Uwe Birnstein, Georg Schwikart: “Katholisch? Never! Evangelisch? Never!”


Herrlich plakativ und für den anvisierten Zweck – mir also die Reise zum ÖKT zu verkürzen – wunderbar geeignet ist das gerade rechtzeitig erschienene Buch von Uwe Birnstein und Georg Schwikart mit dem Titel “Katholisch? Never!” bzw. “Evangelisch? Never!”. Beide Autoren bemühen in dieser Abhandlung aus ihrem jeweiligen, konfessionell geprägten Blickwinkel zunächst alle gängigen Klischees, warum sie die Gläubigen der jeweils anderen Kirche eben nicht beneiden, nein, vielmehr bemitleiden, und auf keinen Fall mit ihnen tauschen würden – weil man es ja selbst schließlich so viel besser hat. Derartige Tiraden sind natürlich mit einem doppelten Augenzwinkern verfasst, was auch bereits deutlich wird, nimmt man den Band zur Hand: er besitzt auf den ersten Blick zwei Rücken und zwei Vorderseiten, und lädt also von jeder Seite gleichsam zum Lesen ein. Jede Sichtweise ist also gewissermaßen “die Richtige”, hat aber ihre durchaus ebenso berechtigte Kehrseite.

Insofern wurden hier zwei Bücher schon auf sichtbare Weise “ineinander verschränkt”, ein erzkatholisches und ein höchstprotestantisches. Aber jedes der beiden ist ebenfalls zweigeteilt: nach dem augenzwinkernden Auseinandernehmen der Anderen und dem ebenso humorvollen Herausstreichen der eigenen Vorzüge folgt eine durchaus ernsthafte und konstruktive Diskussion, wie Ökumene gelingen kann: auf der Basis des gegenseitigen Anerkennens von Stärken und Schwächen, aus dem gegenseitigen Lernen voneinander und als letztlich der Erkenntnis, dass jede Teilgruppe der Christenheit auf die andere(n) angewiesen ist – auch, weil wir nur so den vollständigen Leib Christi repräsentieren können.



Alessandro Manzoni: Die Brautleute


Mit den Klassikern aus Goethes Zeit stand ich bislang interessenbedingt eher auf Kriegsfuß, insbesondere, wenn sie in Schwartenstärke auftraten. Aber wenn einer der eigenen Lieblingsautoren — in meinem Fall Umberto Eco — des Lobs für ein Werk nicht müde wird, und wenn dann auch noch eine gefeierte Neuübersetzung des betreffenden Werks vorliegt, just von dem Übersetzer, der auch Ecos Werke ins Deutsche zu übertragen weiß — Burkhart Kröber — dann dürfte das Ergebnis einen Versuch mal wert sein, dachte ich mir. Ein Glück!

Worum geht es? In nuce: Man schreibt das Jahr 1628, und die Verlobten Lucia und Renzo, Bergler aus der Lombardei, wollen heiraten. Doch leider hat auch der fiese Fürst Don Rodrigo ein Auge auf Lucia geworfen und bringt den ängstlichen Ortsgeistlichen Don Abbondio dazu, die Trauung bis auf Weiteres zu verschieben, um Renzo in der Zwischenzeit außer Landes zu jagen. Gemeinsam mit Lucias Mutter Agnese spinnen die beiden Brautleute daraufhin eine List, um doch noch den Segen des Pfarrers zu erhalten.

Was als Bauernschwank beginnt, entpuppt sich als sehr abwechselungsreiches Lesevergnügen: dieser Roman ist gleichzeitig auch Geschichtsbuch und Sozialstudie, und der Autor (der nach Selbstauskunft nur ein Manuskript eines unbekannten Schriftstellers aus dem 17. Jh. verarbeitet) fügt viele interessante Anmerkungen ein, die sich bisweilen zu seitenlangen Abschweifungen entwickeln. Kritisch werden alle Schichten der Gesellschaft vorgestellt und beäugt, ohne dass die Zusammenhänge konstruiert werden müssen — die Geschichte fließt so leicht und fröhlich dahin wie die Adda, und dank schicksalshafter Wendungen bleibt es spannend bis zum Schluss. Unbedingte Leseempfehlung, wobei man für die 850 Seiten durchaus ein wenig Muße mitbringen sollte.



Brian D. McLaren: A generous orthodoxy


Mit der Rechtgläubigkeit ist es ja so eine Sache, speziell in religiösen Fragen. Anderen gesteht man dieses Prädikat selten zu, zumeist nur als Betitelung einer entsprechenden Schublade — z.B. “griechisch-orthodox” oder “ultraorthodoxe Juden” — und wenn einmal einem Einzelnen, dann eher in abwertender Form: der übertreibt es aber auch wirklich ein wenig.

Andererseits hat die Philosophie der Postmoderne zudem zu einer derartigen Relativierung aller Wahrheitsansprüche geführt, dass nur wenige junge Christen sich selbst heutzutage noch ernsthaft als “rechtgläubig” bezeichnen würden — und das zu Recht! Insofern ist der Titel von Brian McLarens Buch, “A generous orthodoxy”, natürlich eine kalkulierte Provokation; umso mehr, als der zugegebenermaßen etwas länglich anmutende Untertitel dann ausführt: “Why I am a missional, evangelical, post/protestant, liberal/conservative, mystical/poetic, biblical, charismatic/contemplative, fundamentalist/calvinist, anabaptist/anglican, methodist, catholic, green, incarnational, depressed-yet-hopeful, emergent, unfinished christian.” Ahja.

Nun könnte man meinen, dies solle das ziemlich langweilige Credo eines Christen werden, der versucht, es allen irgendwie recht zu machen. Diesen Eindruck möchte ich aber schnellstens wieder zerstreuen, denn bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass man als Christ mit einer solchen Einstellung immer noch zwischen allen Stühlen sitzt und von jedermann weniger Lob als vielmehr Kritik erwarten darf. Insofern liegt hier für jeden, der sich darauf einlassen mag, ein vergnügliches Stück Apologetik vor — vergnüglich deshalb, weil es McLaren gelingt, in bester Manier der Dekonstruktion, jedes der im Untertitel aufgelisteten Adjektive überraschend auf seine ursprüngliche Bedeutung hin zurückzuführen. Das macht nicht nur Spaß zu lesen, es versetzt auch in jedem Kapitel wieder neue Denkanstöße.

