ÖKT 2010: Wie Glauben leben?


Es ist heutzutage selbst in der protestantischen Theologie keine Frage mehr, dass der christliche Glaube, wenn er ernsthaft ist, Auswirkungen auf die persönliche Lebensführung haben wird. Oft genug drängen sich aber dem heutigen Gläubigen diverse Fragen auf: Wie kann ich zeitgemäß und dennoch zeitlos Christ sein? Und was macht das genuin Christliche einer bzw. meiner Lebensführung aus, wo wir doch beobachten, dass natürlich auch Mitglieder anderer Religionen und sogar Atheisten ethisch-moralisch einwandfrei Leben können? Über diese Fragen sollten vier sehr unterschiedliche Gläubige Rechenschaft ablegen: Der über 80-jährige katholische Kirchenkritiker Hans Küng ebenso wie der 1977 geborene, postmoderne Protestant Daniel Ehniss, der orthodoxe Erzdiakon Zoran Andric ebenso wie der Professor für Physik und Philosophie Harald Lesch. Vier Lebensentwürfe, die beispielhaft versuchen, subjektive Antworten zu geben.

In seinem Impulsvortrag zu Beginn der Veranstaltung charakterisierte Hans Küng denn auch den Glauben sogleich als persönliche Frage, zu der aktiv Stellung bezogen werden müsse – insbesondere im Konflikt (wie etwa der momentan prekären Situation, in der sich die Kirchen befinden. Als Beispiel verwies Küng auf seinen Offenen Brief an die Bischöfe der Römisch-Katholischen Kirche bezüglich des zaudernden Handelns in der aktuellen Vertrauenskrise.) Es gelte also, Rechenschaft ausgehend von den eigenen Erfahrungen und Standpunkten abzulegen. Dennoch dürfe sich der Gläubige nicht aus Bequemlichkeit um diese Verantwortung herumdrücken. Der Trick sei, auch “in schwierigem Gelände glauben leben können – in katholischer Weite mit evangelischer Konzentration”.

Auf die Frage, nach seinem Lebensgrund bzw. was ihm als geistliche Grundlage wichtig sei, antwortete Küng: Lebensvertrauen! Und zwar trotz aller negativen Erfahrungen – es trägt auch in schwierigen Situationen und ist im Gottvertrauen verankert. Gott sieht er als Urgrund und Ursinn des Lebens.

Ob er je Zweifel an der Existenz Gottes gehabt habe? Nein, wohl aber Zweifel an den diversen Gottesbeweisen bzw. -gegenbeweisen. Die Atheisten hätten leider auch in allzuvielem Recht gehabt, beispielsweise bezüglich ihrer Anklagen an die problematische Kirchengeschichte. Dennoch könne (und müsse) sich jeder Glaubende weiterhin frei und selbst entscheiden, ob aus seiner Sicht Gott existiert oder nicht. Das Gebet als persönliches Gespräch mit Gott und der Glaube an sich behalte daher für viele Menschen einen tiefen Sinn. Als ersten von drei wesentlichen Aspekten, den Glauben zu leben, ermunterte Küng damit die Zuhörerschaft zu einem redlichen Gottesglauben. Dieser Rat gelte nicht nur für Christen, denn da Gott (oder Allah, oder Jahwe bzw. Adonai) jeden Menschen um seiner selbst willen liebt, und aus Küngs Sicht in der Regel Geburt und Sozialisation über die Religionszugehörigkeit eines Menschen entscheiden, darf nicht nur dem Christentum Heil zugesprochen werden können. Trotzdem sei ein beliebiger Synkretismus verschiedener religiöser Strömungen abzulehnen. Der sei aus christlicher Sicht aber auch garnicht notwendig, so Küng – schließlich sei ihm selbst in sieben Jahren Studium in Rom das Christsein nicht verleidet worden. Und wer ist überhaupt Christ? Doch jeder, der sich bemüht, sich auf seinem Lebensweg sichtbar an Jesus Christus zu orientieren. Für die Christen in den Gemeinden heiße das aber auch automatisch Leiden an der Diskrepanz zwischen dem historischen Jesus und der real existierenden Kirche.

Überhaupt faszinierend an Jesus ist die unumstößliche historische Tatsache, dass er nicht als Sieger starb. Eigentlich ist es doch paradox: Milliarden von Menschen erwarten Heil aus der Lehre eines, der vor fast 2000 Jahren schändlich hingerichtet wurde. Aber gerade das ist das befreiende am christlichen Glauben: Erlösung erwartet die Gläubigen nicht nur dermaleinst in geistlicher Perspektive, sondern auch schon jetzt und hier und ganz konkret: aus einer Leistungs-, Konsum- und Machtgesellschaft. Dies spiegelt sich nicht nur in Christi Tod, sondern auch in seiner Lehre wieder, wie sie uns in der Überlieferung der Bibel erhalten ist. (Beispiele aus der Bergpredigt folgen.) Der Glaube an Jesus als dem Christus und an seine Lehre macht uns frei.

