Wir Fische


Once, on a morning after a particularly noisy night, Cathy and I were walking down Drake Street and we saw a crow standing in a puddle, motionless, the sky reflected on its surface so that it looked as though the crow was standing on the sky. Cathy then told me that she thinks that there is a secret world just underneath the surface of our own world. She said that the secret world was more important than the one we live in. “Just imagine how surprised fish would be,” she said, “if they knew all the action going on just on the other side of the water. Or just imagine yourself being able to breathe underwater and living with the fish. The secret world is that close and it’s that different.”

(Douglas Coupland: Life After God)

Beim erneuten Lesen des 1994 erschienenen Bands mit Douglas Couplands Kurzgeschichten bin ich einen Moment lang an dem Vergleich mit den Fischen hängengeblieben. Zunächst klingt Cathys Gedankengang ja so einleuchtend wie faszinierend: Ein Fisch, der die Möglichkeit erhielte, seinen Teich zu verlassen und die Parallelwelt oberhalb des Wasserspiegels zu erkunden, würde auf Phänomene treffen, die er vorher niemals für möglich gehalten hätte und wäre sicherlich sehr überrascht. Und wir Menschen erst, könnten wir in das nur knapp unter der Oberfläche unserer Welt schlummernde Geheimnis eintauchen…!

Dann wurde mir aber klar, dass auch in dieser höchst verwunderlichen geheimen Welt auf der anderen Seite des Spiegels jeder Fisch lediglich nach Futter und Partnern zur Fortpflanzung suchen würde, und neben den notwendigen Körperorganen zudem weder die intellektuellen noch die emotionalen Kapazitäten hätte, den Zauber dieses unbekannten Universums wahrzunehmen geschweige denn zu genießen. Und dass es uns Menschen wohl auch nicht viel anders gehen wird, wenn wir uns nicht durch gewisse, quasi evolutionäre Prozesse geistig und geistlich derart verwandeln lassen, dass uns das wartende Geheimnis irgendwann ein Heim werden kann.



Haben oder Sein? (Mt.6,20)


Du willst mehr? Dann denk um! Denn mehr ist das neue weniger – und umgekehrt!

“Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.” (Mt.6,20)

Die Bergpredigt ist intensiv, hart, kantig und irgendwie unbequem. Sie komprimiert die Radikalität vieler Aussagen Jesu auf wenige Absätze Bibeltext. Sie zeigt unmissverständlich auf, worum es geht: Nicht das, was Du glaubst zu besitzen, ist entscheidend; auch nicht das, was Du nach aussen hin vorgibst zu sein – sondern allein das, was Du tief in Deinem Inneren tatsächlich bist.

Besonders deutlich wird dies an Passagen, die sich um die konsequente Absage an materialistische Bindungen drehen. Jesus ruft (neben der Bergpredigt) an so vielen voneinander unabhängigen Stellen zur Besitzlosigkeit auf (Mk.6,7-9;Mk.8,35; Mt.19,21), dass es eigentlich unmöglich sein sollte, diesen Aufruf zu ignorieren – insbesondere, wenn man im Hinterkopf behält, dass die ersten Christen in Jerusalem in einer Art Gütergemeinschaft lebten, also ihre Habe untereinander teilten.

Warum diese Absage an den irdischen Besitz? Schließlich liegt ihm doch nach alttestamentarischem Verständnis ein göttlicher Segen zugrunde! Wollte Jesus, dass wir all das ablehnen, was uns unser himmlischer Vater schenken will? Will er gar, dass wir asketisch leben? Nein, mit Sicherheit nicht. Von Jesus selbst ist nicht überliefert, er sei ein Asket gewesen – im Gegenteil, ein “Fresser und Weinsäufer” sei er, sagen die Leute über ihn. (Mt.11,19) Aber Jesus hat erkannt, dass der Fokus auf den Besitz uns an diese Welt fesselt. Davon gilt es, sich zu lösen. Aber aus welchem Grund?