Letztlich geht es McLaren nicht um ein Aufteilen der Welt in Gut und Böse, sondern um ein Betrachten der Zustände aus ungewohnten Blickwinkeln. Und so ist natürlich auch die selbstbehauptete “Rechtgläubigkeit” natürlich nicht durch irgendwelche Dogmen, sondern den Geist der Großherzigkeit definiert, was mir sehr gut getan hat — auch wenn ich nicht überall mit seinen Ansichten übereingestimmt habe. Aber wir wollen mal nicht so sein.



Ian McEwan: Saturday


Meine Güte, könnte man denken, was für ein sterbenslangweiliges Sujet: Da begleitet der Leser einen vielleicht fünfzigjährigen Oberschichtentraumtänzer von Arzt aus London durch einen kompletten Samstag, erträgt seine somnambulen Selbstreflektionen, fährt mit ihm zum Squash, dann Fisch kaufen, dann die demente Mutter besuchen — und das auf satten zweihundertachtzig Seiten. Kein Detail, nicht einmal die Betrachtung darüber, wie der Strahl des Protagonisten im Pissoir spielt, bleiben ihm erspart. Muss man sowas wirklich lesen?

Nein, natürlich nicht. Aber etwa ab Seite 20 will man es lesen, am besten ohne Absetzen. Denn dieses Buch übt einen unheimlichen Sog aus, der ähnlich demjenigen ist, der von einer guten Fernsehserie ausgeht: Man wird vertraut, ja, geradezu intim mit dem Personal; sein Schicksal ist nicht nur leidlich interessant, sondern wird mit der Zeit von bestimmender Wichtigkeit. Und selbst die eher unappetitlichen oder traurigen Details der Lebengeschichten der Figuren üben irgendwann eine schon voyeuristisch anmutende Faszination aus.

Nur, dass in dem Roman Saturday des Briten Ian McEwan dieser Effekt noch wesentlich verstärkt wird durch den Umstand, dass ein allwissender Erzähler Einblicke gewährt in die geheimsten inneren Regungen der Hauptperson, Henry Perowne, die einem Zuschauer bei einem Fernsehspiel noch unzugänglich blieben. Jeder seiner Gedanken, der ihm selbst bewußt ist, wird dem Leser offenbart. Aber die anderen Personen, Henrys Frau Rosalind oder seine Kinder Theo und Daisy, bleiben für den Leser so undurchschaubar, wie sie es für Henry sind. Dieses ganz natürliche Konzept der Fokussierung und gleichzeitiger Begrenzung des Bewusstseins macht die Geschichte zu einem intensiven, unmittelbaren Erleben und gibt gleichzeitig immer nur soviel an Informationen preis, dass man geradezu weiterlesen muss — und seien es nur noch ein, zwei Seiten.

Also erhebt sich der Leser gemeinsam mit Henry mitten in einer klaren Februarnacht aus einer Phase der Schlaflosigkeit, öffnet das Fenster, welches auf einen kleinen Platz herunterblickt, und hängt in der Kühle der Nachtluft seinen Gedanken nach: der Beruf (Neurochirurg) und die Patienten, die Kinder Daisy (werdende Dichterin) und Theo (angehender Blues-Musiker), Rosalind (Ehegattin und Juristin) und Hans Blix. Für den vor uns liegenden Samstag ist in London eine große Demonstration gegen die Pläne der Blair-Regierung zur Unterstützung des Einmarsches der Amerikaner in den Irak geplant. Doch diese Reflektionen werden abrupt beendet, als ein Feuerball (ein Meteor? ein Flugzeug?) vor unseren Augen den Himmel durchquert. Ein terroristischer Anschlag? Fast schon hoffnungsvoll macht machen wir uns mit Henry auf in die Küche, um das Radio anzustellen.

Saturday besitzt unglaublich viel Subtext, und gerade der macht diesen Roman so reichhaltig. Da ist einerseits die bereits angedeutete Thematisierung des Bewusstseins, einerseits durch die Form der Erzählung, andererseits natürlich über die Gedankengänge Perownes hinsichtlich seines Berufes. Daneben deckt McEwan in seinem Buch aber auch die Schizophrenie der Existenzängste eines Oberschichtlers der westlichen Welt in der Zeit nach 9/11 auf: Eher befürchtet man täglich einen Anschlag durch unbekannte Ausländer eines anderen Kulturkreises, als dass man konkrete Bedrohungen in seinem eigenen Umfeld wahr- oder ernstnimmt. Eher befürwortet man den Einmarschbefehl in eine fremde Nation durch die Regierung, weil damit ja der dortigen Bevölkerung geholfen sei, als dass man eine an sich selbst verübte Straftat verfolgen würde. Und man sieht ständig eine Bedrohung seines Glücks, seiner Stadt, seines Besitzes, seiner Familie. Dieses Damoklesschwert, das durch die Geschehnisse des Tages immer wieder wechselnde Formen annimmt, sorgt für die notwendige Spannung, um den Leser von der Weiterführung der Selbstreflektionen Perownes abzuhalten und dagegen zum Umblättern zu zwingen.

Wirklich angenehm dabei ist der Umstand, dass McEwan seine Figur angesichts der drohenden obskuren Gefahren eben nicht psychologisiert. Die Erzählung bleibt vollkommen natürlich und gewinnt unter Anderem auch dadurch an Authentizität, dass der Protagonist den einen oder anderen unangenehmen Gedanken beherzt beiseite wischt. Desweiteren wird durch die strikte (wenn auch entspannte) Tagesplanung der Hauptperson für diesen Samstag eine gewisse Episodenhaftigkeit gesetzt, mithilfe derer die Storyline in wohldefinierte Abschnitte aufgebrochen wird. Und es ist wie im echten Leben, samstags – nach jedem Abschnitt hat der Leser das Gefühl: So, das wäre jetzt auch geschafft! Gleichzeitig wahrt der Autor aber auch die Form des klassischen Theaterstücks in fünf Akten (denen auch die Zwischenakte nicht fehlen), sodass letzlich die etablierte Form mit modernen Mitteln ausgestaltet wird.