Doch auch wenn Christus nicht mehr unter uns weilt, hat er uns nicht nur seine Lehre hinterlassen – er hat den Christen einen Tröster geschenkt in seinem Geist. Jeder Gläubige hat die Möglichkeit, sich von Christi Geist inspirieren lassen, der wirkt wo er will – beispielsweise als Geist der Mitmenschlichkeit, also unter und zwischen uns Menschen. So kann man sich Gott auch mit “leeren Händen” nähern, allein im vertrauenden gelebten Glauben, mit den drei Aspekten: Redlicher Gottesglauben, befreiender Christusglauben und geistbewegtes Leben.

Die auf diesen Vortrag folgende Podiumsdiskussion entpuppte sich leider als reine Fragerunde. Schade, denn mich hätte durchaus sehr interessiert, was die vier Teilnehmer einander zu sagen gehabt hätten. Zudem standen die Fragen des Moderators auch nicht in Beziehung zueinander, sodass der jeweils Antwortende noch nicht einmal bei seinem Vorredner anknüpfen konnte, was dem Gespräch den Anschein des Zusammenhangslosen gab. Über den Verlauf kristallisierten sich allerdings die vier sehr unterschiedlichen persönlichen Ansätze heraus, den Glauben zu leben, die ich versuchen will, in Folge zu skizzieren und in zueinander in Relation zu setzen:

Am Anfang stellte der Moderator die Frage nach der Vereinbarkeit von Glaube und weltlichem Leben. Für den serbisch-orthodoxen Zoran Andric gibt es zwei Modi seines Lebens: Beruflich ist er Historiker einer Versicherung, privat Erzdiakon – beides hat nichts miteinander zu tun, und seine Arbeitskollegen wissen nichts von seinem freizeitlichen Engagement. Im Gegensatz dazu sind für Daniel Ehniss Glaube und Beruf – er ist Webdesigner und Blogger – untrennbar miteinander verbunden, denn wer im Internet aktiv ist, wird sowieso damit leben müssen, dass Suchmaschinen die Informationen über beide Bereiche miteinander verschmelzen. Für den Physiker Harald Lesch schließlich ist der Glaube eine Ergänzung (im Sinne einer Fortsetzung) zu seiner naturwissenschaftlichen Arbeit: während diese niemals abgeschlossen sein wird, gebe der Glaube endgültige Antworten.

Für Hans Küng hat sich der erste Kontakt mit dem Glauben in der Kindheit durch die Tradition in der Familie ergeben. Dieser Ansatz, in eine Religion hineinzuwachsen, sei auch wünschenswert. Auch Harald Lesch ist im Glauben (jedoch dem protestantischen) erzogen worden und hat ihn zum ersten Mal intensiv erlebt, als er im Konfirmandenunterricht selbstständig religiöse Texte durchdringen sollte. Dieses kritische Hinterfragen der tradierten Glaubenssubstanz geschehe im Christentum immer wieder erneut, praktisch durch jeden Gläubigen. Dadurch entstünden zwar auch Zweifel, die aber einen Antrieb darstellten: “Mein Glaube,” so Lesch, “muss meinem Wissen standhalten.” Die spezielle Schwierigkeit, die eigene Glaubenssubstanz an die nachfolgende Generation weiterzugeben, betonte Zoran Andric: Kinder fänden die Gottesdienste oft langweilig und würden sich von der Kirche entfernen, später als junge Erwachsene aber von sich aus wieder mehr Interesse für den Glauben ihrer Eltern entwickeln. Daniel Ehniss bekundete, wie sehr es ihn mit Staunen erfüllt, wenn Gläubige die große Verantwortung übernehmen, die in der Aufgabe liege, den Glauben weiterzugeben.

Auf die Frage, was ihn an den christlichen Kirchen als Institutionen störe, antwortete Hans Küng: Die vielen vergebenen Chancen – auch wenn glücklicherweise durch die Ortsgemeinden vieles wieder herausgerissen werde. Die Krise sollten die Kirchen denn auch als Chance für einen Neubeginn nutzen. Dazu müsste die Leitungsebene aber erstmal die Tragweite der Situation erkennen; offensichtlich sei es dazu notwendig, dass die Stimme der Laien hörbar wird. Für Daniel Ehniss, der als Vertreter der emergent church Glaube an sich sowieso als Konversation, also in dialogischer Form und damit als basisdemokratisch im Ansatz versteht, wäre wichtig, dass sich die Kirchen selbst weniger wichtig nähmen, und die eigene Position in erster Linie als Ausgangspunkt für den gleichbereichtigten untereinander Dialog sähen. Harald Lesch forderte von den Kirchen, sie müssten Vertrauen schaffen, um den Gläubigen Kraft gegen die Lebensängste des 21. Jahrhunderts auf den Weg zu geben. Kirche müsse die Wirklichkeit so nehmen, wie sie sei, und sich in dieser aktiv für die Menschen einsetzen, von denen in immer weniger Zeit immer mehr gefordert werde. Auch benötige die Wissenschaft als rein technisches Verständnis der Welt eine religiöse Rückbindung, um ethische Entscheidungen gewährleisten zu können.

Alles in allem war eine interessante Runde versammelt, die deutlich machte, wie bunt und vielfältig die Ansätze sind, den Glauben zu leben, und dass es sich dabei immer “nur” um persönliche Lebensentwürfe handeln kann. Lesenswert ist auf jeden Fall auch der Bericht eines der Protagonisten: Daniel Ehniss hat natürlich auch selber über diese Veranstaltung gebloggt.