In einer Gesellschaft, in der die Maxime “Haste was, biste was” gilt und so manch einer sich seinen Lebensstil vom “Immer-mehr-haben-müssen” diktieren lässt, wird besonders deutlich, wie unfrei Besitz machen kann. Und damit ist jetzt nicht gemeint, dass der Kauf einer Immobilie wohlüberlegt sein will, da man im Nachhinein damit nicht umziehen kann. Unfrei ist man dort, wo die Sorge um die angehäuften Güter die Gedanken fesselt.

Schon Biggie Smalls, auch bekannt als The Notorious B.I.G. wusste: “Mo’ money, mo’ problems.” Wobei man vielleicht noch treffender sagen könnte: More money, more worries. Denn wer seine Finanzen nicht in klingender Münze in einem panzerknackersicheren Geldspeicher aufbewahrt, muss mit ständiger Sorge die Märkte beobachten, wie sich sein Portfolio entwickeln könnte (und andernfalls damit leben, dass seine Talerchen auch so mit jedem Tag an Wert verlieren). Dabei ist auch ein erfolgreicher Unternehmer nicht vor unangenehmen Überraschungen gefeit, wie das tragische Beispiel eines Adolf Merckle zeigt.

Die Alternative zum Haben aber ist: das Sein – so jedenfalls auch schon der große Sozialpsychologe Erich Fromm, der in seinem lesenswerten Buch “To Have or to Be?” (mit dem Untertitel: “Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft”) übrigens interessanterweise genau den obigen Bibelvers aus Mt.6,20 zitiert. Denn die “Schätze im Himmel” können schließlich ja nicht materieller Art sein. Vielmehr können darunter im Einklang mit den anderen Aussagen der Bergpredigt Eigenschaften verstanden werden, die man sich erwirbt. Aber hier gilt eben nicht die Quantität, sondern die Qualität. Wir sollten uns von Gottes Geist durchdringen und verändern lassen.

Leider fehlt mir an dieser Stelle die Zeit für explizite Beispiele. Ich hoffe daher, dass der geneigte Leser in den Gottesdiensten genügend praktische Anregungen erhält. Ansonsten: Allein die Kapitel 5-7 des Matthäus-Evangeliums sollten für längerfristige Beschäftigung sorgen.



Trotzdem handeln (Rö.5,3-4)


Heute erklärt uns Paulus, wie man in drei einfachen Schritten vom Leid zur Hoffnung kommen kann.

“Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung…” (Rö.5,3-4)

Nicht allein aber was? Nunja, in den beiden Versen zuvor hat Paulus in aller Kürze die Grundlage für seine Theologie der Rechtfertigung gelegt: Durch den Glauben an Jesus Christus sind wir vor Gott gerecht gemacht worden, und deswegen dürfen wir teilhaben am Frieden mit Gott, an Seiner Gnade und an der Hoffnung auf eine Zukunft in Herrlichkeit mit Ihm.

Das allein ist schon der Hammer schlechthin. Darüberhinaus gilt uns aber auch noch das, was Paulus in der obigen Textpassage hervorhebt: Auch das Leid, das uns manchmal erwischt, kann uns zum Guten dienen, wenn wir es richtig zu nehmen wissen.

Paulus baut hier (wieder einmal) eine logische Kette auf – und eine Kette ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Der Weg von der “Bedrängnis” zur “Hoffnung” führt unweigerlich über die beiden Glieder der “Geduld” und der “Bewährung”. Beide müssen belastbar sein, um diese Verkettung gewinnbringend ausnutzen zu können.

Während man sich unter dem Stichwort “Geduld” in Bezug auf Leiden und Problemsituationen sicherlich sofort etwas vorstellen kann, ist der Begriff der Bewährung schon etwas schwieriger. Schließlich steht dort wirklich “Bewährung”, und nicht “Bewahrung”. Der Unterschied ist klein, aber doch auffällig. Was mag Paulus also damit meinen?