Ich fand Saturday außergewöhnlich intensiv und spannend für ein literarisches Werk seines Anspruchs. Oder aber: ich fand den Roman außergewöhnlich niveauvoll für ein Melodram dieser Kürze. Oder aber: Für ein Werk, das sich so wenig in eine Schublade einordnen lässt, und trotzdem derart aus einem Guss wirkt; das sich derart lebensnah zeigt und sprachlich dabei so gewählt und präzise ausdrückt; das derart leichtfüßig von einem Geschehen zum anderen läuft, aber dabei doch die ganze Schwere des Samstags eines high potentials unserer Leistungsgesellschaft auf den Schultern trägt, bleibt mir nur Verwunderung. Unglaublich, aber wahr.



Richard David Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?


Zunächst einmal vorweg geschickt: Sollte es jemanden verwundern, dass es hier in den Buchbesprechungen so unglaublich viel um meine eigene Person geht, dann liegt das zum Einen daran, dass dies hier ein Blog und kein Fachmagazin für Literatur ist; es rührt zum Anderen aber auch daher, dass ich erklären möchte, wie ich zu meinem Urteil über das gelesene Werk gekommen bin. Nichts nervt mich an Kundenrezensionen wie etwa auf Amazon mehr* als der lapidare Fehlschluß: “Das Buch ist schlecht,” bzw. “… ist großartig.” Ich kann und will hier nur darlegen, warum ein Werk, egal ob nun Buch, Musikalbum oder Film, mich persönlich angesprochen hat. Im Übrigen behalte ich es mir auch vor, die Kommentare und Notizen hier nachträglich zu erweitern, weil ich Denken als iterativen Prozess erlebe, in dessen Verlauf ich Schicht um Schicht freilege.

Soweit zur Vorrede, aber damit sind wir eigentlich auch schon mitten drin im Thema. Richard David Precht landete 2007 einen Doppelschlag mit einer den Erzählungen Fraukes nach zu urteilen so humorvollen wie für die Spätgeborenen erleuchtenden Autobiographie über eine Kindheit in einem alternativen Elternhaus in den 60er und 70er Jahren und einer fast 400 Seiten starken Einführung in die Philosophie, derer sich dieser Artikel widmet.

Letzteres Werk, also das Buch mit dem immerhin gut memorisierbaren Titel “Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wurde mir schon anfang 2008 an’s Herz gelegt; allerdings auf eine derart merkwürdig inhaltlich-ignorante Art und Weise, dass ich das Buch ersteinmal in die Kategorie “Irgendwann vielleicht” meines Amazon-Wunschzettels einsortierte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem ich bei einem Einkaufsbummel in Hamburg die Gelegenheit hatte, längere Passagen daraus zu lesen, und der Wunsch erlebte eine steile Karriere in Richtung “Muss ich haben”.

Was hatte mich auf einmal derart überzeugt? Einerseits war es die lockere Art und die verständliche Sprache, in der Precht über philosophische Zusammenhänge wie auch die Biographien der betreffenden Denker schreibt. (Das Adjektiv “verständlich” findet sich in vielen meiner Sachbuch-Rezensionen, und ist natürlich zunächst einmal sehr subjektiv, weil es lediglich ausdrückt: Ich hab’s verstanden. Aus meiner laienhaften Sicht ist es aber wichtiger, dass ich den Autor verstehen kann, als dass dieser seine Gedanken möglichst abstrakt und dadurch vielleicht fachlich besonders korrekt formuliert.) Andererseits waren es die von Precht gewählten Themengebiete, die mittlerweile für mich an Relevanz gewonnen hatten.

Nun ist es mit Lockerheit und Verständlichkeit ja so eine Sache, gerade, wenn es um wissenschaftliche Themen geht: Wer hochkomplexe Gedankengänge und Schlussfolgerungen einer breiten und tendenziell etwas begriffsstutzigen Öffentlichkeit wie mir zugänglich machen will, der muss einerseits radikal vereinfachen und andererseits viel mit Vergleichen, Bildern und Metaphern arbeiten. Beides beinhaltet bereits eine Interpretation der zugrundegelegten Thesen, mithin also eine grobe Verfälschung. Diesen “Fehler” kann man auch Precht vorwerfen — muss man aber nicht.

Denn was will ein Werk wie “Wer bin ich, …” eigentlich bezwecken? Es ist ja kein Fachbuch, sondern will lediglich Ideen vorstellen und hoffentlich Lust machen auf mehr. Sein Ziel erreicht hat es, wenn sich der Leser daraufhin einige der ernstzunehmenderen Publikationen der Philosophen und Wissenschaftler besorgt, auf die in dem immerhin fünfzehnseitigen Literaturverzeichnis hingewiesen wird. Das Buch ist also letztlich nichts weiteres als eine aufwendige Werbebroschüre für den Markt der philosophischen Möglichkeiten — und als solche eignet es sich ganz hervorragend.

Dieser Umstand liegt eben auch an den angesprochenen Themengebieten begründet. Das Buch zerfällt im Wesentlichen in drei Teile, die unter die ersten drei der Kant’schen Fragen gestellt werden (“Was kann ich wissen?” — “Was soll ich tun?” — “Was darf ich hoffen?”) und deren vierte (“Was ist der Mensch?”) en passant beantworten. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches hauptsächlich um Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, der zweite Abschnitt um Fragen der Ethik und Moral und Teil drei um den Bezug zwischen Determinismus und (der Möglichkeit zur Verwirklichung von) Idealen. Precht zerrt die abstrakten Ausgangsfragen mitten ins Leben, indem er ihre Relevanz anhand hochaktueller gesellschaftlicher Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibung demonstriert. Gerade in den ersten Teil fließen dazu auch immer wieder Ergebnisse der Hirnforschung ein, was den Mutmaßungen über dieses Thema eine zusätzliche Dimension verleiht.