ÖKT 2010: Universum und Schöpfung – Zeichen der Hoffnung?


Ein kurzweiliger und interessanter Dialog zwischen den Naturwissenschaften und dem Glauben.

Referenten: Prof. Dr. Gerhard Börner, Prof. Dr. Thomas Gornitz, Prof. Dr. Harald Lesch

Moderator: Prof. Dr. Klaus Mainzer

Mit dieser wirklich hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion wurde der “Dialog zwischen Naturwissenschaften und Religion” des ÖKT 2010 eröffnet. Der Moderator Prof. Klaus Mainzer, Philosoph und Hirnforscher, bemerkte dazu, dass es irgendwie passend sei. Schließlich begönne auch die Bibel mit einer Kosmologie – das Zentrum der Wissenschaften dürfe also auch mit der Schöpfung beginnen, obwohl diese nicht den Anfang der Physik darstelle, die ihrerseits von grundlegenden Naturgesetzen ausgehe. Nach diesen einleitenden Worten hielt jeder der drei Referenten einen kurzen Impulsvortrag, wobei diese jeweils einen eigenen Themenbereich berührten.

Prof. Gerhard Börner widmete sich dabei der Schöpfungsgeschichte aus astronomischer Sicht. Er zeigte eindrucksvolle Bilder von Planeten, Sternen und Galaxien: Testobjekte, wie er sie nannte. Um die 10.000.000.000 Galaxien(!) sind mit unseren Hochleistungsteleskopen über den ganzen Himmel verteilt beobachtbar, und schon ihre sichtbare Gestalt zeigt eine große Vielfalt. Doch dabei sehen wir kein Bild des Kosmos im Sinne eines Schnappschusses, sondern einen geschichtlichen Querschnitt, weil das Licht selbst zweier optisch direkt nebeneinander liegender Objekte Millionen von Lichtjahre unterschiedlich lang unterwegs sein kann. So versucht die Wissenschaft Rückschlüsse auf den Anfang und auf die Entwicklung des Kosmos zu ziehen. Aus diesen intensiven Forschungen entstand das Urknallmodell, das aber noch zwei Mankos aufweist: einerseits sei danach auch die Zeit im Urknall entstanden, was den Physikern glücklicherweise erspart, erklären zu müssen, was “zuvor” geschehen ist. Andererseits sind uns immer noch 95% des Kosmos unbekannt – denn über Aufbau und Wirkungsweise von Dunkler Materie und Dunkler Energie kann die Wissenschaft noch keine Aussagen machen.

Als Zweites sprach Prof. Harald Lesch, der sich selbst als “Protestanten vom Scheitel bis zur Sohle” bezeichnet, was ihn aber nicht davon abhält, als Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an einer Jesuiten-Hochschule zu wirken. Er zog die Prämisse der modernen Physik in Zweifel, nach der überall im Universum gleiche Vorraussetzungen herrschen – getreu nach dem Motto  “Außerirdische sind auch nur Menschen…”. Dazu lud er zu folgendem Gedankenspiel ein: Stellen wir uns Lebewesen auf einem Wasserplaneten vor; werden diese eines Tages ihren Planeten verlassen können? Nicht in unserem Sinne jedenfalls, denn die Wesen werden Hochenergie-Elektrizität nicht entdecken können, weil sie durch die Leitfähigkeit des Wassers eine unmittelbare Gefahr für sie darstellt. Ohne derartige Elektrizität aber auch kein Raumflug, wie wir ihn kennen. Auch im Bezug auf die Beobachtung des Kosmos gilt: “Alle sehen zwar das Gleiche, aber nicht das Selbe.” Daher empfahl Lesch im Bezug auf die Naturwissenschaften: “Glauben sie mir kein Wort!” – alle Hypothesen müssen schließlich auch rigoros überprüft werden. Zu diesem Zweck sollten sie tunlichst einem Sparsamkeitsprinzip genügen (Occam’s Razor), also nur über ein Mindestmaß an notwendigen Annahmen verfügen. Dieser Geiz führt aber auch zu einem postmodernen Phänomen: wir müssen feststellen, das wir die Wahrheit nicht kennen, sondern nur wissen, was definitiv falsch ist. Die Frage nach dem unbewegten Erstbeweger (Aristoteles) oder nach der Erstursache (Urknall) leidet unter der gleichen Problematik.

Prof. Thomas Gornitz spricht als Erster direkt die Hoffnung an. Er zitiert den bekannten Physiker Steven Weinberg: “Je mehr wir vom Universum kosmologisch verstehen, desto sinnloser erscheint es uns.” Im Gegensatz dazu arbeitet die Bibel, wo die kosmologisch anmutenden Aussagen am Anfang sowohl des Alten wie auch des Neuen Testaments jeweils tiefe philosophische Thesen über den Zusammenhang von Gott und Welt und damit deren Sinn beinhalten. Schon die Israeliten wussten: Gott ist nichts, was man einfach so in dieser Welt sehen kann, sondern Er geht weit darüber hinaus. Interessant ist dabei die Sicht der verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen auf die Religion: Große Ablehnung erfährt sie vor allem unter Biologen, große Zustimmung dagegen unter Physikern. Warum ist das so? Physik befasst sich mit grundlegenden, universellen Problemen, an den Grenzen der Naturwissenschaften, die immer nur das Wie, aber nicht das Warum (überhaupt etwas existiert) erklären können.

