigenschaft, für jede Registerkarte einen eigenen Prozess zu starten, verhindert ziemlich zuverlässig, dass eine lahme oder fehlerhafte Webanwendung den gesamten Browser blockiert. Überhaupt lindert schon der Umstand, dass kein externes Plugin zur Anzeige von PDF-Dokumenten mehr notwendig ist, die schlimmsten Schmerzen.

Also alles gut? Fast – denn natürlich bleibt immer ein unterschwelliges, unangenehmes Gefühl der Unsicherheit, was Google, die alte böse Datenkrake, wohl mit den Informationen anstellen mag, die ein Browser heutzutage so zu Gesicht bekommt. Bei Google bemüht man sich zwar um ostentative Offenheit und Aufklärung der Anwender, aber zwischen den Datenschutzskandalen bei Facebook und Co. einerseits und der Stimmungsmache gegen Google StreetView andererseits bleibt natürlich unweigerlich ein Rest von Zweifel und Verunsicherung — zumal ja auch Google ein Unternehmen ist, das sein Geld hauptsächlich mit Werbung verdient und nur deswegen einen Browser und tausend tolle Webapplikationen kostenlos zur Verfügung stellen kann.

Aber diesen Trend kann man ja ebenfalls vielfältig beobachten: Produkt prinzipiell gut, doch Hersteller aus ideologischen Gründen oder anderen Bedenken ziemlich zweifelhaft. Nicht nur Facebook und Google, sondern auch Apple und Microsoft, Sony und Nokia, Kohle- und Kernkraft stellen uns offenbar nur noch vor die Wahl des geringeren Übels. Entscheidungen werden nicht mehr für ein bestimmtes Produkt, sondern gegen die subjektiv überwiegenden schlechten Eigenschaften der jeweiligen Konkurrenz getroffen. Übertragen auf den hier vorliegenden Fall heißt das: Googles inoffizieller Leitspruch “Don’t be evil” mit seinem absoluten Anspruch wird so schnell zu “Don’t be the greater evil” relativiert. Ob ihnen dies mit Chrome gelingt, muss dann letztlich jeder Nutzer selbst wissen. Ich für meinen Teil bin bereit, mich auf die zu erwartenden Nachteile einzulassen — zumindest für diesen Moment.



Jonathan Franzen: Freedom


Für einen der besten bereits im neuen Jahrtausend erschienenen Romane halte ich das Familienepos The Corrections des mir bis zum Zeitpunkt meiner Lektüre noch unbekannten Amerikaners Jonathan Franzen. Das Thema Thomas Manns hundert Jahre zuvor erschienenen, nobelpreisprämierten Werkes Buddenbrooks wurde in diesem Buch — wenn auch in der Mittelschicht der USA und nicht im Großbürgertum Lübecks , wenn auch in expansiver Erzähltechnik und nicht in chronologischer Abfolge — aus den streng geregelten Verhältnissen der Moderne in die totale Verwirrung der Postmoderne transportiert.  Beide Gesellschaftsromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit erschreckender Nähe zum aktuellen Zeitgeschehen sowie einer nicht minder erschreckend präzisen Beobachtungsgabe schildern, wie die einzelnen Mitglieder einer Familie (und damit auch die Familie insgesamt, ja, gewissermaßen an sich) am Leben oder besser gesagt ihren überhöhten Erwartungen daran scheitern.

Nun gibt es mit Freedom ein Update, das zeigt, wieviel sich im zurückliegenden Jahrzehnt bereits wieder verändert hat. Nicht länger sind es die Börsenspekulationsblase der new economy, die Furcht vor den unheilbaren Folgen des Älterwerdens, die Flucht in Küchenpsychologie oder den Abenteuerkapitalismus in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, welche als Stolpersteine die Protagonisten zu Fall bringen. Diesmal geht es um den schwierigen Spagat zwischen Ideologien und Pragmatismus — dargestellt an dem Problemfeld, das sich zwischen Naturschutz und Geschäftsinteressen, Politik und Moral auftut — sowie (ganz allgemein gesprochen) um ungestillte Begierden, wobei natürlich die Sexualität als basalste Form und mit ihr das Spannungsfeld zwischen Promiskuität und Loyalität immer wieder thematisiert wird.