Ein nicht zu leugnendes Manko von “Wer bin ich,…”, das freilich mit der interpretativen Art des Werkes einhergeht, liegt darin, dass Precht natürlich eine Auswahl treffen musste, was die vorgestellten Philosophen und ihre Arbeiten angeht. Und hier ärgert sich auch der anspruchslose Leser dann doch das ein oder andere Mal darüber, wie wenig ausgewogen Precht argumentiert, beispielsweise in Bezug auf Vegetarismus und Tierrecht. Jedenfalls bleibt mitunter der schale Nachgeschmack, nur eine Seite gehört zu haben, also nicht umfassend informiert und damit auch irgendwie manipuliert worden zu sein. Schade — aber immerhin hat man jetzt Ansatzpunkte und kann sich auf eigene Faust weitere Informationen einholen.

Zugute kommt dem Werk aus meiner Sicht dagegen, dass es keine strenge Einführung ausschließlich in die philosophische Gedankenwelt sein will, sondern auch zu einem guten Teil ein wissenschaftshistorisches Buch ist. Jedes der im Schnitt zehn Seiten kurzen Kapitel bildet eine in sich geschlossene Sinneinheit, die zwar auf den vorausgegangenen aufbaut, sich aber dennoch dezidiert mit einer speziellen Frage sowie einem ausgewählten Denker und seinem Werk befasst. Das macht es problemlos möglich, auch nur einzelne Kapitel zu lesen und trotzdem den Faden nicht ständig zu verlieren und neu aufnehmen zu müssen, und trägt daher dem Verständnis bei, wovon insbesondere Personen profitieren werden, die nur wenig Zeit zum Lesen haben. Zudem unterstreicht es die iterative Natur des philosophischen Diskurses und erweitert das Weltbild sanft und sukzessive, was für den Laien durchaus besser zu verdauen ist.

Ich habe dieses Buch mit viel Gewinn gelesen; aber wichtiger aus meiner Sicht war, dass mir das Lesen auch viel Spaß gemacht hat. Es gehört auch zu den Werken, die ich auf meine mentale Wiedervorlage gesetzt habe, um es in ein paar Jahren nochmal zu Gemüte zu führen. Davor werde ich aber sicherlich das ein oder andere Werk aus dem reichhaltigen Literaturverzeichnis zur Hand nehmen. Insofern hat Precht bei mir seine Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens: Für den März 2009 steht dann ein Buch über die Liebe von ihm auf dem Plan.


*) Naja, vielleicht mit Ausnahme der Fälle, wo der Rezensent es nicht einmal hinbekommt, den Namen des Autors fehlerfrei zu reproduzieren. Und damit meine ich jetzt garnicht mal halbwegs verzeihliches “Bonnhöfer” statt Bonhoeffer, sondern sowas wie “Doug Shields” statt Doug Fields.



Adrian Goldsworthy: Caesar


Wenn ich darüber nachdenke, verwundert es mich immer wieder auf’s Neue: Obwohl ich das Unterrichtsfach Geschichte (ebenso wie Französisch und Physik) sobald es möglich war — ich meine, in Klassenstufe 10 — voller Freude und Erleichterung abgewählt habe, und obwohl diese Erleichterung und ihr Grund, nämlich die Abneigung gegen das Fach, noch etwa weitere 10 Jahre anhalten sollte, lese ich heute wieder begeistert Bücher zu historischen Themen.

Seitdem ich vor zwei Jahren auf unserer Hochzeitsreise nach Pisciotta den ebenso spannenden wie lehrreichen Roman des Engländers Robert Harris über Pompeji geradezu verschlungen habe, und mit dem gleichen Interesse im letzten Jahr sein Buch über einige Abschnitte im Leben des Redners Cicero las, wage ich mich sogar wieder gerne an ein Thema, das mir zuvor in doppeltem Sinne Langeweile verhieß, handelte es sich doch um das Amalgam von Historie und Politik, nämlich die alten Römer.

Bei denen kommt nach Cicero, na klar, Caesar — Julius Caesar. Und über den ist viel geschrieben worden, eigentlich sogar zuviel — das Thema ist abgefrühstückt. Sicherlich hat jeder Mensch, der etwas mit dem Wort “Rom” anfangen kann, irgendeine Vorstellung von diesem Mann, und wenn es nur (wie bei mir) das Bild der hageren, geheimnisumwitterten Gestalt auf dem weißen Pferd aus den Asterix-Heften ist. Doch ähnlich wie in der Leben-Jesu-Forschung hat sich auch im Bezug auf die historische Figur Caesars das Bild der Experten im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts nochmals ziemlich gewandelt und ist trotzdem keinesfalls eindeutig.

Wonach in dem Berg vorhandener Literatur zu diesem Thema also eine Auswahl treffen? Nun, als Laie war ich darauf angewiesen, dass der Autor sich dementsprechend ausdrückte; zudem schwebte mir eine umfassende Einführung vor und nicht eine auf ein Spezialgebiet beschränkte tiefergehende Analyse. Hier und da hatte man von Goldsworthys Werk und seinen Erzählerqualitäten im Besonderen geschwärmt — diesem ausgewiesenen Fachmann im Bezug auf die Geschichte des antiken Roms gab ich daher eine Chance.