Der Prolog des Johannesevangeliums “Am Anfang war der Logos” kann auf vieles hindeuten – Wort, Sinn, Rechnung, Information. Woher kommt also das Geistige? “Auch aus elementaren Bausteinen (Atomen) lässt sich Geistiges nicht herleiten,” so Prof. Gornitz. Das Einzige, worüber man sich nicht wirklich täuschen kann, sei sogar das eigene Bewusstsein. Darüberhinaus setze auch in den Naturwissenschaften ein Umdenken ein: Die Quantentheorie als Physik der Beziehungen beschäftige sich mit dem Wirken von Wahrscheinlichkeiten, wodurch das Ganze zu weitaus mehr als der Summe seiner Teile werde, denn jetzt gelten nicht nur die Fakten, sondern auch die Möglichkeiten werden immanent wichtig. Daraus folgt: die Zukunft ist offen, es gibt keinen Determinismus, wir Menschen sind frei und tragen daher auch Verantwortung für uns, unser Handeln, und auch für unsere Umwelt! Wirklichkeit ist darüberhinaus mehr als das, was materiell vorhanden ist. Eine Folge der Quantentheorie ist, dass sich Materie in Strukturen auflöst, wobei die grundlegende abstrakte Quanteninformation darstellen. Materie und Energie sind also auch nur Information. Sind also “Geist und Leben nur Schimmel auf der Oberfläche der Materie”, oder existieren sind davon unabhängig, womöglich gar bereits zuvor? Für diese und andere Fragen empfiehlt Gornitzer, dem Diktum Dietrich Bonhoeffers zu folgen, wenn dieser schreibt:

“In dem, was wir erkennen, sollen wir Gott finden, nicht aber in dem, was wir nicht erkennen; nicht in den ungelösten, sondern in den gelösten Fragen will Gott von uns begriffen sein. Das gilt für das Verhältnis von Gott und wissenschaftlicher Erkenntnis.”

Um die nach diesen Impulsvorträgen angesetzte Diskussion ebenfalls eine Initialzündung zu versetzen, fragte der Moderator Klaus Mainzer provokant, wo denn nun der Gott in den Naturwissenschaften zu finden sei. Gerhard Börner entgegnete, Gott sei nicht notwendig, es könne auch keine Aussage über ihn gemacht werden. Daneben käme “ich selbst” in den Naturwissenschaften schließlich auch nicht vor. Harald Lesch bemerkte, die Erkenntnisse der Physik seien geschichtslos, auch Bewusstsein sei nur im Augenblick möglich. Menschen haben aber Geschichte, und sind ohne Vergangenheit und Zukunft undenkbar. Klaus Maizer kritisierte auch, dass unser heutiges Weltbild häufig auf einem ähnlich wortwörtlichen Verständnis der Botschaften der Naturwissenschaften beruht, wie es im Bezug auf die Bibel früher der Fall war. Thomas Gornitz erklärte dazu, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaften stark verzögert bei der breiten Öffentlichkeit ankämen, obwohl sie das Weltbild der wissenschaftlichen Forschung entscheidend prägten. Zum Beispiel die Quantentheorie: nach ihren Thesen sind keine objektive Erkenntnisse möglich, weil alle Messungen das beobachtete System verändern. Und wenn wir Regeln in der Welt erkennen – dann betrachten wir diese Regeln ja als Gesetze unter Gleichen; Gleichheit resultiert aber aus dem Ignorieren von Unterschieden. “Die Wirklichkeit,” so Gornitz, ” besteht nicht aus kleinen Klötzchen.” Alle Bilder, die wir uns von ihr machten, seien also nur näherungsweise wahr.

Nach Alternativen zum Urknallmodell befragt, bekundeten alle drei Referenten einstimmig, dass es keine ernstzunehmende Konkurrenz dazu gebe. Zudem expandiere das Universum nach heutigem Erkenntnisstand ohne Ende, ein zyklisches Modell, wonach am Ende des Universums ein big crunch folge – gefolgt von einem weiteren Urknall – werde also auch nicht angenommen. Aber es dürfe nicht aus den Augen verloren werden, dass weltanschauliche Ansichten starke Einflüsse auch auf derartige physikalische Modelle ausübten. Ein Beispiel dafür sei die Notwendigkeit von Dunkler Energie und Dunkler Materie im Urknallmodell. Letztlich stelle sich den Kosmologen das Problem, dass sie nur beobachten könnten. Aber man müsse trotzdem fein differenzieren: Modelle an sich seien eben keine Weltanschauungen, sondern hochpräzise Gleichungssysteme, die durch Beobachtungen exakt belegt werden können. Erkenntnisse gewinnen wir durch Experimente, und Theorien bauen auf dem Fundament dieser Erkenntnisse auf (vorsichtig!, wie Börner hinzusetzte). Doch eben diese Vorsicht geht in der öffentlichen Betrachtung häufig verloren, sodass z.T. keine saubere Unterscheidung zwischen bewiesenen Erkenntnissen und Hypothesen mehr vorgenommen wird. Dazu kommt: Erkenntnisse entwickeln sich weiter; in Zukunft werden wir vielleicht Dinge physikalisch beweisen können, die jetzt noch religiös erklärt werden müssen.

