Zum Hebräerbrief


Über den Monatswechsel Juli/August 2010, als dieser Eintrag eigentlich entstanden ist, habe ich mich zum ersten Mal wirklich  intensiv mit dem Hebräerbrief auseinandergesetzt (und diesen ebenfalls erstmal in einem Rutsch gelesen). Lange Zeit hatte mich dieser Text nicht sehr begeistert – zu düster und mahnend im Ton, zu abstrakt der Inhalt. Nur der Schönheit der theologischen und auch der formalen Konzeption habe ich mich eigentlich nie so wirklich entziehen können.

Nun wurde ein Teil der Aussagen zur Opfertheologie im Gottesdienst am 01.08. verarbeitet, und beim Lesen des entsprechenden Kapitels 9 in der Vorbereitung darauf packte es mich: Ein derart zeitloser, inspirierter Text! Da war es offenbar immer schon egal, dass weder Autor noch Adressatenkreis noch Abfassungszeitraum in irgendeinerweise verlässlich und präzise bestimmt werden konnten.

Die Opfertheologie, die der unbekannte Autor entfaltet — Jesus als Hohepriester und Opferlamm, dessen freiwilliges Opfer aber so bedeutend ist, dass es im Gegensatz zum Opferkult der Stiftshütte nur “ein für alle Mal” gebracht werden musste — teilen heutzutage auch viele Christen deswegen nicht mehr, weil ein Gott, der Blut als Satisfaktion zur Vergebung von Sünde und Schuld fordert, uns zurecht archaisch erscheint. Wir haben nicht nur ein anderes Gottesbild, dass auch im wesentlichen von den humanistischen Werten der Aufklärung beeinflusst wurde — wir sind auch Tieropfer nicht mehr gewohnt. Im Gegenteil, der Tierschutz liegt uns am Herzen, und schon das Schlachten zur Nahrungsgewinnung hat einen zweifelhaften Ruf bekommen. Und um wieviel mehr lehnen wir ein Menschenopfer ab — ganz gleich, ob dieses nun mehr oder minder freiwillig erbracht wurde.

Der Schreiber des Hebräerbriefes wie auch seine urchristlichen Leser hatten einen anderen Hintergrund. Ich kann mir vorstellen, dass die genutzten Bilder für sie intuitiv und lebensnah anstatt befremdend und grausam erschienen sein mögen. Und da es im betreffenden Text um sehr komplexe theologische Sachverhalte geht, nötigt mir diese Vorstellung, wie hier ein Autor genau die Sprache seiner Leser trifft, ebensoviel Respekt ab wie die Tatsache, dass er seine Argumentation kurz, stringent, prägnant und frei von inneren Widersprüchen vorträgt. Auch wenn ich dem Hebräerbrief nicht in allen Punkten (und vor allem: Prämissen) folgen mag, halte ich ihn also doch für eine frühe theologische Höchstleistung.



Haben oder Sein? (Mt.6,20)


Du willst mehr? Dann denk um! Denn mehr ist das neue weniger – und umgekehrt!

“Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.” (Mt.6,20)

Die Bergpredigt ist intensiv, hart, kantig und irgendwie unbequem. Sie komprimiert die Radikalität vieler Aussagen Jesu auf wenige Absätze Bibeltext. Sie zeigt unmissverständlich auf, worum es geht: Nicht das, was Du glaubst zu besitzen, ist entscheidend; auch nicht das, was Du nach aussen hin vorgibst zu sein – sondern allein das, was Du tief in Deinem Inneren tatsächlich bist.

Besonders deutlich wird dies an Passagen, die sich um die konsequente Absage an materialistische Bindungen drehen. Jesus ruft (neben der Bergpredigt) an so vielen voneinander unabhängigen Stellen zur Besitzlosigkeit auf (Mk.6,7-9;Mk.8,35; Mt.19,21), dass es eigentlich unmöglich sein sollte, diesen Aufruf zu ignorieren – insbesondere, wenn man im Hinterkopf behält, dass die ersten Christen in Jerusalem in einer Art Gütergemeinschaft lebten, also ihre Habe untereinander teilten.