Etwa 500 Seiten später habe ich es nicht bereut. Sicher, das Buch hat (wie wohl Caesars Leben auch) trotz seiner relativen Kürze ein paar Längen, aber nach meinem Empfinden ist es durchaus ein Kompliment für ein Sachbuch, wenn man ihm nachsagen kann, dass es an keiner Stelle langweilig war. Goldsworthy geht in der Regel chronologisch vor, allerdings nicht sklavisch, sondern greift, wo es Sinn macht, auch schon mal vor. Auch reichert er seine Beschreibungen durch Zitate antiker Geschichtsschreiber und Aussprüche und Briefabschnitte Caesars und seiner Zeitgenossen an. Durch das ganze Buch, insbesondere aber auf den ersten 150 Seiten, wenn es um den Aufstieg Caesars zum Konsul geht und die Lebensumstände in urbs roma beschrieben werden, fühlt man sich daher direkt in diese längst vergangene Epoche zurückversetzt und kann die Anspannung des jungen, hoffnungsvollen Mannes im rat race einer aggressiv wetteifernden Oberschicht gut nachspüren.

Doch die Stärke Goldworthys liegt eigentlich in den letzten zwei Dritteln des Buches: Schließlich ist der Autor eine ausgemachte Koryphäe auf dem Gebiet der römischen Kriegskunst. Deswegen sind auch die Beschreibungen der Feldzüge durch Gallien (“ganz Gallien? Nein…”) und des römischen Bürgerkrieges an Detailreichtum und Lebendigkeit kaum zu überbieten. Diverse Abbildungen veranschaulichen die in entscheidenden Schlachten genutzten Strategien und erweitern das Buch um eine zusätzliche Ebene. Dabei wird über die gesamte Länge der Ausarbeitung mit dem Leben wie auch den Entscheidungen Caesars kritisch umgegangen: Erfolge werden gewürdigt, aber Fehler auch schonungslos beleuchtet und offen kritisiert. Hier findet keine Glorifizierung des “Colossus” (Untertitel) statt!

Was könnte also das Missfallen des geneigten Lesers erregen? Nunja, es wird ihm vermutlich schwerfallen, der Flut an Namen zu folgen, die schon auf den ersten Seiten über ihn hereinbricht — aber diese Mühe ist wohl unumgänglich. Darüberhinaus kommt im Gegensatz zu Robert Harris “Imperium” bei Goldsworthy die Politik fast zu kurz. Und wenn ich als totaler Politikmuffel das sage, dann will das schon etwas heißen. Ansonsten kann ich dieses Werk demjenigen, der eine Einführung in das Leben des großen Diktators sucht, uneingeschränkt empfehlen.

Adrian Goldsworthy: Caesar – Life of a Colossus; 608 Seiten; erschienen 2006 bei Yale University Press.

Übrigens: Auch über Physik lese ich in letzter Zeit recht viel. Und das von mir auch bislang verschmähten Themengebiet “Frankreich” habe ich ja zuletzt im Film wieder mehr lieben gelernt.



Thich Nhat Hanh: Wie Siddhartha zum Buddha wurde


Vorurteile sind — zumindest in der Rückschau betrachtet — eine merkwürdige Sache. So war ich beispielsweise bis vor Kurzem felsenfest davon überzeugt, dass “die Buddhisten” egoistischerweise nur auf ihre eigene Erlösung bedacht sind und zwar den Gedanken an einen Gott als Weltenschöpfer und -lenker strikt ablehnen, aber dennoch den Götzenbildern ihres Buddha gottgleich huldigen. Wer sich mit der Lehre Buddhas ein wenig auskennt, wird darüber wohl leise und vielleicht auch etwas traurig lächeln. Zu meiner Entschuldigung kann ich lediglich vorbringen: Leider wurde ich über den Buddhismus von Leuten “aufgeklärt”, die offenbar selbst davon nur wenig Ahnung hatten.

Nun bin ich glücklicherweise jemand, der gerne den Dingen auf den Grund geht. Insofern stand eine Einführung in den Buddhismus schon längere Zeit auf meinem Wunschzettel, als ich sie 2007 zu Weihnachten geschenkt bekam. Doch letztlich hat es ein ganzes Jahr gedauert, bis ich mich mit vielen Pausen durch den historischen Roman “Wie Siddhartha zum Buddha wurde” des gebürtigen Vietnamesen Thich Nhat Hanh gelesen hatte, obwohl das Buch eigentlich garnicht sooo lang ist.

Man ahnt es schon: Die Pausen waren dabei vor allem meinen Vorurteilen geschuldet. Mir fehlte zunächst doch irgendwie einfach die innere Motiviation, um mich mit der seltsamen Welt des nördlichen Indiens vor 2500 Jahren auseinanderzusetzen. Erschwerend kam hinzu, dass, wer wie ich vorher zumeist christlich-theologische Literatur mit langen, kompliziert verschachtelten Satzstrukturen gelesen hat, die einfache, anspruchslose Schreibweise in diesem Buch schon gewollt naiv finden wird. Gleichzeitig fühlt man sich gerade am Beginn des Buches unweigerlich in ein Märchen aus Tausend und einer Nacht versetzt, wenn von dem prunkvollen Leben erzählt wird, welches der Prinz Siddhartha vor seiner Suche nach der Erleuchtung geführt hat. Und die ständige Wiederholung von Schlüsselsätzen hat zwar etwas auffällig meditatives, aber ist eben auch enervierend, wenn man sich nicht darauf einlassen mag.

Der Schlüssel zu diesem Buch lag also für mich in der Erkenntnis, dass ich mich dem Buch öffnen muss, bevor ich das Buch selbst öffne. Dies wurde mir sehr erleichtert, weil der Autor die prinzipiell undogmatische Natur des Buddhismus hervorhebt, was mir seine Interpretation als sehr modern erscheinen lässt. So lässt Thich Nhat Hanh etwa im Kapitel 32 unter dem Titel “Der Finger ist nicht der Mond” den Buddha die folgenden Worte sprechen:

“Meine Lehre ist kein Dogma, kein Programm, doch ohne Zweifel wird es manche Menschen geben, die sie so verstehen. Ich muss ganz klar und deutlich darlegen, dass meine Lehre eine Methode ist, die Wirklichkeit zu erfahren, und dass sie nicht die Wirklichkeit selbst ist, so, wie auch der Finger, der zum Mond zeigt, nicht der Mond selbst ist. Einem intelligenten Menschen kann der Finger helfen, den Mond zu sehen. Doch ein Mensch, der nur auf den Finger sieht und ihn mit dem Mond verwechselt, wird nie den wirklichen Mond erblicken. Meine Lehre ist ein Werkzeug für die Praxis, nicht etwas, woran man festhalten oder das man verehren sollte.”