Harald Lesch versetzte auf die Frage nach Gott augenzwinkernd: “Wir fragen unseren Bäcker oder Automechaniker doch auch nicht nach Gott – warum also die Naturwissenschaftler?!” Sein Glaube wirke sich darauf aus, wie er mit anderen Menschen umgehe. Gornitz betonte erneut, alle naturwissenschaftlichen Beschreibungen seien noch nicht die Wirklichkeit, und gebe uns keinen Sinn für unser persönliches Leben.

Auch Klaus Mainzer lieferte zum Abschluss ein persönliches Statement zu der Rolle Gottes aus Sicht der Wissenschaften. Er stellt heraus, Gott sei kein Lückenbüßer – diese fehlerhafte Annahme habe zu einem jahrhundertelangen, nervigen Rückzugsgefecht der Kirche geführt. Nochmal Bonhoeffer:

“Es ist mir ganz deutlich geworden, daß man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann – was sachlich zwangsläufig ist – sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug.”

Die Naturwissenschaft kann, so Mainzers optimistische Ansicht, irgendwann prinzipiell alle natürlichen Vorgänge erklären. Aber es gibt eben mehr als die technische Sichtweise der Wissenschaften – und auch Naturwissenschaftler können die Schönheit von Sonnenuntergängen genießen, obwohl sie ihr Entstehen mittlerweile komplett erklärt haben. Der Zauber unserer Schöpfung geht über ihre Mystik, ihre Rätsel hinaus. Daraus ensteht eine Hoffnung, die bleibt – auch wenn vieles ganz nüchtern erklärt werden kann.



ÖKT 2010: Anreise


Die Fahrt zum ÖKT begann sehr entspannt. Nachdem ich auf Fraukes Anraten hin auf einen Fußmarsch in aller Herrgottsfrühe verzichtet und mir die Bequemlichkeit eines wartenden Taxis gegönnt hatte (6€ plus Trinkgeld), blieb mir noch ein wenig Zeit, den (natürlich zu dieser unchristlichen Zeit noch ruhenden) Umbau des Lüneburger Bahnhofs gebührend zu bewundern. Endlich ein McDonalds mit “rail in” in unserer “Hansestadt”! Ja, unzweifelhaft: Wir sind Weltstadt.

Dankenswerterweise war es in dem ICE, der mich rechtzeitig dem halbstündig verspäteten Sonderzug nach München zubringen sollte, noch sehr ruhig – leise Schnarchlaute durchzogen das Großraumabteil. Schlafen konnte ich allerdings nicht mehr – und die Fahrt war mir dafür auch viel zu kurz – und so hatte ich die Möglichkeit, in Stille meinen Gedanken nachzuhängen, die trübe Dämmerung zu genießen und meine Hoffnung für diese Kirchentag, mein erster überhaupt und ein ökumenischer noch dazu, zu formulieren: Um Impulse geht es mir, Ideen, Anregungen, die über mein bisheriges Sichtfeld hinausgehen. Und um Begegnung mit Menschen, die mir so fremd nicht sein können.

Um kurz nach halb acht saßen wir dann erst zu fünft, später dann zu sechst im Abteil, eine bunte Mischung, und ich hatte Glück: es sind junge, offene, aber nicht überschwengliche Leute aus Hamburg (2 Jungs, 2 Mädels) und ein Mann mittleren Alters, zurückhaltend, aber nicht abweisend, in Kassel zugestiegen. Über den uns verbindenden Glauben sind wir zwar noch nicht in’s Gespräch gekommen – aber man will es ja auch nicht über’s Knie brechen.

Spulen wir noch weitere 6 Stunden vor: Ich sitze nun in der “Lounge” des Münchner 4You – solide beschreibt es in jeder Hinsicht treffend – und überlege, während ich diese abschließenden Zeilen tippe, ob ich jetzt direkt zur Theresienwiese pilgere, wo in einer Stunde die Eröffnungsveranstaltung steigen wird, oder ob ich noch kurz die Innenstadt zwecks Nahrungsaufnahme tangieren soll. (Ich entscheide mich für Letzteres.)



Die wunderbare Zeitvermehrung


Und Jesus sah eine große Menge Volkes, die Menschen taten ihm leid, und er redete zu ihnen von der unwiderstehlichen Liebe Gottes.

Als es dann Abend wurde, sagten seine Jünger: Herr, schicke diese Leute fort, es ist schon spät, sie haben keine Zeit.

Gebt ihnen doch davon, so sagte er, gebt ihnen doch von eurer Zeit!

Wir haben selber keine, fanden sie, und was wir haben, dieses wenige, wie soll das reichen für so viele?

Doch war da einer unter ihnen, der hatte wohl noch fünf Termine frei, mehr nicht, zur Not, dazu zwei Viertelstunden.