Ich denke, es geht Paulus vor allem darum, dass die Geduld sich nicht in stillem Aushalten erschöpfen darf. Es ist mehr notwendig als nur das tatenlose Ertragen, das Abwarten auf eine Änderung der Verhältnisse – denn daraus allein erwächst keine Hoffnung. Hoffnung kann nur entstehen, wo trotz der widrigen Situation gehandelt wird. Wer sich bewähren will, der muss etwas tun. Und zwar nicht einfach irgendetwas, um sich abzulenken – sondern etwas, das dazu beiträgt, die Verhältnisse zu ändern.

Ein Beispiel: Über einen Torwart, der dem Gegner eine 100%-ige Chancenverwertung gestattet, wird niemand sagen können, er habe sich bewährt – selbst dann nicht, wenn besagter Torhüter im gleichen Spiel nebenbei einen Elfmeter verwandelt oder nach einer Ecke ein Kopfballtor erzielen kann. Seine Aufgabe ist es, die Torchancen der Gegenmannschaft zu vereiteln – und darin muss er sich bewähren.

Das bringt uns noch einen Schritt weiter: Es geht garnicht darum, wesentlich mehr zu machen – sondern darum, mehr Wesentliches zu tun. Das heißt dann auch, Unwesentliches oder gar Schädliches ganz bewusst NICHT zu tun, sondern zu unterlassen. Diese Unterscheidung ist wichtig, aber oftmals nicht so einfach. Bewährung in Bedrängnissen erfordert daher ganz konkret einen bewussten Umgang mit der Situation – und auch mit denjenigen, in denen man die Auslöser für die Probleme zu sehen glaubt.



Langzeittherapie (Lk.5,12-13)


“Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen. Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.” (Lk.5,12-13)

Ich habe eine chronische Hautkrankheit, glücklicherweise nicht allzu akut. Die Creme, die mir mein Arzt zur Behandlung verordnet hat, heilt mich aber nicht von dieser Hautkrankheit. Sie bekämpft letztlich nur die unangenehmen Symptome, die damit einhergehen. Trotzdem bin ich auf dieses Präparat angewiesen. Die Creme lindert meine Beschwerden, macht das Leben mit der Krankheit erträglich und verhindert, dass sich die betroffenen Hautstellen ausbreiten und irgendwann überhand nehmen. Und noch viel mehr: Durch die Anwendung werden überhaupt erst die Vorraussetzungen dafür geschaffen, dass irgendwann ein natürlicher Heilungsprozess in Gang kommen kann. Ziel der Behandlung ist aber, die Creme irgendwann wieder völlig absetzen zu können.

Darf ich auch heute noch den Anspruch an Gott, an Jesus, an seine Boten haben, dass ich geheilt werde? Schließlich hat Jesus seinen Jüngern mit ihrer Sendung doch den Auftrag gegeben, die Kranken zu heilen. (Lk.10,9) Was wollte Jesus überhaupt mit dieser Show bezwecken? Wollte er einfach mal zeigen, was er kann? (Mk.2,9-11;Lk.5,23-24)

Vielleicht hatte Jesus einfach Mitleid mit dem Menschen. Der Aussätzige in dem obigen Bibelabschnitt galt vor seinen Mitmenschen als “unrein”. Derartig stigmatisierte Personen waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen und konnten daher auch keinen Beruf ausüben, sondern mussten betteln. Nach einer Heilung mussten sie erst wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Daher war auch die erste Anweisung, die Jesus ihm nach der Heilung gab, sich den notwendigen Riten zu unterziehen, damit er von den Priestern wieder als “rein” erklärt werden konnte. Jesus verhilft dem Aussätzigen also nicht nur zur Gesundheit, sondern ermöglicht ihm auch, wieder ein normales Leben in Gemeinschaft zu führen.