Das wichtigste Thema jedoch, und darauf spielt der Titel des Buches treffsicher an, ist Freiheit, obwohl es sich dabei ja um einen derart schwammigen, allgemeinen und abstrakten Begriff handelt. Also präzise: Es geht um die Freiheit, sein Leben so zu führen, wie man es gerne möchte oder zumindest momentan gerade für richtig hält. Um die Freiheit, autonome Entscheidungen zu treffen, Dinge zu tun oder zu lassen, Unterstützung zu gewähren oder zu verweigern, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen…

Man sieht es schon an dieser Aufzählung: Franzen thematisiert, wie durch die Individualisierung der Einzelne zwar freier wird (im Sinne einer angenehmen Ungebundenheit), jedoch auch einsamer und letztlich hilfloser — wie aber andererseits, obwohl schon die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (die Familie, der Arbeit- bzw. Geldgeber, Freunde) diese individuelle Freiheit einengt, beschneidet oder ganz zunichte macht, sie für uns als Menschen immer noch lebensnotwendig ist. Auch wenn wir diese Differenzierung im Deutschen nicht machen, wird damit der Bruch zwischen Liberty (der gesellschaftlichen Freiheit) und Freedom (der individuellen Freiheit) quasi der zentrale Aufhänger des Romans: Alle können fast alles tun und lassen, was sie wollen, aber meinen Entscheidungen sind sehr enge Grenzen gesetzt. Und so entkommen die Protagonisten, obwohl sie alle persönlichen Freiheiten im land of the free genießen, den gesellschaftlichen Zwängen nicht, sondern verstricken sich im Gegenteil immer fester darin.

Franzen stellt zudem gut dar, wie groß die mit dem enormen Freiheitsgrad einhergehende Verunsicherung des Individuums geworden ist. Alle bedeutsamen Entschlüsse und Handlungen der Hauptakteure (Patty, Walter und und ihr Sohn Joey Lundberg, sowie gewissermaßen auch Richard Katz, ein Freund der Eltern) sind von der unterschwelligen Angst durchzogen, Fehler zu machen — Fehler die im Rückblick ja soo absehbar waren. Mit der durch unzählige mögliche alternative Lebensentwürfe ins Unermessliche gewachsenen Entscheidungsfreiheit wächst nicht nur die Verwirrung, sondern auch die Möglichkeit, ja, sogar die Wahrscheinlichkeit, die falsche Wahl zu treffen. Der Zwang, jederzeit nicht nur die optimale, sondern möglichst sogar die ideale Option zu realisieren, setzt uns unter Druck und paralysiert uns. Doch wenn dann mal tatsächlich etwas komplett schiefgeht — im Roman, der jedoch auch in diesem Punkt seine Realitätsnähe beweist –, so passiert dies, weil frei entschieden, weil spontan gehandelt wurde.

Aber damit nicht genug: Dem Autor gelingt es zudem perfekt, das positive Gefühl nachzustellen, welches uns andererseits durch die gewährte Freiheit beschieden wird, nämlich,  selbstbewusst, eigenständig und unabhängig zu sein. Da es sich dabei offenbar um eine Illusion handeln muss, hat dies im Zusammenspiel mit den oben angeführten Beklemmungen und Abhängigkeiten (sowie Co-Abhängigkeiten!) voneinander schon etwas ungesundes, schizophrenes. Die Charaktere teilen folgerichtig miteinander den Hang zum Wahnhaften, den sie allerdings aneinander erkennen und verachten, sodass sich dem Leser ständig implizit die Frage stellt, ob er denn auch so sei.

Es sollte klar geworden sein: Freedom ist, wie schon The Corrections (oder Buddenbrooks) eigentlich kein positiver, hoffnungsvoller Roman. Ja, das Buch ist an vielen Stellen amüsant (etwa, wenn Joey Stunden vor einer extrem wichtigen Flugreise nach Übersee versehentlich seinen Ehering verschluckt), aber der Humor bleibt halbwegs zynisch, halbwegs mitleidig belächelnd. Umso mehr verwundert das Ende, das die Geschichte nimmt, da es so unerwartet kommt, wie es sich klischeehaft ausnimmt.  Franzen deutet an, es gebe Hoffnung für das erfüllte Leben des Einzelnen in den Gemeinschaften — wenn der Einzelne sich und seine Freiheit nur nicht so wichtig nähme. “Die Hölle, das sind die Anderen”, schrieb Sartre. Franzen pflichtet ihm bei, erklärt uns aber, warum das eigentlich so ist: Weil wir uns nicht auf die Anderen einstellen, sondern uns von ihnen entfremden und trennen, obwohl wir so dringend auf sie angewiesen sind. Alles in allem ein scharfsichtiges Werk, das unsere Zeitverhältnisse in klarem Licht und unterhaltsam darstellt.



Zum Hebräerbrief


Über den Monatswechsel Juli/August 2010, als dieser Eintrag eigentlich entstanden ist, habe ich mich zum ersten Mal wirklich  intensiv mit dem Hebräerbrief auseinandergesetzt (und diesen ebenfalls erstmal in einem Rutsch gelesen). Lange Zeit hatte mich dieser Text nicht sehr begeistert – zu düster und mahnend im Ton, zu abstrakt der Inhalt. Nur der Schönheit der theologischen und auch der formalen Konzeption habe ich mich eigentlich nie so wirklich entziehen können.

Nun wurde ein Teil der Aussagen zur Opfertheologie im Gottesdienst am 01.08. verarbeitet, und beim Lesen des entsprechenden Kapitels 9 in der Vorbereitung darauf packte es mich: Ein derart zeitloser, inspirierter Text! Da war es offenbar immer schon egal, dass weder Autor noch Adressatenkreis noch Abfassungszeitraum in irgendeinerweise verlässlich und präzise bestimmt werden konnten.