Und Jesus nahm, mit einem Lächeln, die fünf Termine, die sie hatten, die beiden Viertelstunden in die Hand. Er blickte auf zum Himmel, sprach das Dankgebet und Lob, dann ließ er austeilen die kostbare Zeit, durch seine Jünger an die vielen Menschen.

Und siehe da: Es reichte nun das wenige für alle. Am Ende füllten sie sogar zwölf Tage voll mit dem, was übrig war an Zeit, das war nicht wenig.

Es wird berichtet, dass sie staunten. Denn möglich ist, das sahen sie, Unmögliches bei Ihm.


(Aus: Lothar Zenetti, “Die wunderbare Zeitvermehrung. Variationen zum Evangelium“)



EJT 2009: Unsere Materialien und ein wehmütiger Blick zurück


So langsam beginnt die Erinnerung wieder zu verblassen — der grandiose EJT 2009 ist Geschichte, ist unwiederbringlich aus und vorbei. Die Träume und Hoffnungen treffen auf die harte Realität in der Gemeinde und brauchen nach diesem Zusammenprall erstmal wieder intensive Pflege (in meinem Fall heißt das konkret: eine wohldosierte Mischung aus Dietrich Bonhoeffers Nachfolge und den von Stephan Schlensog zusammengetragenen Denkanstößen zum Glauben). Verändert hat sich hier leider nichts, und wer dieser Täuschung erlegen war und voller Erwartungen wiederkam, dürfte mittlerweile wieder ent-täuscht und auf dem Boden der Tatsachen zurück sein. Doch selbst wenn der Wunsch Vater des Gedankens sein sollte: Ich hoffe, dass der in Düsseldorf in über 30.000 Jugendliche gepflanzte Same der Freiheit aufgehen möge und eines Tages Frucht bringe!

Denn es hat mir Mut gemacht, wie offen, wie bunt und wie facettenreich dieser Jugendtag war. Endlich durfte eine Gruppe, die gerne gönnerhaft als “Kirche von morgen” auf unbestimmte Zeit in die Warteschleife verwiesen wird, ihre Gesichter zeigen, ihren Glauben (aus-)leben und ihre Gemeinschaft feiern. Ich schreibe bewusst “Gesichter”, weil mich begeistert hat, mit welcher Selbstverständlichkeit hier auf einmal genau die Pluralität gelebt wurde, die ich in vielen Gemeinden schmerzlich vermisse. Mir hat der EJT gezeigt: Inneres Einssein geht auch ohne extrinsisch forcierte Gleichschaltung.

Mittlerweile habe ich es auch geschafft, unsere Workshop-Materialien hochzuladen. Dabei geht es um die persönliche Auseinandersetzung mit Männern der Bibel, die mit uns durchaus sehr vertrauten Problemen zu kämpfen hatten: Etwa David, dessen Chef ihm aus Neid übel mitspielen wollte, und der, obwohl er die Chance gehabt hätte, sich dieses Problems ein für alle Mal zu entledigen, loyal blieb. Oder Elia, auf dem Gipfel seines Ruhmes derart ausgebrannt, dass er seine Aufgaben einfach hinschmeißen, ja, sogar sterben wollte. Oder Schadrach, Meschach und Abed-Nego, die drei high potentials mit besten Karrierechancen, die sich ihren Aufstieg aber zunächst gründlich vermasseln, weil sie mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten…

Wer an den Workshopunterlagen interessiert ist, sich eins unserer provokanten Plakate ausdrucken möchte oder nochmal das Spiel aus dem Leuchtturm vom Norddeutschland-Stand spielen will, findet das jetzt alles hier.



Wir Fische


Once, on a morning after a particularly noisy night, Cathy and I were walking down Drake Street and we saw a crow standing in a puddle, motionless, the sky reflected on its surface so that it looked as though the crow was standing on the sky. Cathy then told me that she thinks that there is a secret world just underneath the surface of our own world. She said that the secret world was more important than the one we live in. “Just imagine how surprised fish would be,” she said, “if they knew all the action going on just on the other side of the water. Or just imagine yourself being able to breathe underwater and living with the fish. The secret world is that close and it’s that different.”

(Douglas Coupland: Life After God)

Beim erneuten Lesen des 1994 erschienenen Bands mit Douglas Couplands Kurzgeschichten bin ich einen Moment lang an dem Vergleich mit den Fischen hängengeblieben. Zunächst klingt Cathys Gedankengang ja so einleuchtend wie faszinierend: Ein Fisch, der die Möglichkeit erhielte, seinen Teich zu verlassen und die Parallelwelt oberhalb des Wasserspiegels zu erkunden, würde auf Phänomene treffen, die er vorher niemals für möglich gehalten hätte und wäre sicherlich sehr überrascht. Und wir Menschen erst, könnten wir in das nur knapp unter der Oberfläche unserer Welt schlummernde Geheimnis eintauchen…!