Warum diese Absage an den irdischen Besitz? Schließlich liegt ihm doch nach alttestamentarischem Verständnis ein göttlicher Segen zugrunde! Wollte Jesus, dass wir all das ablehnen, was uns unser himmlischer Vater schenken will? Will er gar, dass wir asketisch leben? Nein, mit Sicherheit nicht. Von Jesus selbst ist nicht überliefert, er sei ein Asket gewesen – im Gegenteil, ein “Fresser und Weinsäufer” sei er, sagen die Leute über ihn. (Mt.11,19) Aber Jesus hat erkannt, dass der Fokus auf den Besitz uns an diese Welt fesselt. Davon gilt es, sich zu lösen. Aber aus welchem Grund?

In einer Gesellschaft, in der die Maxime “Haste was, biste was” gilt und so manch einer sich seinen Lebensstil vom “Immer-mehr-haben-müssen” diktieren lässt, wird besonders deutlich, wie unfrei Besitz machen kann. Und damit ist jetzt nicht gemeint, dass der Kauf einer Immobilie wohlüberlegt sein will, da man im Nachhinein damit nicht umziehen kann. Unfrei ist man dort, wo die Sorge um die angehäuften Güter die Gedanken fesselt.

Schon Biggie Smalls, auch bekannt als The Notorious B.I.G. wusste: “Mo’ money, mo’ problems.” Wobei man vielleicht noch treffender sagen könnte: More money, more worries. Denn wer seine Finanzen nicht in klingender Münze in einem panzerknackersicheren Geldspeicher aufbewahrt, muss mit ständiger Sorge die Märkte beobachten, wie sich sein Portfolio entwickeln könnte (und andernfalls damit leben, dass seine Talerchen auch so mit jedem Tag an Wert verlieren). Dabei ist auch ein erfolgreicher Unternehmer nicht vor unangenehmen Überraschungen gefeit, wie das tragische Beispiel eines Adolf Merckle zeigt.

Die Alternative zum Haben aber ist: das Sein – so jedenfalls auch schon der große Sozialpsychologe Erich Fromm, der in seinem lesenswerten Buch “To Have or to Be?” (mit dem Untertitel: “Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft”) übrigens interessanterweise genau den obigen Bibelvers aus Mt.6,20 zitiert. Denn die “Schätze im Himmel” können schließlich ja nicht materieller Art sein. Vielmehr können darunter im Einklang mit den anderen Aussagen der Bergpredigt Eigenschaften verstanden werden, die man sich erwirbt. Aber hier gilt eben nicht die Quantität, sondern die Qualität. Wir sollten uns von Gottes Geist durchdringen und verändern lassen.

Leider fehlt mir an dieser Stelle die Zeit für explizite Beispiele. Ich hoffe daher, dass der geneigte Leser in den Gottesdiensten genügend praktische Anregungen erhält. Ansonsten: Allein die Kapitel 5-7 des Matthäus-Evangeliums sollten für längerfristige Beschäftigung sorgen.



Trotzdem handeln (Rö.5,3-4)


Heute erklärt uns Paulus, wie man in drei einfachen Schritten vom Leid zur Hoffnung kommen kann.

“Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung…” (Rö.5,3-4)

Nicht allein aber was? Nunja, in den beiden Versen zuvor hat Paulus in aller Kürze die Grundlage für seine Theologie der Rechtfertigung gelegt: Durch den Glauben an Jesus Christus sind wir vor Gott gerecht gemacht worden, und deswegen dürfen wir teilhaben am Frieden mit Gott, an Seiner Gnade und an der Hoffnung auf eine Zukunft in Herrlichkeit mit Ihm.