Die Opfertheologie, die der unbekannte Autor entfaltet — Jesus als Hohepriester und Opferlamm, dessen freiwilliges Opfer aber so bedeutend ist, dass es im Gegensatz zum Opferkult der Stiftshütte nur “ein für alle Mal” gebracht werden musste — teilen heutzutage auch viele Christen deswegen nicht mehr, weil ein Gott, der Blut als Satisfaktion zur Vergebung von Sünde und Schuld fordert, uns zurecht archaisch erscheint. Wir haben nicht nur ein anderes Gottesbild, dass auch im wesentlichen von den humanistischen Werten der Aufklärung beeinflusst wurde — wir sind auch Tieropfer nicht mehr gewohnt. Im Gegenteil, der Tierschutz liegt uns am Herzen, und schon das Schlachten zur Nahrungsgewinnung hat einen zweifelhaften Ruf bekommen. Und um wieviel mehr lehnen wir ein Menschenopfer ab — ganz gleich, ob dieses nun mehr oder minder freiwillig erbracht wurde.

Der Schreiber des Hebräerbriefes wie auch seine urchristlichen Leser hatten einen anderen Hintergrund. Ich kann mir vorstellen, dass die genutzten Bilder für sie intuitiv und lebensnah anstatt befremdend und grausam erschienen sein mögen. Und da es im betreffenden Text um sehr komplexe theologische Sachverhalte geht, nötigt mir diese Vorstellung, wie hier ein Autor genau die Sprache seiner Leser trifft, ebensoviel Respekt ab wie die Tatsache, dass er seine Argumentation kurz, stringent, prägnant und frei von inneren Widersprüchen vorträgt. Auch wenn ich dem Hebräerbrief nicht in allen Punkten (und vor allem: Prämissen) folgen mag, halte ich ihn also doch für eine frühe theologische Höchstleistung.



Von Jesus lernen heißt siegen lernen (Kleines 1×1 des Betens, Folge 7)


Merkwürdig… In den letzten Wochen und Monaten habe ich weder Zeit noch Kraft noch Ruhe für unser Blog übrig gehabt, und dieser Text, dessen Rohfassung ursprünglich Anfang April dieses Jahres entstand, dümpelte damit also über ein halbes Jahr als Draft dahin — oder sollte ich sagen: reifte? Jedenfalls haben mich folgende Zeilen doch irgendwie selbst wieder erstaunt und berührt (oder vielleicht auch eher andersherum), sodass ich sie jetzt, mit einigem Abstand, noch veröffentliche, nicht ohne die Lektion, die ich persönlich seitdem gelernt habe, unten kursiv gesetzt anzufügen.

Wenn die Lage ernst oder gar hoffnungslos erscheint, gewinnt unser Gebet manchmal überraschend eine neue Qualität. Selbst wer sich von Gott keine rechte Vorstellung machen kann oder will, oder Ihn zumindest nicht als Weltenlenker, micromanagenden Controlfreak oder gar Wünscheerfüller sieht, hält sich in einer solchen Situation mit spezifischen Bitten nicht zurück. Doch andererseits müssen auch die vertrauensvollsten Glaubenden die Erfahrung machen, dass Gott nicht nur ihre Gebete nicht erhört, sondern Er zudem eiskalt schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Und dann?

Mich hat in dieser Situation sehr bewegt und irgendwie auch erleichtert, was Jesus in der Nacht vor seinem Karfreitag erleben musste. Immerhin: Gottes eingeborener Sohn, d.h. Einzelkind, also mit den denkbar besten Connections nach oben. Zudem sündlos, und umso mehr noch schuldlos, und ja auch angeblich bestens informiert, was auf ihn wartete und wozu das alles notwendig war. Aber in dieser Nacht in Gethsemane, da betet er dann doch wie nie zuvor: Laut Markus fängt er an “zu zittern und zagen”, sein Schweiß fließt vom intensiven Beten “wie Blut” zu Boden, berichtet Lukas, und er unterbricht sein Gebet immer wieder, um nervös seine Jünger dafür zur Schnecke zu machen, dass sie so cool bleiben, dass sie sogar einschlafen.

Und dann dieses Gebet: “Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!” lässt Markus ihn sprechen.

Doch genau das geschieht nicht. Gott antwortet nicht. Gott reagiert nicht. Er speist ihn nicht, wie Paulus, mit dem Hinweis ab, er solle sich an Seiner Gnade genügen lassen (2Kor 12,9). Er vertröstet ihn auch nicht mit einem nebulösen Versprechen eines abstrakt bleibenden “Lohns”, wie so oft in der Bibel, insbesondere auch im Neuen Testament. Nein, Gott schweigt seinen Sohn an, lange, beharrlich, unbarmherzig, wo Jesus doch meinte, der Vater und er seien eins.