Dann wurde mir aber klar, dass auch in dieser höchst verwunderlichen geheimen Welt auf der anderen Seite des Spiegels jeder Fisch lediglich nach Futter und Partnern zur Fortpflanzung suchen würde, und neben den notwendigen Körperorganen zudem weder die intellektuellen noch die emotionalen Kapazitäten hätte, den Zauber dieses unbekannten Universums wahrzunehmen geschweige denn zu genießen. Und dass es uns Menschen wohl auch nicht viel anders gehen wird, wenn wir uns nicht durch gewisse, quasi evolutionäre Prozesse geistig und geistlich derart verwandeln lassen, dass uns das wartende Geheimnis irgendwann ein Heim werden kann.



Multimediales Intermezzo (Kleines 1×1 des Betens, Folge 6)


Liebe Leserinnen und Leser, wir unterbrechen unser Programm für eine kurze Verbraucherinformation. Sorry, aber bloggen fällt diese Woche unter die Kategorie “Dinge, die ich auch mal gerne wieder tun würde”. Letzten Freitag Spieleabend, Samstag mit der Jugend Weihnachtsbäume(!) aufstellen und die Kirche schmücken, Sonntag Nachmittagsgottesdienst mit anschließender Kuchen/Abendbrot-Kombi (ebenfalls in der Kirche) – viel zu tun, aber es hat sich gelohnt.

Daher jetzt nur der kurze Hinweis auf ein Video, das die Evangelische Kirche zum Thema “Gebet” bei YouTube reingestellt hat. Dort wird sich auch auf unterhaltsame Weise mit den u.a. auch an dieser Stelle schon behandelten Fragen beschäftigt:

Prädikat: Echt lohnenswert – und meines Erachtens ein deutlicher Fingerzeig darauf, dass Christen verschiedener Konfession immer zumindest miteinander Beten können. In diesem grundlegenden Punkt des gelebten Christseins trennt uns von Katholiken und Evangelen nämlich: Nichts.



Bitte für die Ar…löcher! (Kleines 1×1 des Betens, Folge 5)


Nachdem wir in den letzten Folgen die aus meiner Sicht wirklich grundlegenden Einsteigertipps erfolgreich abgefrühstückt haben dürften, kommen wir so langsam aber sicher an’s Eingemachte. Ich möchte an dieser Stelle aber nochmals betonen, dass ich die bisher vorgebrachten Anregungen nicht zuletzt auch für mich selbst hier niedergeschrieben habe. Denn keinesfalls kann ich von mir sagen, diese Dinge in aller Regel zu beherzigen. Dies gilt noch weitaus mehr für die nun kommenden Punkte.

Eine Sache, von der ich meine, dass sie besonders wichtig ist, weil sie auf ein Wort Jesu zurückgeht und darüberhinaus auch ein “Alleinstellungsmerkmal” des Christentums darstellt, ist die Fürbitte für unsere Feinde. Nächstenliebe schließt in jedem Fall auch Feindesliebe mit ein (weil unser Nächster eben jedermann sein kann) – das erklärt Jesus eindrücklich und überzeugend in einem Abschnitt der Bergpredigt, wie Matthäus es uns in seinem Evangelium in Kap. 5, 43-48 überliefert hat. Dabei ist es nur ein kurzer Nebensatz, der große Wirkung in Deinem Leben entfalten könnte: “Bittet für die, die Euch verfolgen!”

Glücklicherweise wird in unseren Landstrichen nur noch wenige Bürger von ihren Mitmenschen angefeindet oder verfolgt. Wirkliche Feinde hat wohl kaum noch jemand. Doch da gibt es Leute, die Dich einfach nerven oder Dir unsympathisch sind. Vielleicht gibt es sogar den einen oder anderen Zeitgenossen, der Dir echte Probleme bereitet, indem er Dir in der Schule oder auf der Arbeit das Leben schwermacht. Das Spektrum beginnt aber bereits bei dem Typen, mit dem Du auf der Klassenfahrt / Geschäftsreise oder auch dem Jugendwochenende ganz bestimmt nicht das Zimmer teilen möchtest.

Hier kann Dein Gebet seine positive Kraft enfalten, und zwar auf beiden Seiten. Denn während Gott sicherlich auf Deine ernsthafte Bitte hin Herzen und Gedanken Deines “Widersachers” lenken kann, bewegst Du auch etwas in Dir, wenn Du Dich mit dieser Person und ihren Problemen auseinandersetzt. Das gibt Dir eine andere Sichtweise auf ihr Verhalten. Und Verständnis ist der erste Schritt auf den Anderen zu. Wichtiger Schlüssel zum Verständnis anderer ist das eigene Verstehenwollen. Wenn Du Dir während des Betens ernsthafte Gedanken darüber machst, was Gott Deinem Gegner Gutes tun könnte – was er also braucht -, dann kann eine (durchaus begrüßenswerte) Nebenwirkung davon sein, dass Gott auch Dir etwas schenkt: Ein Herz voll Liebe für Deinen Nächsten (vgl. Mt.5,44)



Sei Dein eigener Kreativdirektor (Kleines 1×1 des Betens, Folge 4)


“Ich bin klein, mein Herz ist rein, ich will auch immer artig sein!” bzw. “…soll niemand drin wohnen als Jesus allein!” oder “Komm, Herr Jesus, sei unser Gast…” – vermutlich haben die meisten Christen als Kinder das Beten gelernt, in dem sie mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen gereimte Sätze (nach-) gesprochen haben. Das ist sicherlich für den Anfang auch genau die richtige Vorgehensweise. Kein Erwachsener würde sich aber dauerhaft auf die oben als Beispiele angeführten Gebete beschränken wollen. Trotzdem beten viele immer wieder in den ihnen gewohnten Phrasen, was zu ähnlich formelhaften Ergebnissen führt. Warum eigentlich?