Das allein ist schon der Hammer schlechthin. Darüberhinaus gilt uns aber auch noch das, was Paulus in der obigen Textpassage hervorhebt: Auch das Leid, das uns manchmal erwischt, kann uns zum Guten dienen, wenn wir es richtig zu nehmen wissen.

Paulus baut hier (wieder einmal) eine logische Kette auf – und eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Der Weg von der “Bedrängnis” zur “Hoffnung” führt unweigerlich über die beiden Glieder der “Geduld” und der “Bewährung”. Beide müssen belastbar sein, um diese Verkettung gewinnbringend ausnutzen zu können.

Während man sich unter dem Stichwort “Geduld” in Bezug auf Leiden und Problemsituationen sicherlich sofort etwas vorstellen kann, ist der Begriff der Bewährung schon etwas schwieriger. Schließlich steht dort wirklich “Bewährung”, und nicht “Bewahrung”. Der Unterschied ist klein, aber doch auffällig. Was mag Paulus also damit meinen?

Ich denke, es geht Paulus vor allem darum, dass die Geduld sich nicht in stillem Aushalten erschöpfen darf. Es ist mehr notwendig als nur das tatenlose Ertragen, das Abwarten auf eine Änderung der Verhältnisse – denn daraus allein erwächst keine Hoffnung. Hoffnung kann nur entstehen, wo trotz der widrigen Situation gehandelt wird. Wer sich bewähren will, der muss etwas tun. Und zwar nicht einfach irgendetwas, um sich abzulenken – sondern etwas, das dazu beiträgt, die Verhältnisse zu ändern.

Ein Beispiel: Über einen Torwart, der dem Gegner eine 100%-ige Chancenverwertung gestattet, wird niemand sagen können, er habe sich bewährt – selbst dann nicht, wenn besagter Torhüter im gleichen Spiel nebenbei einen Elfmeter verwandelt oder nach einer Ecke ein Kopfballtor erzielen kann. Seine Aufgabe ist es, die Torchancen der Gegenmannschaft zu vereiteln – und darin muss er sich bewähren.

Das bringt uns noch einen Schritt weiter: Es geht garnicht darum, wesentlich mehr zu machen – sondern darum, mehr Wesentliches zu tun. Das heißt dann auch, Unwesentliches oder gar Schädliches ganz bewusst NICHT zu tun, sondern zu unterlassen. Diese Unterscheidung ist wichtig, aber oftmals nicht so einfach. Bewährung in Bedrängnissen erfordert daher ganz konkret einen bewussten Umgang mit der Situation – und auch mit denjenigen, in denen man die Auslöser für die Probleme zu sehen glaubt.



Langzeittherapie (Lk.5,12-13)


“Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen. Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.” (Lk.5,12-13)

Ich habe eine chronische Hautkrankheit, glücklicherweise nicht allzu akut. Die Creme, die mir mein Arzt zur Behandlung verordnet hat, heilt mich aber nicht von dieser Hautkrankheit. Sie bekämpft letztlich nur die unangenehmen Symptome, die damit einhergehen. Trotzdem bin ich auf dieses Präparat angewiesen. Die Creme lindert meine Beschwerden, macht das Leben mit der Krankheit erträglich und verhindert, dass sich die betroffenen Hautstellen ausbreiten und irgendwann überhand nehmen. Und noch viel mehr: Durch die Anwendung werden überhaupt erst die Vorraussetzungen dafür geschaffen, dass irgendwann ein natürlicher Heilungsprozess in Gang kommen kann. Ziel der Behandlung ist aber, die Creme irgendwann wieder völlig absetzen zu können.