Dieses erschreckende Gefühl, das selbst Gottes Sohn erleben musste, hat es glücklicherweise trotz seiner augenscheinlichen Negativität bis in die Evangelien geschafft. Am Ende, am Kreuz, schreit Jesus es heraus: “Eli, Eli, lama asabtani?” (Mk 15,34; Mt 27,46) Schon möglich, dass er damit nur die ersten Worte des 22. Psalms zitieren wollte, ein versteckter Insidertipp in dem Bewusstsein, dass dieser Psalm letztlich sein happy end in der triumphalen Hilfe Gottes findet, die für alle sichtbar sein wird. Doch Psalmen voller Lob und Preis für Errettung durch göttliche Intervention gibt es viele; warum also gerade dieser, und noch dazu gerade diese vier Worte?

Von allen Aussprüchen Jesu am Kreuz ist dieser für mich gleichzeitig der rätselhafteste wie auch der nachvollziehbarste und verständlichste. Aber ob der vordergründig ent-täuschende Eindruck des Verlassenseins nicht doch auch nur wieder eine erneute Selbsttäuschung ist? Immerhin spüren wir, auch wenn Gott sich nicht zu regen scheint, die Nähe unseres persönlichen Umfelds selten so stark wie in Zeiten der Not. Auch Jesus war in seinen letzten Stunden nicht allein.

Zwar  sind unsere Mitstreiter in vielen Dingen genauso machtlos wie wir, und ihr Trost unbeholfen und schwach. Doch wenn ihre Überlegungen, ihre Angebote, ihre Fürsorge, ihre Liebe ernsthaft sind, sehe ich dies auch als ein Zeichen von Gottes Nähe und Handeln. Denn auch wenn Er nicht selbst eingreifen mag — Seine Gedanken leiten, ob bewusst oder unbewusst, viele der Menschen, die uns in schweren Zeiten zur Seite stehen.



ÖKT 2010: Wie Glauben leben?


Es ist heutzutage selbst in der protestantischen Theologie keine Frage mehr, dass der christliche Glaube, wenn er ernsthaft ist, Auswirkungen auf die persönliche Lebensführung haben wird. Oft genug drängen sich aber dem heutigen Gläubigen diverse Fragen auf: Wie kann ich zeitgemäß und dennoch zeitlos Christ sein? Und was macht das genuin Christliche einer bzw. meiner Lebensführung aus, wo wir doch beobachten, dass natürlich auch Mitglieder anderer Religionen und sogar Atheisten ethisch-moralisch einwandfrei Leben können? Über diese Fragen sollten vier sehr unterschiedliche Gläubige Rechenschaft ablegen: Der über 80-jährige katholische Kirchenkritiker Hans Küng ebenso wie der 1977 geborene, postmoderne Protestant Daniel Ehniss, der orthodoxe Erzdiakon Zoran Andric ebenso wie der Professor für Physik und Philosophie Harald Lesch. Vier Lebensentwürfe, die beispielhaft versuchen, subjektive Antworten zu geben.

In seinem Impulsvortrag zu Beginn der Veranstaltung charakterisierte Hans Küng denn auch den Glauben sogleich als persönliche Frage, zu der aktiv Stellung bezogen werden müsse – insbesondere im Konflikt (wie etwa der momentan prekären Situation, in der sich die Kirchen befinden. Als Beispiel verwies Küng auf seinen Offenen Brief an die Bischöfe der Römisch-Katholischen Kirche bezüglich des zaudernden Handelns in der aktuellen Vertrauenskrise.) Es gelte also, Rechenschaft ausgehend von den eigenen Erfahrungen und Standpunkten abzulegen. Dennoch dürfe sich der Gläubige nicht aus Bequemlichkeit um diese Verantwortung herumdrücken. Der Trick sei, auch “in schwierigem Gelände glauben leben können – in katholischer Weite mit evangelischer Konzentration”.

Auf die Frage, nach seinem Lebensgrund bzw. was ihm als geistliche Grundlage wichtig sei, antwortete Küng: Lebensvertrauen! Und zwar trotz aller negativen Erfahrungen – es trägt auch in schwierigen Situationen und ist im Gottvertrauen verankert. Gott sieht er als Urgrund und Ursinn des Lebens.