Zurück ins Heute. Wir erleben kaum noch spontane Heilungen körperlicher Krankheiten. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass es halt so ist. Dafür erleben wir die heilende Kraft Gottes heute auf ganz andere Art und Weise. Ich halte in diesem Zusammenhang für besonders wichtig, dass Jesus selbst eigentlich überhaupt nichts auf derartige körperliche, äußerliche und also oberflächliche Reinheit gab. Er erklärt: Nicht Äußerliches macht den Menschen unrein – sondern das, was der Mensch in sich trägt!

“Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht. [...] Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein. Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.” (Mk.7,15-23; siehe auch Mt.15,11-20)

Viel elementarer als ein gesunder Körper ist also eine gesunde Seele. Nur dadurch werden wir letztlich “rein”. Der Anspruch an Heilung durch Jesus verlagert sich nach seiner Himmelfahrt immer mehr auf den inneren Menschen. Den äußerlichen Aussatz heilte Jesus, indem er den Kranken berührt hat. Und auch um sich von den inneren Krankheiten, die einen Menschen wirklich unrein machen, reinigen zu lassen, muss man sich von Jesus berühren lassen – nur eben innerlich. Den Auftrag, diese Berührung den Kranken zuzutragen, hat Jesus an seine Jünger weitergegeben. Übrigens laut Lk.10 nicht nur an den elitären Kreis der späteren Apostel…

Zum Glück leben wir heutzutage in einer Zeit, in der es Medikamente gegen die meisten körperlichen Gebrechen gibt. Gott hat mit dem Opfer seines Sohnes auch ein Medikament gegen unsere inneren Krankheiten bereitgestellt. Doch damit ist ja noch nicht so ganz getan – echte Heilung ist und bleibt ein Vorgang (kein Vorfall). Nicht allein der Moment der Freisprache als augenblickliche Reinigung von den Symptomen entscheidet. Mindestens ebenso wichtig ist unsere innere Umkehr als langwieriger und manchmal auch schwieriger Heilungsprozess.

Jedes Mal, wenn wir von der Sündenvergebung hören, muss daher etwas in uns geschehen, muss etwas neu in Gang gebracht werden. Die davon ausgelösten Veränderungen können wir (ähnlich wie bei einer normalen Krankheit) nicht selbst steuern, wir können sie aber unterstützen. (So sollte ich beispielsweise weniger scharf essen und bestimmte Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten meiden.) Dass wir das Medikament “Gnade Gottes” irgendwann ganz absetzen können, ist unwahrscheinlich, sollte aber schon unser Bemühen bleiben. Insofern bleibt es wichtig, an sich zu arbeiten. Damit schaffen wir Raum für den weiteren Heilungsprozess. Und wenn dieser in Gang kommt, brauchen wir auch niemandem groß darüber zu berichten, wie Jesus uns heilt – alle Welt kann es sehen.

“Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.” (Lk.5,15)



Multimediales Intermezzo (Kleines 1×1 des Betens, Folge 6)


Liebe Leserinnen und Leser, wir unterbrechen unser Programm für eine kurze Verbraucherinformation. Sorry, aber bloggen fällt diese Woche unter die Kategorie “Dinge, die ich auch mal gerne wieder tun würde”. Letzten Freitag Spieleabend, Samstag mit der Jugend Weihnachtsbäume(!) aufstellen und die Kirche schmücken, Sonntag Nachmittagsgottesdienst mit anschließender Kuchen/Abendbrot-Kombi (ebenfalls in der Kirche) – viel zu tun, aber es hat sich gelohnt.

Daher jetzt nur der kurze Hinweis auf ein Video, das die Evangelische Kirche zum Thema “Gebet” bei YouTube reingestellt hat. Dort wird sich auch auf unterhaltsame Weise mit den u.a. auch an dieser Stelle schon behandelten Fragen beschäftigt:

Prädikat: Echt lohnenswert – und meines Erachtens ein deutlicher Fingerzeig darauf, dass Christen verschiedener Konfession immer zumindest miteinander Beten können. In diesem grundlegenden Punkt des gelebten Christseins trennt uns von Katholiken und Evangelen nämlich: Nichts.