Darf ich auch heute noch den Anspruch an Gott, an Jesus, an seine Boten haben, dass ich geheilt werde? Schließlich hat Jesus seinen Jüngern mit ihrer Sendung doch den Auftrag gegeben, die Kranken zu heilen. (Lk.10,9) Was wollte Jesus überhaupt mit dieser Show bezwecken? Wollte er einfach mal zeigen, was er kann? (Mk.2,9-11;Lk.5,23-24)

Vielleicht hatte Jesus einfach Mitleid mit dem Menschen. Der Aussätzige in dem obigen Bibelabschnitt galt vor seinen Mitmenschen als “unrein”. Derartig stigmatisierte Personen waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen und konnten daher auch keinen Beruf ausüben, sondern mussten betteln. Nach einer Heilung mussten sie erst wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Daher war auch die erste Anweisung, die Jesus ihm nach der Heilung gab, sich den notwendigen Riten zu unterziehen, damit er von den Priestern wieder als “rein” erklärt werden konnte. Jesus verhilft dem Aussätzigen also nicht nur zur Gesundheit, sondern ermöglicht ihm auch, wieder ein normales Leben in Gemeinschaft zu führen.

Zurück ins Heute. Wir erleben kaum noch spontane Heilungen körperlicher Krankheiten. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass es halt so ist. Dafür erleben wir die heilende Kraft Gottes heute auf ganz andere Art und Weise. Ich halte in diesem Zusammenhang für besonders wichtig, dass Jesus selbst eigentlich überhaupt nichts auf derartige körperliche, äußerliche und also oberflächliche Reinheit gab. Er erklärt: Nicht Äußerliches macht den Menschen unrein – sondern das, was der Mensch in sich trägt!

“Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht. [...] Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein. Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.” (Mk.7,15-23; siehe auch Mt.15,11-20)

Viel elementarer als ein gesunder Körper ist also eine gesunde Seele. Nur dadurch werden wir letztlich “rein”. Der Anspruch an Heilung durch Jesus verlagert sich nach seiner Himmelfahrt immer mehr auf den inneren Menschen. Den äußerlichen Aussatz heilte Jesus, indem er den Kranken berührt hat. Und auch um sich von den inneren Krankheiten, die einen Menschen wirklich unrein machen, reinigen zu lassen, muss man sich von Jesus berühren lassen – nur eben innerlich. Den Auftrag, diese Berührung den Kranken zuzutragen, hat Jesus an seine Jünger weitergegeben. Übrigens laut Lk.10 nicht nur an den elitären Kreis der späteren Apostel…

Zum Glück leben wir heutzutage in einer Zeit, in der es Medikamente gegen die meisten körperlichen Gebrechen gibt. Gott hat mit dem Opfer seines Sohnes auch ein Medikament gegen unsere inneren Krankheiten bereitgestellt. Doch damit ist ja noch nicht so ganz getan – echte Heilung ist und bleibt ein Vorgang (kein Vorfall). Nicht allein der Moment der Freisprache als augenblickliche Reinigung von den Symptomen entscheidet. Mindestens ebenso wichtig ist unsere innere Umkehr als langwieriger und manchmal auch schwieriger Heilungsprozess.

Jedes Mal, wenn wir von der Sündenvergebung hören, muss daher etwas in uns geschehen, muss etwas neu in Gang gebracht werden. Die davon ausgelösten Veränderungen können wir (ähnlich wie bei einer normalen Krankheit) nicht selbst steuern, wir können sie aber unterstützen. (So sollte ich beispielsweise weniger scharf essen und bestimmte Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten meiden.) Dass wir das Medikament “Gnade Gottes” irgendwann ganz absetzen können, ist unwahrscheinlich, sollte aber schon unser Bemühen bleiben. Insofern bleibt es wichtig, an sich zu arbeiten. Damit schaffen wir Raum für den weiteren Heilungsprozess. Und wenn dieser in Gang kommt, brauchen wir auch niemandem groß darüber zu berichten, wie Jesus uns heilt – alle Welt kann es sehen.

“Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.” (Lk.5,15)



Wir haben keine andere Wahl… (Dan.9,18)


… wir sind Gott schutzlos ausgeliefert. Zum Glück!

Einige Gedanken zum Jugendgottesdienst für November 2008.

“Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.” (Dan. 9, aus 18)

“Wir liegen” – das hat mich gleich angesprochen. Ich habe damit sofort ein Bild verbunden, das ich schon lange mit mir trage, weil es mich sehr beeindruckt hat. Ich muß so etwa zwölf Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal den Roman “Der Name der Rose” des Autoren Umberto Eco gelesen, ach was, verschlungen habe, der in einer Abtei zu Beginn des 14. Jahrhunderts spielt. Die beiden Protagonisten des Buches, William von Baskerville und Adson von Melk, treffen relativ zu Beginn der Erzählung einen alten Bekannten Williams, den Mystiker Ubertin von Casale – d.h., sie finden ihn in der Klosterkirche ins Gebet vertieft. Doch, für mich damals sehr überraschend: der Mönch kniet nicht etwa – er liegt. Er liegt auf dem Bauch, lang ausgestreckt, die Arme ausgebreitet, das Gesicht und die Stirn auf dem harten, kalten Steinboden. Ein starkes Bild!

Wer liegt, ist sich seiner Wehrlosigkeit bewusst. Dies gilt besonders, wenn er “jemandem zu Füßen” liegt. Aus dieser Position lässt sich kaum verhandeln, geschweige denn, Forderungen stellen. Und auch wenn das “Liegen” offensichtlich auf einen Übersetzungslapsus Luthers zurückgeführt werden muss, trifft es doch gut die innere Haltung des Daniels, mit der er in einem Gebet der Buße vor Gott tritt.

Daniel weiß: Er ist Gott ausgeliefert. Er hat keine Position, aus der er mit Gott verhandeln könnte – niemand kann das. Gott ist souverän, und seine Entscheidungen bleiben uns oft unerklärlich. Also bleibt Daniel (und auch uns) nur, sich dieser Schutzlosigkeit bewusst zu werden und sich damit ganz bewusst in Gottes Hand zu geben. Nur Gottes Barmherzigkeit kann uns erretten – unser eigenes Bemühen ist zwar wichtig und notwendig, wäre aber bei weitem nicht ausreichend. Dieses Bewusstsein ist eine konkrete Form der Demut und der Gottesfurcht. Und es ist eine Motivation, Buße zu tun, also die eigene Position zu überprüfen, den eigenen Weg zu überdenken und ggf. umzukehren.

Noch ein anderer Gedanke kam mir in Bezug auf das “Liegen”. In einer anderen Bibelübersetzung lautet die Stelle: “Denn nicht aufgrund unserer Gerechtigkeiten legen wir unser Flehen vor dich hin, sondern aufgrund deiner vielen Erbarmungen.” (Revidierte Elberfelder) Ist es uns ein Herzensanliegen, dass Gott barmherzig mit uns sein möge? Liegen wir ihm mit dieser Bitte in den Ohren? Wie wichtig dies ist, darauf hat Jesus Christus selbst bereits eindrücklich hingewiesen.

Der Evangelist Lukas beschreibt zu Beginn des 18. Kapitels, wie Jesus ein Gleichnis erzählt, in dem ein ungerechter Richter einer alten Witwe (also einer in der damaligen Zeit schutzlosen Person) letztlich Recht gegen ihren Widersacher verschafft, weil die Frau einfach nicht locker gelassen hat. Jesus endet die Erzählung mit den Worten: “Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.” Vielleicht ist nicht so wichtig, dass wir Tag UND Nacht rufen, aber – betest Du auch, wenn Du betest?

Übrigens: nächsten Mittwoch, den 19.11.2008, ist wieder Buß- und Bettag… Und gerade begreife ich, warum nicht nur Bußtag oder einfach Bettag ist – diese beiden Tätigkeiten sind eng miteinander verknüpft.



Nur nicht ablenken lassen… (Off.14,1)


… sondern sich lieber auf die wirklich dringenden Aufgaben konzentrieren – wer abgeholt wird, braucht schließlich keine Fahrpläne auswendig lernen. Es gibt Wichtigeres zu tun!

Einige Gedanken zum Gottesdienst am Mi., den 12.11.2008.