Ob er je Zweifel an der Existenz Gottes gehabt habe? Nein, wohl aber Zweifel an den diversen Gottesbeweisen bzw. -gegenbeweisen. Die Atheisten hätten leider auch in allzuvielem Recht gehabt, beispielsweise bezüglich ihrer Anklagen an die problematische Kirchengeschichte. Dennoch könne (und müsse) sich jeder Glaubende weiterhin frei und selbst entscheiden, ob aus seiner Sicht Gott existiert oder nicht. Das Gebet als persönliches Gespräch mit Gott und der Glaube an sich behalte daher für viele Menschen einen tiefen Sinn. Als ersten von drei wesentlichen Aspekten, den Glauben zu leben, ermunterte Küng damit die Zuhörerschaft zu einem redlichen Gottesglauben. Dieser Rat gelte nicht nur für Christen, denn da Gott (oder Allah, oder Jahwe bzw. Adonai) jeden Menschen um seiner selbst willen liebt, und aus Küngs Sicht in der Regel Geburt und Sozialisation über die Religionszugehörigkeit eines Menschen entscheiden, darf nicht nur dem Christentum Heil zugesprochen werden können. Trotzdem sei ein beliebiger Synkretismus verschiedener religiöser Strömungen abzulehnen. Der sei aus christlicher Sicht aber auch garnicht notwendig, so Küng – schließlich sei ihm selbst in sieben Jahren Studium in Rom das Christsein nicht verleidet worden. Und wer ist überhaupt Christ? Doch jeder, der sich bemüht, sich auf seinem Lebensweg sichtbar an Jesus Christus zu orientieren. Für die Christen in den Gemeinden heiße das aber auch automatisch Leiden an der Diskrepanz zwischen dem historischen Jesus und der real existierenden Kirche.

Überhaupt faszinierend an Jesus ist die unumstößliche historische Tatsache, dass er nicht als Sieger starb. Eigentlich ist es doch paradox: Milliarden von Menschen erwarten Heil aus der Lehre eines, der vor fast 2000 Jahren schändlich hingerichtet wurde. Aber gerade das ist das befreiende am christlichen Glauben: Erlösung erwartet die Gläubigen nicht nur dermaleinst in geistlicher Perspektive, sondern auch schon jetzt und hier und ganz konkret: aus einer Leistungs-, Konsum- und Machtgesellschaft. Dies spiegelt sich nicht nur in Christi Tod, sondern auch in seiner Lehre wieder, wie sie uns in der Überlieferung der Bibel erhalten ist. (Beispiele aus der Bergpredigt folgen.) Der Glaube an Jesus als dem Christus und an seine Lehre macht uns frei.

Doch auch wenn Christus nicht mehr unter uns weilt, hat er uns nicht nur seine Lehre hinterlassen – er hat den Christen einen Tröster geschenkt in seinem Geist. Jeder Gläubige hat die Möglichkeit, sich von Christi Geist inspirieren lassen, der wirkt wo er will – beispielsweise als Geist der Mitmenschlichkeit, also unter und zwischen uns Menschen. So kann man sich Gott auch mit “leeren Händen” nähern, allein im vertrauenden gelebten Glauben, mit den drei Aspekten: Redlicher Gottesglauben, befreiender Christusglauben und geistbewegtes Leben.

Die auf diesen Vortrag folgende Podiumsdiskussion entpuppte sich leider als reine Fragerunde. Schade, denn mich hätte durchaus sehr interessiert, was die vier Teilnehmer einander zu sagen gehabt hätten. Zudem standen die Fragen des Moderators auch nicht in Beziehung zueinander, sodass der jeweils Antwortende noch nicht einmal bei seinem Vorredner anknüpfen konnte, was dem Gespräch den Anschein des Zusammenhangslosen gab. Über den Verlauf kristallisierten sich allerdings die vier sehr unterschiedlichen persönlichen Ansätze heraus, den Glauben zu leben, die ich versuchen will, in Folge zu skizzieren und in zueinander in Relation zu setzen:

Am Anfang stellte der Moderator die Frage nach der Vereinbarkeit von Glaube und weltlichem Leben. Für den serbisch-orthodoxen Zoran Andric gibt es zwei Modi seines Lebens: Beruflich ist er Historiker einer Versicherung, privat Erzdiakon – beides hat nichts miteinander zu tun, und seine Arbeitskollegen wissen nichts von seinem freizeitlichen Engagement. Im Gegensatz dazu sind für Daniel Ehniss Glaube und Beruf – er ist Webdesigner und Blogger – untrennbar miteinander verbunden, denn wer im Internet aktiv ist, wird sowieso damit leben müssen, dass Suchmaschinen die Informationen über beide Bereiche miteinander verschmelzen. Für den Physiker Harald Lesch schließlich ist der Glaube eine Ergänzung (im Sinne einer Fortsetzung) zu seiner naturwissenschaftlichen Arbeit: während diese niemals abgeschlossen sein wird, gebe der Glaube endgültige Antworten.