Noch mehrfach wird betont, dass man der Lehre des Buddha nicht folgen solle, weil man Autoritäten darüber hat lehren hören, sondern ihre Wirksamkeit selbst erfahren muss. Daher empfand ich den Roman als sehr angenehmes Buch, in dem ein Gedankengang ganz entspannt vorgestellt wird, ganz ohne den krampfhaften Versuch, den Leser von den Vorzügen zu überzeugen.

Für mich persönlich konnte das Buch dadurch letztlich eine bereichernde Wirkung gerade in Hinsicht auf mein christliches Glaubensleben entfalten. Denn viele Praktiken — und auf eben diese legt der Buddha ja gesteigerten Wert — decken sich mit Aussagen aus dem Neuen Testament; allein die Begründungen, mit denen die als erstrebenswert geltenden Verhaltensweisen empfohlen werden, sind andere (jedoch nicht minder schlüssige). Wer also Zeit und Lust hat, sich auf eine sehr blumenreiche und dennoch schlichte, gründliche und dennoch sanfte Einführung in die Gedankenwelt des Buddhismus einzulassen, dem sei dieses Buch empfohlen.



Barbara W. Tuchman: A Distant Mirror


Ich darf mich glücklich schätzen, in George R. R. Martins auf sieben Bände angelegten Romanzyklus “A Song of Ice and Fire” erst mit Erscheinen des dritten Bandes eingestiegen zu sein. Seit 2006 warte ich nun auf den fünften Teil, und während der Autor auf seiner Website keine Versprechen mehr machen will, das Buch 2008 fertigzustellen, hoffe ich doch stark, nicht bis — wie von amazon.com avisiert — 2013 warten zu müssen (amazon.de nennt immerhin den 31.12.2009 als möglichen Erscheinungstermin). Und so vertreibe mir solange die Wartezeit mit anderweitiger Literatur der gleichen Kragenweite, also: mit Büchern, die das Leben im Hoch- bzw. Spätmittelalter lebendig, spannend und trotzdem realitätsnah darstellen können.

Wirklich excellent und wegen der inhaltlichen Nähe zum “Song of Ice and Fire” den Lesern Martins sehr zu empfehlen ist Sharon Kay Penmans “The Sunne in Splendour”, das entgegem dem Untertitel der Neuausgabe nicht nur Richard III., sondern die Rosenkriege insgesamt thematisiert. Dabei informiert der historische Roman nebenbei nicht nur über mittelalterliche Kriegstaktiken, sondern vor allem auch sehr kompetent über höfisches Leben und politische Einflußmöglichkeiten der Monarchen. Doch bleibt das Buch bei aller Wirklichkeitstreue immer im Bereich der Fiktion.

Anders dagegen das Werk von Barbara W. Tuchman mit dem Titel “A Distant Mirror: The Calamitous 14th Century”. Hier wird ein echtes Geschichtslehrbuch derart eloquent und humorvoll aufbereitet, dass man schnell vergisst, hier eben keinen Roman vor sich zu haben. Virtuos verknüpft Tuchman Geschehnisse, Daten und Personen, wobei sie zwar beobachtet und bewertet, aber gleichzeitig derartig chronologisch stringent vorgeht, dass ein echter Spannungsbogen entsteht.

Im Mittelpunkt steht Enguerrand VII. de Coucy, dessen Leben laut Tuchman ausreichend dokumentiert, aber trotzdem halbwegs typisch für das 14. Jahrhundert gewesen ist. Doch bis diese Hauptfigur überhaupt die Bühne betritt, ist der Leser bereits in Kapitel 7 angekommen. In der Zwischenzeit wird er in kurzen Exkursen über die Lebensverhältnisse im Frankreich des ausklingenden Spätmittelalters ins Bild gesetzt, wobei die übermittelten Informationen tiefgehend genug sind, um den wissbegierigen Leser zufriedenzustellen, aber gleichzeitig derart komprimiert, dass sie auch für ungeduldige Naturen kurzweilig bleiben.

Dennoch: Um sich durch die knapp 600 Seiten (ohne Bibliographie und Endnoten) hindurchzuarbeiten, sollte schon ein gewisses Grundinteresse für diesen Zeitabschnitt vorhanden sein. Denn anders als “The Sunne in Splendour” und erst recht “A Song of Ice and Fire” kann sich Tuchman kaum dramaturgischer Kniffe bedienen, um künstlich Spannung aufzubauen. Zudem findet sich wörtliche Rede naturgegebenermaßen nur in Ausnahmefällen, wobei die Autorin es schafft, sie adäquat durch Zitate aus den Werken diverser zeitgenössischer Chronisten zu ersetzen. Es bleibt ein faszinierender Spiegel in eine versunkene Welt, deren Denker und Herrscher das Fundament für unser heutiges Europa gelegt haben.



Klaus Berger: Glaubensspaltung ist Gottesverrat


Es gibt Bücher, die bleiben, während andere an ihnen vorbeiziehen, lange Zeit auf dem ersten Platz der Queue “Unbedingt als nächstes lesen” stehen. Nicht, weil man sie eigentlich doch nicht so gern lesen will, sondern da man weiß, dass man sich auch wirklich dezidiert Zeit dafür nehmen müsste. Vier Monate lang immer nur die selben dreieinhalb Seiten vor dem Einschlafen zu lesene, um sie am nächsten Morgen wieder vergessen zu haben (wie bei Tintentod), ist bei manchen Büchern einfach nicht drin. Bei mir fallen die meisten Kandidaten für dieses Phänomen des Leseaufschubs in die Kategorie “Sachbücher” — “The Purpose Driven Life” von Rick Warren ist etwa so ein Fall.