“Und ich sah, und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und mit ihm hundertvierundvierzigtausend, die hatten seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben auf ihrer Stirn.” (Off.14,1)

Johannes, der Autor des letzten Buches des biblischen Kanons, wie wir ihn heute kennen, spricht gerne Rätseln, wie es sich schließlich für einen Propheten auch gehört. “Lamm”, “Berg Zion”, “144.000″, die “Namen” “geschrieben auf ihrer Stirn” – das alles ist höchst seltsam und verleitet dazu, sich intensiv damit zu beschäftigen. Irgendwie muss dieser Code doch zu knacken sein!

Seit langem wird immer wieder versucht, diese Begriffe jeweils mit einer verbindlichen, konkreten Deutung zu versehen. Beim “Lamm” ist dies recht einfach, denn nicht nur Johannes benutzt das Bild des Passahlammes aus den Berichten des Auszugs der Israeliten aus Ägypten, um zu verdeutlichen, dass wir nur durch das Opfer Jesu Christi gerettet werden – der Vergleich liegt ja auch nahe. Aber bereits am “Berg Zion” beginnt das Problem: Sicherlich ist damit nicht ein Teil der Altstadt Jerusalems gemeint, sondern diese Ortsangabe muss ebenso bildlich verstanden werden wie das “Lamm”. Aber wofür steht sie? Und wer gehört zu den “144.000″ – dieser ebenso symbolisch zu verstehenden “vollen Zahl”?

Gegenfrage: Ist das denn wirklich wichtig? Muss ich die Offenbarung tatsächlich so lesen wie einen Busfahrplan: Richtung “1. Auferstehung” ab Haltestelle “Berg Zion” um …? Muss ich mir sorgen machen, dass ich die Abfahrt verpasse, wenn ich mich nicht zur rechten Zeit am rechten Ort einfinde (der genannten Haltestelle)? Wohl kaum.

Auch wer letztlich zu den “144.000″ gehören wird, kann kein Mensch beantworten. Jesus Christus hat schon bei der Auswahl seiner engsten Vertrauten, der “Zwölf”, ganz eigene Maßstäbe angelegt und sich nicht von der Sündhaftigkeit des Zöllners Matthäus oder der Radikalität des Simon Zelotes irritieren lassen. Ja, selbst Judas wurde von Jesus berufen. Wer bei Jesu Wiederkunft angenommen wird und wer nicht – es liegt allein in Gottes Hand.

Leider standen gerade die Fragen “Wer? Wann? Wo? Wie genau?” beim Lesen der Offenbarung oft im Vordergrund, und nicht die eigentliche und glasklare Hauptaussage: “Jesus kommt wieder!” Mehr noch: “Jesus kämpft für Dich, denn Du bist ihm wichtig! Gott möchte Dir nahe sein!” Auf diese Dinge kommt es doch eigentlich an, und darauf sollten wir uns konzentrieren. Es bleibt daher müßig, irgendwelche “Zeichen der Zeit” aus der Offenbarung herauszudeuten, und es ist noch viel unsinniger, aus den wagen Visionen des Johannes einen detaillierten Ablaufplan aufstellen zu wollen – beides bringt uns der Wiederkunft Christi keinen Schritt näher; auch wird unsere eigene Teilnahme daran nicht dadurch abgesichert. Ganz im Gegenteil: Für manch einen schaffen diese “Informationen” u.U. eine trügerische Sicherheit. Noch aber haben wir uns im Hier und Jetzt als Nachfolger Jesu zu bewähren.

Lassen wir uns also von diesen Nebensächlichkeiten, auf die wir sowieso keinen Einfluss haben, nicht ablenken – als Christen dürfen wir auf Gottes Gnade vertrauen und haben nebenbei auch noch jede Menge wichtigere Aufgaben. Etwa: Zu schauen, wo wir für unseren Nächsten da sein können – und das ist jetzt nicht bildlich gemeint, sondern ganz konkret.