Bitte für die Ar…löcher! (Kleines 1×1 des Betens, Folge 5)


Nachdem wir in den letzten Folgen die aus meiner Sicht wirklich grundlegenden Einsteigertipps erfolgreich abgefrühstückt haben dürften, kommen wir so langsam aber sicher an’s Eingemachte. Ich möchte an dieser Stelle aber nochmals betonen, dass ich die bisher vorgebrachten Anregungen nicht zuletzt auch für mich selbst hier niedergeschrieben habe. Denn keinesfalls kann ich von mir sagen, diese Dinge in aller Regel zu beherzigen. Dies gilt noch weitaus mehr für die nun kommenden Punkte.

Eine Sache, von der ich meine, dass sie besonders wichtig ist, weil sie auf ein Wort Jesu zurückgeht und darüberhinaus auch ein “Alleinstellungsmerkmal” des Christentums darstellt, ist die Fürbitte für unsere Feinde. Nächstenliebe schließt in jedem Fall auch Feindesliebe mit ein (weil unser Nächster eben jedermann sein kann) – das erklärt Jesus eindrücklich und überzeugend in einem Abschnitt der Bergpredigt, wie Matthäus es uns in seinem Evangelium in Kap. 5, 43-48 überliefert hat. Dabei ist es nur ein kurzer Nebensatz, der große Wirkung in Deinem Leben entfalten könnte: “Bittet für die, die Euch verfolgen!”

Glücklicherweise wird in unseren Landstrichen nur noch wenige Bürger von ihren Mitmenschen angefeindet oder verfolgt. Wirkliche Feinde hat wohl kaum noch jemand. Doch da gibt es Leute, die Dich einfach nerven oder Dir unsympathisch sind. Vielleicht gibt es sogar den einen oder anderen Zeitgenossen, der Dir echte Probleme bereitet, indem er Dir in der Schule oder auf der Arbeit das Leben schwermacht. Das Spektrum beginnt aber bereits bei dem Typen, mit dem Du auf der Klassenfahrt / Geschäftsreise oder auch dem Jugendwochenende ganz bestimmt nicht das Zimmer teilen möchtest.

Hier kann Dein Gebet seine positive Kraft enfalten, und zwar auf beiden Seiten. Denn während Gott sicherlich auf Deine ernsthafte Bitte hin Herzen und Gedanken Deines “Widersachers” lenken kann, bewegst Du auch etwas in Dir, wenn Du Dich mit dieser Person und ihren Problemen auseinandersetzt. Das gibt Dir eine andere Sichtweise auf ihr Verhalten. Und Verständnis ist der erste Schritt auf den Anderen zu. Wichtiger Schlüssel zum Verständnis anderer ist das eigene Verstehenwollen. Wenn Du Dir während des Betens ernsthafte Gedanken darüber machst, was Gott Deinem Gegner Gutes tun könnte – was er also braucht -, dann kann eine (durchaus begrüßenswerte) Nebenwirkung davon sein, dass Gott auch Dir etwas schenkt: Ein Herz voll Liebe für Deinen Nächsten (vgl. Mt.5,44)



Sei Dein eigener Kreativdirektor (Kleines 1×1 des Betens, Folge 4)


“Ich bin klein, mein Herz ist rein, ich will auch immer artig sein!” bzw. “…soll niemand drin wohnen als Jesus allein!” oder “Komm, Herr Jesus, sei unser Gast…” – vermutlich haben die meisten Christen als Kinder das Beten gelernt, in dem sie mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen gereimte Sätze (nach-) gesprochen haben. Das ist sicherlich für den Anfang auch genau die richtige Vorgehensweise. Kein Erwachsener würde sich aber dauerhaft auf die oben als Beispiele angeführten Gebete beschränken wollen. Trotzdem beten viele immer wieder in den ihnen gewohnten Phrasen, was zu ähnlich formelhaften Ergebnissen führt. Warum eigentlich?