Ein anderes Buch, welches seit letztem Herbst schon das Regal ziert, jetzt aber aus aktuellem Anlass endlich mal zur Hand genommen und durchgearbeitet wird, ist “Glaubensspaltung ist Gottesverrat” von Klaus Berger. Das Vorwort und die beiden einleitenden Kapitel habe ich letzte Woche mehrfach gelesen und beschlossen, hier nicht nur eine einfache Rezension zu liefern (denn das hat auch Folkmar auf der Website von ad fontes schon ganz gut geschafft), sondern vielmehr die einzelnen Argumente zu präsentieren und zu diskutieren.

“Der Skandal ist nicht nur die Spaltung, der größere Skandal ist, dass Christen sich quer durch alle Konfessionen damit abgefunden haben. Dem Verrat am expliziten Willen Jesu muss endlich Einhalt geboten werden. Ich versuche zu zeigen, wie das geschehen kann.”

Dieser Klappentext macht Lust auf mehr, und als ich am Freitagabend das Buch aufschlug, fiel er mir nochmals besonders in’s Auge — fasst er doch auch perfekt zusammen, was ich selbst zwei Tage zuvor geschrieben hatte. Darüberhinaus ist der Exeget Klaus Berger eine, wie er selbst schreibt, ökumenische Person: Katholisch im Herzen, im Denken dagegen eher evangelisch, in der Lehre jedoch ganz der Heiligen Schrift verpflichtet. Sein Buch wider die Kirchen-, ja, Glaubensspaltung thematisiert also im Hintergrund auch die Selbstspaltung, von der all jene betroffen sind, die sich nicht durch eine Dogmatik binden lassen wollen, sondern ein Verbundensein im Glauben anstreben.

Das klingt spannend, vor allem, da Berger den Untertitel “Wege aus der zerissenen Christenheit” gewählt hat, der hoffen lässt, es würden Lösungen präsentiert. In den nächsten sechs Wochen werde ich hier Stück für Stück über das Buch berichten.

Update: Gelesen habe ich das Buch zwar in der oben angegebenen Zeit, allerdings blieb dann für eine Aufarbeitung hier keine Zeit mehr. Und weil ich nicht nochmal Versprechen abgeben möchte, die ich dann nicht halten kann: Ich hoffe, dass sich hier bald ein Artikel über das Buch findet.



Cornelia Funke: Tintentod


Ende letzten Jahres ist der finale Roman der Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke erschienen. Tintenherz, Tintenblut, Tintentod — das verheißt je nach Sichtweise eine gewisse Steigerung oder aber ein grausames Ende. Dass beide Vermutungen nicht zutreffen, beweist erneut, dass man auf Namen nicht allzuviel geben sollte. Inhaltlich gibt es an den Bänden auf den ersten Blick zwar nicht viel auszusetzen: Klassische Jugendromane, in der ein allwissender Erzähler die Abenteuer einer jugendlichen Heldin und ihrer Familie und Freunde beschreibt. Gerade im ersten Band, aber auch bei der Ausgestaltung der Tintenwelt der Sequels zeigt die Autorin jedoch viele innovative Ideen — abgedroschene Fantasy-Klischees sucht man vergeblich, selbst der Vergleich zu Harry Potter greift nicht. Dies kann man Cornelia Funke zu einer Zeit, in der der Jugendbuchmarkt von Potter-Klonen überschwemmt wird, nicht hoch genug anrechnen.

Zum Inhalt: It’s complicated. Eine komplette Inhaltsangabe würde den Rahmen sprengen. Da der Artikel sowieso schon zu lang wird und es sich darüberhinaus bei Tintentod um den letzten Band einer Reihe handelt, darf ich vorraussetzen, dass dem Leser die vorgefallenen Ver- und Entwicklungen bekannt sein werden. Nur so viel: Hauptfigur der Bücher ist Meggie (ca. 14 Jahre alt), Tochter von Resa und Mo, dem Buchbinder. Die drei hat es in die Tintenwelt verschlagen, in der es von fantastischen Lebewesen nur so wimmelt — und leider auch von Fieslingen, welche die anderen Bewohner ausbeuten. Weil sie zunächst Gefallen an der Welt finden, und später Mitgefühl für deren unterdrückte Bewohner empfinden, bleiben die drei und werden in einen Machtkampf mit den finsteren Herrschern der Tintenwelt verwickelt. Es geht um Leben und Tod, nebenbei auch ein bisschen um Liebe, und auch ethische sowie philosophische Fragen werden am Rande angeschnitten. Soweit, sogut.

Es begann mit Tintenherz — beileibe nicht dem ersten Buch von Cornelia Funke, und auch nicht dem ersten erfolgreichen, aber doch dem ersten, bei dem sich ihr Erfolg nicht auf die Kinderbuchregale beschränkt hat. Wenn ein Autor mit einem Buch überraschend Erfolg im Mainstream hat, und dann schnell noch ein paar weitere Bände nachlegt, ist mein Argwohn immer groß. Eine gute Geschichte lässt sich nun mal nicht so einfach “verlängern” — die Stellen, an denen neue Teile an das Original angeflickt wurden, bleiben deutlich sichtbar, und sie sind oft ziemlich hässlich. Das kann dann sogar den Ausgangsroman in Mitleidenschaft ziehen. Und meistens ist es ja sowieso am besten, genau in dem Moment aufzuhören, wenn es gerade am schönsten ist.

Anders verhält es sich natürlich, wenn der Plot schon von vornherein auf mehrere Bände angelegt ist. Der drei Bände umfassende “Baroque Cycle” von Neal Stephenson ist so ein Fall. Gleiches gilt auch für das siebenteilige Epos “A Song of Ice and Fire” von George R.R. Martin. Martin arbeitet momentan am fünften Band, auf den seine Leser seit drei Jahren sehnsüchtig warten — weil sie wissen, dass die Geschichte organisch weitergehen und nicht künstlich gestreckt wird.