Achtung, Zombies! (1.Kor.15)


Oder warum mancheiner sich nicht mit dem Konzept der leiblichen Auferstehung der Toten anfreunden mag…

Einige Gedanken zu der Textpassage für den Gottesdienst am Mi., den 05.11.08.

“Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.” (1.Kor.15,20-21)

Die “Auferstehung der Toten” – das klingt nach einem schlechten B-Movie mit übersteigertem Makeup-Budget: ein bisschen gruselig, aber vor allem irgendwie getragen von einer grotesken Komik. Das dachten sich wohl auch einige der Gemeindemitglieder in Korinth (V.12), deren klassisch-hellenistisch gebildeter Verstand derartige Merkwürdigkeiten schlichtweg ablehnte. Paulus hält mit ebenso typisch-griechischer Logik dagegen: Jesus war ein wahrer Mensch, und er ist auferstanden – dafür gibt es jede Menge Zeugen (V.5-8) -, also muss eine Auferstehung von dem Tode zunächst einmal prinzipiell möglich sein.

Wer die Auferstehung dennoch kategorisch ablehnt, negiert damit also im Umkehrschluss de facto auch Jesu Auferstehung (V.16), was fatale Folgen hat, denn ein toter Heiland ist kein Heiland. Jesus Christus ist zwar am Kreuz für unsere Sünden gestorben und hat damit ein für allemal unsere Schuld auf sich genommen – dieses Opfer ist zwar nur “einmal gebracht”, aber “ewig gültig”, wie wir in jedem Gottesdienst hören können. Doch das Kreuz an sich bliebe ein bloßes Symbol, wenn wir nicht darauf hoffen könnten, dass ein lebendiger Christus vor Gott als Mittler für uns eintritt. (V.17) Das gilt nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die Entschlafenen. (V.18)

Das 15. Kapitel des 1. Briefes an die Korinther liefert jedoch genügend Indizien, dass die angeschriebene Gemeinde noch an dem Glauben an Jesu Auferstehung festhält; Paulus kann diesen Umstand offensichtlich als gegeben voraussetzen. (V.20) Darauf baut er auf: Gleichwie die Menschheit sich mit dem Umstand, sterben zu müssen, abzufinden hat, seitdem der “erste Mensch” (Adam) gestorben ist, kann sie nun darauf hoffen, wiederaufzuerstehen, seit der erste Mensch, Jesus, auferstanden ist. (V.21-22) Jesus ist kein Einzel-, sondern ein Präzedenzfall. Das macht auch das Wort “Erstling” (V.23) deutlich: Der “Erste” steht zwangsläufig am Beginn einer Reihe – sonst wäre er der “Einzige”.

Was war dann aber das Problem? Wichtig in diesem Zusammenhang finde ich, dass die Juden und damit wohl auch die überwältigende Mehrheit der Judenchristen in den Urgemeinden ganz selbstverständlich an eine leiblich Auferstehung glaubten – womit wir wieder bei den B-Movies wären. Diese groteske Vorstellung scheint auch der eigentliche Knackpunkt aus Sicht der Korinther gewesen zu sein, denn Paulus geht zum Schluss des 15. Kapitels ganz intensiv darauf ein, wie wir uns die Auferstehung der Toten vorstellen können. (V35-49) Dabei bleibt er bei dem Konzept einer “leiblichen Auferstehung” (V.44), aber mit einem “geistlichen Leib”, der sich von dem “natürlichen Leib” in wichtigen Punkten unterscheidet. (V.42-43) Wichtigstes Merkmal: die Unverweslichkeit – also wird das wohl glücklicherweise nichts mit halbvergammelten Zombies im Stil der “Nacht der lebenden Toten”…

Letztlich läuft also wieder einmal alles auf die ökumenische Jahreslosung für 2008 hinaus: „Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ (Joh14,19) Bloß wie, darüber können wir uns heute noch garkeine Vorstellungen machen – geschweige denn Worte finden.