Meine Vermutung: Simultan nachzudenken und zu sprechen stellt eine ziemliche Herausforderung dar (insbesondere für Männer), etwas quasi auswendig dahersagen fällt dagegen leichter (zumal, wenn es auf die Genauigkeit nicht so sehr ankommt). Wer schon einmal eine Stegreifrede halten musste, weiß vielleicht, was ich meine – das ist i.d.R. viel schwieriger als ein vorbereiteter Vortrag. Deswegen werden wir – da es ja beim Beten nicht so drauf ankommt – schnell mal faul und klammern wir uns an Altbewährtes. Es kommt aber drauf an! Das Problem in diesem speziellen Fall ist nämlich: Gebete nutzen sich ab. Wer hätte sich nicht schon beim Beten des “Vater Unser” dabei ertappt, wie der Mund die Worte mitspricht, während sich der Geist sich anderen Dingen zuwendet? Wichtig sind aber letztlich nicht die ausgesprochenen Worte, sondern die Bewegung, die dazu durch Herz und Geist geht.

Dass es daher zum Erreichen eines intensiven Gebetslebens notwendig ist, eigene, passende Umschreibungen für den inneren Gefühlszustand zu finden, ist vor einigen Tagen schon angeklungen, als es darum ging, laut zu beten. Die Frage, was eigentlich momentan mit mir genau los ist, dürfte in den meisten Fällen schon schwierig zu beantworten sein. Noch interessanter wird es allerdings, wenn es darum geht, was unser himmlischer Vater denn konkret verändern könnte, um mir zu helfen. Doch Bitten haben wir meistens sowieso schon viel zu viele, und auch die Fürbitten für unseren näheren Verwandten- und Bekanntenkreis dürften relativ leicht fallen – wobei ich auch hier vor der simplen Pauschalisierung warnen möchte. (“Und hilf doch bitte den Kreuzesträgern.”) Daneben gibt es aber noch ein paar andere Möglichkeiten:

  1. Für jemanden bitten, an den man noch nie gedacht hat: Jeden Tag treffen wir diverse Personen, die wir zwar schon irgendwie zu unserem Bekanntenkreis zählen dürfen, aber noch nie in einem Gebet bedacht haben. Such Dir einen dieser Mitmenschen aus, und überleg Dir, wie Gott ihr helfen könnte. Was wünscht sie sich? Was macht ihr Sorgen? Das ist ein guter Anlass, sich mal näher mit diesem Menschen zu beschäftigen und gleichzeitig die Fürbitte zu üben.
  2. Bewusst danken: Es ist nicht ganz leicht, sich bewusst zu machen, was man in den letzten Tagen alles Gutes erlebt hat. Auch hier lohnt es sich, intensiv darüber nachzudenken, in welcher Form Gottes Hilfe dazu beigetragen haben könnte. Das dürfen gerne auch Kleinigkeiten sein – nur halt nicht immer die gleichen. (Achtung: Gewohnheit!) Als Ausgangspunkt für Einsteiger eignen sich dazu die von Stammapostel Leber auf dem Jugendtag in NRW angeführten Beispiele – viele der Dinge, die für uns hierzulande nichts Besonderes mehr darstellen (Religionsfreiheit, um nur ein Beispiel zu nennen), sind in anderen Gebieten garnicht möglich. Das bietet also nicht nur den Anlass für Dankbarkeit, sondern auch für weitere, konkrete Fürbitten.
  3. Überschwenglich loben: Mal ernsthaft – gehört der Lobpreis Gottes zu Deinem persönlichen Gebet? Ich tue mich damit häufig ziemlich schwer, besonders, wenn ich allein bete. Dabei könnte man da eigentlich mal so richtig die Sau rauslassen! Der Trick: Nicht irgendwelche Wortungetüme wie “wundervoller”, “gütiger, treuer” oder “allmächtiger” (…Vater) versuchen zu benutzen, die Dir sonst nicht über die Lippen kämen – dadurch wirst Du auch nicht heiliger. Finde lieber Deine eigenen Worte – das macht viel mehr Spaß! Gott rockt einfach total, und das darf man ihm auch ruhig mal so sagen.