Am Ende von Tintenherz war auch die Geschichte zuende. Der Schluß ist sauber, die Auflösung endgültig. Leider kamen noch zwei Bücher nach. Als ich also 2005 mit Tintenblut die Fortsetzung in den Händen hielt und anfing zu lesen, ahnte ich, was mir blühen würden. Das Böse war doch noch nicht überwunden und hatte ein großes Comeback. Da die Finsterlinge in der Menschenwelt des ersten Bandes aber schon besiegt wurden, mussten die Protagonisten nun in die fantastische Tintenwelt eintauchen; eine Einleitung, für welche die Autorin bereits 200 Seiten benötigte — vielleicht das deutlichste Anzeichen, das auf ein übermäßig kompliziertes Flickwerk hindeutete. Danach war mir die Lust am Lesen eigentlich vergangen. Ich quälte mich noch ein wenig weiter, überblätterte viel und legte das Buch schließlich zugunsten eines anderen beiseite, offensichtlich ohne das Ende je gelesen zu haben.

Dessen wurde ich allerdings erst bewußt, als ich vor kurzem mit Tintentod, dem 2007 erschienenen letzten Band der Trilogie, begann (nachdem ich ihn ein halbes Jahr immer wieder aus der Hand gelegt hatte). Mehrfach gab es Hinweise auf gewisse mir vollkommen unbekannte Geschehnisse, wodurch mir zumindest eine dunkle Ahnung aufging, was auf den letzten 200 Seiten von Tintenblut passiert sein musste. Doch das störte mich nicht. Viel größer war meine Sorge, das Dilemma der Entscheidung um einen Schauplatz könnte sich wiederholen. Doch dem war nicht so, der Roman spielt fast ausschließlich in der Fantasiewelt. Zwar wird noch zwei- oder dreimal im Erzählstrang zwischen Menschen- und Tintenwelt hin- und hergewechselt, aber dann beschließt die Autorin, das noch in der Menschenwelt verbliebene Personal nachzuholen. Wozu, bleibt ihr Geheimnis, denn für die Geschichte haben die Betreffenden leider keinerlei Funktion, sie bleiben Staffage. Aber solange sich die Erzählung auf eine Welt beschränkte, funktionierte sie hervorragend, wie sich sowohl in Tintenherz als auch dem größten Teil von Tintentod beobachten lässt.

Warum ist das so? Meine Theorie dazu ist folgende: Der Wechsel zwischen zwei Welten ist kein kleiner Eingriff in eine Geschichte. Er kann bei leichtfertigem Einsatz schnell zu einem billigen Taschenspielertrick verkommen. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Protagonisten grundlos die Welten tauschen, ohne dass dafür eine dringende inhaltliche Notwendigkeit gegeben ist. Zwei Gegenbeispiele, die zeigen, wie man dieses erzählerische Konstrukt stilsicher, souverän und sorgsam zum Gewinn einer Geschichte einsetzen kann, sind Philip Pullmans “His Dark Materials”-Trilogie, die aus der Not eine Tugend macht und Michael Endes “Unendliche Geschichte”, die mit der Überschreitung der Grenze zwischen den Welten ihren Wendepunkt erreicht.

An diesen beiden Beispielen wird auch deutlich: Was von Anfang an eingeplant und integriert wird, wirkt später nicht künstlich aufgesetzt. Doch gegen diese Maxime verstoßen die Tintenwelt-Romane nicht nur in Bezug auf das bewusste “Hinüberlesen” von Personen (welches im ersten Buch nur ganz ungewollt, ja, zufällig möglich ist), sondern im letzten Band auch durch die willentliche Erweiterung oder Veränderung der Geschichte durch die Protagonisten. Denn leider erschafft im Gegensatz zur “Unendlichen Geschichte” nicht die Erzählung ihre Figuren, sondern die Figuren manipulieren die Erzählung; und zwar nicht unbewußt wie ein Bastian Balthasar Bux, sondern durchaus mutwillig. Nicht uneingeschränkt — ein Glück! Doch hat mich dieser erzählerische Rettungsring, der die Hauptfiguren immer wieder in letzter Sekunde aus drohenden Gefahren errettet, nicht überzeugt. Allein, dass auch das Böse in Tintentod von diesem Hilfsmittel regen Gebrauch machen darf, erhält die Spannung aufrecht. Letztlich hatte ich beim Lesen des zweiten wie auch des dritten Bandes häufiger den Eindruck, Cornelia Funke ringe mit sich selbst. Der ewig unter Schreibblockade leidende Schriftsteller Fenoglio, dem die gottgleiche Macht gegeben ist, mit einigen wenigen Worten die Welt maßgeblich zu verändern — ist sie es nicht, die Autorin?

Doch lassen wir diese rein technischen Aspekte mal hinter uns und kommen zum eigentlichen Leseerleben. Einige Sätze zuvor fiel bereits das Wort “Spannung” — eigentlich dem Motivationsfaktor zum Weiterlesen schlechthin. Und gerade davon gibt es in diesem Buch glücklicherweise reichlich. Denn während die Protagonisten in den ersten beiden Bänden es letztlich nur mit zwar sehr bösen aber eher mäßig mächtigen Menschen zu tun haben, stehen sie in Tintentod einer wahren Übermacht gegenüber: einem zornigen Gott, der einzelne Personen der Tintenwelt (zu denen die Hauptfiguren ja nun auch geworden sind) gezielt vernichten möchte, um sich so seine uneingeschränkte Macht zu sichern. Dieses Ausgesetztsein des Personals drängt den Leser zum Weiterlesen — auch wenn Cornelia Funke leider nicht den Mut aufbringen mag, sich (dauerhaft) von Personen der Fraktion der Guten zu trennen. Doch auch, dass Totgeglaubte beider Seiten nochmals zurückkehren, hält den Leser in Atem. Ja, die letzten 100 Seiten werden zu einer wahren tour de force und verlangen, in einem Stück gelesen zu werden. Und am Ende ist man wieder versöhnt. Mit der Tintenwelt, aber vor allem auch mit Cornelia Funke. Und es ist wie so oft: man will doch bleiben…