Für Hans Küng hat sich der erste Kontakt mit dem Glauben in der Kindheit durch die Tradition in der Familie ergeben. Dieser Ansatz, in eine Religion hineinzuwachsen, sei auch wünschenswert. Auch Harald Lesch ist im Glauben (jedoch dem protestantischen) erzogen worden und hat ihn zum ersten Mal intensiv erlebt, als er im Konfirmandenunterricht selbstständig religiöse Texte durchdringen sollte. Dieses kritische Hinterfragen der tradierten Glaubenssubstanz geschehe im Christentum immer wieder erneut, praktisch durch jeden Gläubigen. Dadurch entstünden zwar auch Zweifel, die aber einen Antrieb darstellten: “Mein Glaube,” so Lesch, “muss meinem Wissen standhalten.” Die spezielle Schwierigkeit, die eigene Glaubenssubstanz an die nachfolgende Generation weiterzugeben, betonte Zoran Andric: Kinder fänden die Gottesdienste oft langweilig und würden sich von der Kirche entfernen, später als junge Erwachsene aber von sich aus wieder mehr Interesse für den Glauben ihrer Eltern entwickeln. Daniel Ehniss bekundete, wie sehr es ihn mit Staunen erfüllt, wenn Gläubige die große Verantwortung übernehmen, die in der Aufgabe liege, den Glauben weiterzugeben.

Auf die Frage, was ihn an den christlichen Kirchen als Institutionen störe, antwortete Hans Küng: Die vielen vergebenen Chancen – auch wenn glücklicherweise durch die Ortsgemeinden vieles wieder herausgerissen werde. Die Krise sollten die Kirchen denn auch als Chance für einen Neubeginn nutzen. Dazu müsste die Leitungsebene aber erstmal die Tragweite der Situation erkennen; offensichtlich sei es dazu notwendig, dass die Stimme der Laien hörbar wird. Für Daniel Ehniss, der als Vertreter der emergent church Glaube an sich sowieso als Konversation, also in dialogischer Form und damit als basisdemokratisch im Ansatz versteht, wäre wichtig, dass sich die Kirchen selbst weniger wichtig nähmen, und die eigene Position in erster Linie als Ausgangspunkt für den gleichbereichtigten untereinander Dialog sähen. Harald Lesch forderte von den Kirchen, sie müssten Vertrauen schaffen, um den Gläubigen Kraft gegen die Lebensängste des 21. Jahrhunderts auf den Weg zu geben. Kirche müsse die Wirklichkeit so nehmen, wie sie sei, und sich in dieser aktiv für die Menschen einsetzen, von denen in immer weniger Zeit immer mehr gefordert werde. Auch benötige die Wissenschaft als rein technisches Verständnis der Welt eine religiöse Rückbindung, um ethische Entscheidungen gewährleisten zu können.

Alles in allem war eine interessante Runde versammelt, die deutlich machte, wie bunt und vielfältig die Ansätze sind, den Glauben zu leben, und dass es sich dabei immer “nur” um persönliche Lebensentwürfe handeln kann. Lesenswert ist auf jeden Fall auch der Bericht eines der Protagonisten: Daniel Ehniss hat natürlich auch selber über diese Veranstaltung gebloggt.



ÖKT 2010: Universum und Schöpfung – Zeichen der Hoffnung?


Ein kurzweiliger und interessanter Dialog zwischen den Naturwissenschaften und dem Glauben.

Referenten: Prof. Dr. Gerhard Börner, Prof. Dr. Thomas Gornitz, Prof. Dr. Harald Lesch

Moderator: Prof. Dr. Klaus Mainzer

Mit dieser wirklich hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion wurde der “Dialog zwischen Naturwissenschaften und Religion” des ÖKT 2010 eröffnet. Der Moderator Prof. Klaus Mainzer, Philosoph und Hirnforscher, bemerkte dazu, dass es irgendwie passend sei. Schließlich begönne auch die Bibel mit einer Kosmologie – das Zentrum der Wissenschaften dürfe also auch mit der Schöpfung beginnen, obwohl diese nicht den Anfang der Physik darstelle, die ihrerseits von grundlegenden Naturgesetzen ausgehe. Nach diesen einleitenden Worten hielt jeder der drei Referenten einen kurzen Impulsvortrag, wobei diese jeweils einen eigenen Themenbereich berührten.

Prof. Gerhard Börner widmete sich dabei der Schöpfungsgeschichte aus astronomischer Sicht. Er zeigte eindrucksvolle Bilder von Planeten, Sternen und Galaxien: Testobjekte, wie er sie nannte. Um die 10.000.000.000 Galaxien(!) sind mit unseren Hochleistungsteleskopen über den ganzen Himmel verteilt beobachtbar, und schon ihre sichtbare Gestalt zeigt eine große Vielfalt. Doch dabei sehen wir kein Bild des Kosmos im Sinne eines Schnappschusses, sondern einen geschichtlichen Querschnitt, weil das Licht selbst zweier optisch direkt nebeneinander liegender Objekte Millionen von Lichtjahre unterschiedlich lang unterwegs sein kann. So versucht die Wissenschaft Rückschlüsse auf den Anfang und auf die Entwicklung des Kosmos zu ziehen. Aus diesen intensiven Forschungen entstand das Urknallmodell, das aber noch zwei Mankos aufweist: einerseits sei danach auch die Zeit im Urknall entstanden, was den Physikern glücklicherweise erspart, erklären zu müssen, was “zuvor” geschehen ist. Andererseits sind uns immer noch 95% des Kosmos unbekannt – denn über Aufbau und Wirkungsweise von Dunkler Materie und Dunkler Energie kann die Wissenschaft noch keine Aussagen machen.