Hmm, Du erlebst momentan aber nichts, wofür Du Gott danken oder loben könntest? Auf diese Problematik möchte ich später noch eingehen, sie würde diesen Beitrag sprengen.



Let’s get loud! (Kleines 1×1 des Betens, Folge 3)


Wer sich mal so richtig aussprechen will, muss zunächst einmal eines: sprechen!

Folge 3 in einer Serie von Gedanken zu einem gesunden Gebetsleben.

In der letzten Folge an dieser Stelle wurde besonders herausgestellt, wie wichtig es ist, sich zum Beten zurückzuziehen. Das ist nicht nur reiner Selbstschutz, sondern trägt auch dazu bei, die Nerven der anderen zu schonen. Denn ein meiner Ansicht nach wesentlicher Tipp zum Beten ist: Bete laut! Ja, genau – LAUT!

Dieses Vorgehen zwingt Dich nämlich dazu, Deinen Sorgen und Problemen, aber auch Deiner Freude wirklich Ausdruck zu verleihen. Du musst Deine Gedanken ordnen, um Sätze zu formulieren. Das mag Gott letztlich egal sein, da er schließlich auch in Dein Herz sehen kann – aber wir Menschen werden uns vieler Probleme erst richtig bewußt, wenn wir versuchen müssen, sie anderen zu erklären. Nicht selten erzeugt dies dann den einen oder anderen Geistesblitz, der uns bei der Lösung behilflich ist. Gleiches gilt auch umgekehrt für den positiven Fall: Ein nicht ausgesprochenes Lob ist faktisch wertlos. Gott hat Deinen Dank nicht nötig – aber Du hast es nötig, Dir immer wieder auf’s Neue bewußt zu werden, wie groß und gütig unser Vater im Himmel ist! Halleluja!

Ein netter Nebeneffekt des lauten Betens ist übrigens, dass man sich schnell darüber im Klaren ist, wie viele Floskeln und Phrasen man verwendet. Wendungen wie “er- und durchleben” sind kein Merkmal einer besonders heiligen Sprache; sie weisen vielmehr darauf hin, dass man Versatzstücke einfach recycelt anstatt seine Anliegen in passende Worte zu kleiden. Gott wird Dir nicht böse sein, solltest Du mehrmals ansetzen müssen, bis Du Worte gefunden hast, die Deinen Herzenszustand widerspiegeln. Aber Du tust Dir selbst einen Gefallen mit dem Versuch, Dein Inneres möglichst detailgetreu zu schildern. Dann erreicht Dein Gebet eine besondere Tiefe, und das Beten wird Dir nicht länger monoton, langweilig oder repetitiv erscheinen.



Öfter mal den Rückzug antreten… (Kleines 1×1 des Betens, Folge 2)


…um die Kräfte neu zu ordnen.

Folge 2 in einer Serie von Gedanken zu einem Gebetsleben, das diesen Namen auch verdient.

Gestern ging es hier um die Notwendigkeit, sich täglich zehn Minuten Zeit fest einzuplanen, um seiner Seele die Chance zu geben, einmal richtig tief durchatmen zu können. Diese zehn Minuten müssen nicht unbedingt komplett mit dem eigentlich Beten ausgefüllt sein. Zunächst müssen wir ein paar Voraussetzungen schaffen, um überhaupt sinnvoll beten zu können. Besonders wichtig dabei: Ruhe.

Beten ist Konzentrationssache. Letztlich ist ein Gebet immer auch eine Meditation. Ein nebenbei laufender Fernseher ist da eher hinderlich. Sicher, man wird auch im größten Tohuwabohu ein kurzes Stoßgebet an Gott senden können, und bestimmt ist es möglich, auch bei laufendem Radio mal eben schnell für’s Essen zu danken – aber wirkliche Tiefe im Gebet kann man erst bei Stille erreichen. Aus diesem Grund sind mönchische Schweigeorden wie die Kartäuser entstanden. Für’s Erste sollte aber etwa ausreichen, Dein Handy lautlos zu schalten.