Als Zweites sprach Prof. Harald Lesch, der sich selbst als “Protestanten vom Scheitel bis zur Sohle” bezeichnet, was ihn aber nicht davon abhält, als Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an einer Jesuiten-Hochschule zu wirken. Er zog die Prämisse der modernen Physik in Zweifel, nach der überall im Universum gleiche Vorraussetzungen herrschen – getreu nach dem Motto  “Außerirdische sind auch nur Menschen…”. Dazu lud er zu folgendem Gedankenspiel ein: Stellen wir uns Lebewesen auf einem Wasserplaneten vor; werden diese eines Tages ihren Planeten verlassen können? Nicht in unserem Sinne jedenfalls, denn die Wesen werden Hochenergie-Elektrizität nicht entdecken können, weil sie durch die Leitfähigkeit des Wassers eine unmittelbare Gefahr für sie darstellt. Ohne derartige Elektrizität aber auch kein Raumflug, wie wir ihn kennen. Auch im Bezug auf die Beobachtung des Kosmos gilt: “Alle sehen zwar das Gleiche, aber nicht das Selbe.” Daher empfahl Lesch im Bezug auf die Naturwissenschaften: “Glauben sie mir kein Wort!” – alle Hypothesen müssen schließlich auch rigoros überprüft werden. Zu diesem Zweck sollten sie tunlichst einem Sparsamkeitsprinzip genügen (Occam’s Razor), also nur über ein Mindestmaß an notwendigen Annahmen verfügen. Dieser Geiz führt aber auch zu einem postmodernen Phänomen: wir müssen feststellen, das wir die Wahrheit nicht kennen, sondern nur wissen, was definitiv falsch ist. Die Frage nach dem unbewegten Erstbeweger (Aristoteles) oder nach der Erstursache (Urknall) leidet unter der gleichen Problematik.

Prof. Thomas Gornitz spricht als Erster direkt die Hoffnung an. Er zitiert den bekannten Physiker Steven Weinberg: “Je mehr wir vom Universum kosmologisch verstehen, desto sinnloser erscheint es uns.” Im Gegensatz dazu arbeitet die Bibel, wo die kosmologisch anmutenden Aussagen am Anfang sowohl des Alten wie auch des Neuen Testaments jeweils tiefe philosophische Thesen über den Zusammenhang von Gott und Welt und damit deren Sinn beinhalten. Schon die Israeliten wussten: Gott ist nichts, was man einfach so in dieser Welt sehen kann, sondern Er geht weit darüber hinaus. Interessant ist dabei die Sicht der verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen auf die Religion: Große Ablehnung erfährt sie vor allem unter Biologen, große Zustimmung dagegen unter Physikern. Warum ist das so? Physik befasst sich mit grundlegenden, universellen Problemen, an den Grenzen der Naturwissenschaften, die immer nur das Wie, aber nicht das Warum (überhaupt etwas existiert) erklären können.

Der Prolog des Johannesevangeliums “Am Anfang war der Logos” kann auf vieles hindeuten – Wort, Sinn, Rechnung, Information. Woher kommt also das Geistige? “Auch aus elementaren Bausteinen (Atomen) lässt sich Geistiges nicht herleiten,” so Prof. Gornitz. Das Einzige, worüber man sich nicht wirklich täuschen kann, sei sogar das eigene Bewusstsein. Darüberhinaus setze auch in den Naturwissenschaften ein Umdenken ein: Die Quantentheorie als Physik der Beziehungen beschäftige sich mit dem Wirken von Wahrscheinlichkeiten, wodurch das Ganze zu weitaus mehr als der Summe seiner Teile werde, denn jetzt gelten nicht nur die Fakten, sondern auch die Möglichkeiten werden immanent wichtig. Daraus folgt: die Zukunft ist offen, es gibt keinen Determinismus, wir Menschen sind frei und tragen daher auch Verantwortung für uns, unser Handeln, und auch für unsere Umwelt! Wirklichkeit ist darüberhinaus mehr als das, was materiell vorhanden ist. Eine Folge der Quantentheorie ist, dass sich Materie in Strukturen auflöst, wobei die grundlegende abstrakte Quanteninformation darstellen. Materie und Energie sind also auch nur Information. Sind also “Geist und Leben nur Schimmel auf der Oberfläche der Materie”, oder existieren sind davon unabhängig, womöglich gar bereits zuvor? Für diese und andere Fragen empfiehlt Gornitzer, dem Diktum Dietrich Bonhoeffers zu folgen, wenn dieser schreibt:

“In dem, was wir erkennen, sollen wir Gott finden, nicht aber in dem, was wir nicht erkennen; nicht in den ungelösten, sondern in den gelösten Fragen will Gott von uns begriffen sein. Das gilt für das Verhältnis von Gott und wissenschaftlicher Erkenntnis.”

Um die nach diesen Impulsvorträgen angesetzte Diskussion ebenfalls eine Initialzündung zu versetzen, fragte der Moderator Klaus Mainzer provokant, wo denn nun der Gott in den Naturwissenschaften zu finden sei. Gerhard Börner entgegnete, Gott sei nicht notwendig, es könne auch keine Aussage über ihn gemacht werden. Daneben käme “ich selbst” in den Naturwissenschaften schließlich auch nicht vor. Harald Lesch bemerkte, die Erkenntnisse der Physik seien geschichtslos, auch Bewusstsein sei nur im Augenblick möglich. Menschen haben aber Geschichte, und sind ohne Vergangenheit und Zukunft undenkbar. Klaus Maizer kritisierte auch, dass unser heutiges Weltbild häufig auf einem ähnlich wortwörtlichen Verständnis der Botschaften der Naturwissenschaften beruht, wie es im Bezug auf die Bibel früher der Fall war. Thomas Gornitz erklärte dazu, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaften stark verzögert bei der breiten Öffentlichkeit ankämen, obwohl sie das Weltbild der wissenschaftlichen Forschung entscheidend prägten. Zum Beispiel die Quantentheorie: nach ihren Thesen sind keine objektive Erkenntnisse möglich, weil alle Messungen das beobachtete System verändern. Und wenn wir Regeln in der Welt erkennen – dann betrachten wir diese Regeln ja als Gesetze unter Gleichen; Gleichheit resultiert aber aus dem Ignorieren von Unterschieden. “Die Wirklichkeit,” so Gornitz, ” besteht nicht aus kleinen Klötzchen.” Alle Bilder, die wir uns von ihr machten, seien also nur näherungsweise wahr.

Nach Alternativen zum Urknallmodell befragt, bekundeten alle drei Referenten einstimmig, dass es keine ernstzunehmende Konkurrenz dazu gebe. Zudem expandiere das Universum nach heutigem Erkenntnisstand ohne Ende, ein zyklisches Modell, wonach am Ende des Universums ein big crunch folge – gefolgt von einem weiteren Urknall – werde also auch nicht angenommen. Aber es dürfe nicht aus den Augen verloren werden, dass weltanschauliche Ansichten starke Einflüsse auch auf derartige physikalische Modelle ausübten. Ein Beispiel dafür sei die Notwendigkeit von Dunkler Energie und Dunkler Materie im Urknallmodell. Letztlich stelle sich den Kosmologen das Problem, dass sie nur beobachten könnten. Aber man müsse trotzdem fein differenzieren: Modelle an sich seien eben keine Weltanschauungen, sondern hochpräzise Gleichungssysteme, die durch Beobachtungen exakt belegt werden können. Erkenntnisse gewinnen wir durch Experimente, und Theorien bauen auf dem Fundament dieser Erkenntnisse auf (vorsichtig!, wie Börner hinzusetzte). Doch eben diese Vorsicht geht in der öffentlichen Betrachtung häufig verloren, sodass z.T. keine saubere Unterscheidung zwischen bewiesenen Erkenntnissen und Hypothesen mehr vorgenommen wird. Dazu kommt: Erkenntnisse entwickeln sich weiter; in Zukunft werden wir vielleicht Dinge physikalisch beweisen können, die jetzt noch religiös erklärt werden müssen.

Harald Lesch versetzte auf die Frage nach Gott augenzwinkernd: “Wir fragen unseren Bäcker oder Automechaniker doch auch nicht nach Gott – warum also die Naturwissenschaftler?!” Sein Glaube wirke sich darauf aus, wie er mit anderen Menschen umgehe. Gornitz betonte erneut, alle naturwissenschaftlichen Beschreibungen seien noch nicht die Wirklichkeit, und gebe uns keinen Sinn für unser persönliches Leben.

Auch Klaus Mainzer lieferte zum Abschluss ein persönliches Statement zu der Rolle Gottes aus Sicht der Wissenschaften. Er stellt heraus, Gott sei kein Lückenbüßer – diese fehlerhafte Annahme habe zu einem jahrhundertelangen, nervigen Rückzugsgefecht der Kirche geführt. Nochmal Bonhoeffer:

“Es ist mir ganz deutlich geworden, daß man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann – was sachlich zwangsläufig ist – sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug.”

Die Naturwissenschaft kann, so Mainzers optimistische Ansicht, irgendwann prinzipiell alle natürlichen Vorgänge erklären. Aber es gibt eben mehr als die technische Sichtweise der Wissenschaften – und auch Naturwissenschaftler können die Schönheit von Sonnenuntergängen genießen, obwohl sie ihr Entstehen mittlerweile komplett erklärt haben. Der Zauber unserer Schöpfung geht über ihre Mystik, ihre Rätsel hinaus. Daraus ensteht eine Hoffnung, die bleibt – auch wenn vieles ganz nüchtern erklärt werden kann.