Das Herstellen äußerer Stille ist jedoch nur ein erster Schritt: Auch in Dir selbst muss Ruhe einkehren. Wie das geht, musst Du für Dich selbst herausfinden – jeder Mensch hat da andere Möglichkeiten. Mir persönlich hilft es, wenn ich mehrmals tief durchatme und mich ganz auf die Stille konzentriere, die mich umgibt, indem ich intensiv lausche. Dann merke ich, wie ich schlagartig ruhiger werde. Andere holen sich geistig ein bestimmtes Bild vor Augen, vielleicht eine Landschaft. Auch die Möglichkeit, einen kurzen Text zu lesen – ob aus der Bibel oder einem anderen geeigneten Buch – und sich damit gedanklich zu befassen, sollte nicht außer Acht gelassen werden. Irgendwann merkst Du dann: Jetzt kann’s losgehen!



Nimm Dir Zeit… viel Zeit! (Kleines 1×1 des Betens, Folge 1)


Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Die 1. Folge in einer Serie von Gedanken zu einem Gebetsleben, das diesen Namen auch verdient.
Ein Großteil unseres Gebetslebens wird von den ritualisierten Tageszeitengebeten geprägt – am Frühstückstisch, beim Abendbrot, vor dem Schlafengehen. In diesen Situationen hat man meist entweder nur wenig Zeit (weil sonst die Bahn weg ist oder das Essen kalt) oder ist rechtschaffen müde. Daher sind diese Gebete oft zweckgebunden und sehr kurz. Sie dauern meist weniger als dreißig Sekunden – und das ist so auch vollkommen in Ordnung! Jedenfalls, wenn es als Ausgleich dazu täglich noch mindestens ein weiteres, längeres Gebet gibt.

Betrachte dieses eine, längere Gebet als Deine tägliche Seelengymnastik – Du tust Dir damit selbst etwas Gutes! Ein einfacher Workout, um vital und agil zu bleiben. Nichts Großartiges, nur ein paar Fingerübungen, aber mit hohem Wirkungsgrad. Um diesen zu erreichen ist aber nicht die Quantität der gemachten Worte, sondern die Qualität der bewegten Gedanken erforderlich – das Gebet soll nicht in die Länge, sondern in die Tiefe gehen. Insofern darf auch ein solches, richtiges Gebet kurz sein. Wichtiger sind Herzenseinstellung und Inhaltsreichtum. Stimmen diese beiden Faktoren, dann belebt ein Gebet wie ein kurzer, schneller Spaziergang an der frischen Luft und gibt Dir Kraft und neuen Schwung. Dafür lohnt es doch sicherlich, sich etwa zehn Minuten Zeit zu nehmen? Ach, zehn Minuten, das klingt garnicht nach so furchtbar viel? Prima, um so besser! :-)

Entscheidend ist, dass diese zehn Minuten einen festen Platz in Deiner Tagesplanung bekommen. Das ist oft schwieriger als gedacht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Selbst bei den besten Vorsätzen kommt immer wieder etwas dazwischen. Also muss Dein Gebet auch eine gewisse Priorität haben, um sich gegen die andere Konkurrenz (u.a. Deine Lieblingsserie und die natürliche Faulheit) durchsetzen zu können. Wenn Du wirklich beten willst, sollte das aber auch möglich sein – es geht wie gesagt lediglich um zehn Minuten. Beten wollen musst Du allerdings selbst… ;-)

Wenn Du willst, dann schau doch die nächsten Tage hier mal wieder vorbei! In der kommenden Woche möchte ich mich – auch anlässlich des Buß- und Bettages am Mittwoch – in einer kleinen Serie einmal intensiv mit dem praktischen Gebetsleben auseinandersetzen und meine Tipps und Tricks rund um’s Beten mit Euch teilen. Den Anstoss dazu hat unser heutiger Jugendgottesdienst gegeben.