Meine Vermutung: Simultan nachzudenken und zu sprechen stellt eine ziemliche Herausforderung dar (insbesondere für Männer), etwas quasi auswendig dahersagen fällt dagegen leichter (zumal, wenn es auf die Genauigkeit nicht so sehr ankommt). Wer schon einmal eine Stegreifrede halten musste, weiß vielleicht, was ich meine – das ist i.d.R. viel schwieriger als ein vorbereiteter Vortrag. Deswegen werden wir – da es ja beim Beten nicht so drauf ankommt – schnell mal faul und klammern wir uns an Altbewährtes. Es kommt aber drauf an! Das Problem in diesem speziellen Fall ist nämlich: Gebete nutzen sich ab. Wer hätte sich nicht schon beim Beten des “Vater Unser” dabei ertappt, wie der Mund die Worte mitspricht, während sich der Geist sich anderen Dingen zuwendet? Wichtig sind aber letztlich nicht die ausgesprochenen Worte, sondern die Bewegung, die dazu durch Herz und Geist geht.

Dass es daher zum Erreichen eines intensiven Gebetslebens notwendig ist, eigene, passende Umschreibungen für den inneren Gefühlszustand zu finden, ist vor einigen Tagen schon angeklungen, als es darum ging, laut zu beten. Die Frage, was eigentlich momentan mit mir genau los ist, dürfte in den meisten Fällen schon schwierig zu beantworten sein. Noch interessanter wird es allerdings, wenn es darum geht, was unser himmlischer Vater denn konkret verändern könnte, um mir zu helfen. Doch Bitten haben wir meistens sowieso schon viel zu viele, und auch die Fürbitten für unseren näheren Verwandten- und Bekanntenkreis dürften relativ leicht fallen – wobei ich auch hier vor der simplen Pauschalisierung warnen möchte. (“Und hilf doch bitte den Kreuzesträgern.”) Daneben gibt es aber noch ein paar andere Möglichkeiten:

  1. Für jemanden bitten, an den man noch nie gedacht hat: Jeden Tag treffen wir diverse Personen, die wir zwar schon irgendwie zu unserem Bekanntenkreis zählen dürfen, aber noch nie in einem Gebet bedacht haben. Such Dir einen dieser Mitmenschen aus, und überleg Dir, wie Gott ihr helfen könnte. Was wünscht sie sich? Was macht ihr Sorgen? Das ist ein guter Anlass, sich mal näher mit diesem Menschen zu beschäftigen und gleichzeitig die Fürbitte zu üben.
  2. Bewusst danken: Es ist nicht ganz leicht, sich bewusst zu machen, was man in den letzten Tagen alles Gutes erlebt hat. Auch hier lohnt es sich, intensiv darüber nachzudenken, in welcher Form Gottes Hilfe dazu beigetragen haben könnte. Das dürfen gerne auch Kleinigkeiten sein – nur halt nicht immer die gleichen. (Achtung: Gewohnheit!) Als Ausgangspunkt für Einsteiger eignen sich dazu die von Stammapostel Leber auf dem Jugendtag in NRW angeführten Beispiele – viele der Dinge, die für uns hierzulande nichts Besonderes mehr darstellen (Religionsfreiheit, um nur ein Beispiel zu nennen), sind in anderen Gebieten garnicht möglich. Das bietet also nicht nur den Anlass für Dankbarkeit, sondern auch für weitere, konkrete Fürbitten.
  3. Überschwenglich loben: Mal ernsthaft – gehört der Lobpreis Gottes zu Deinem persönlichen Gebet? Ich tue mich damit häufig ziemlich schwer, besonders, wenn ich allein bete. Dabei könnte man da eigentlich mal so richtig die Sau rauslassen! Der Trick: Nicht irgendwelche Wortungetüme wie “wundervoller”, “gütiger, treuer” oder “allmächtiger” (…Vater) versuchen zu benutzen, die Dir sonst nicht über die Lippen kämen – dadurch wirst Du auch nicht heiliger. Finde lieber Deine eigenen Worte – das macht viel mehr Spaß! Gott rockt einfach total, und das darf man ihm auch ruhig mal so sagen.

Hmm, Du erlebst momentan aber nichts, wofür Du Gott danken oder loben könntest? Auf diese Problematik möchte ich später noch eingehen, sie würde diesen Beitrag sprengen.



Let’s get loud! (Kleines 1×1 des Betens, Folge 3)


Wer sich mal so richtig aussprechen will, muss zunächst einmal eines: sprechen!

Folge 3 in einer Serie von Gedanken zu einem gesunden Gebetsleben.

In der letzten Folge an dieser Stelle wurde besonders herausgestellt, wie wichtig es ist, sich zum Beten zurückzuziehen. Das ist nicht nur reiner Selbstschutz, sondern trägt auch dazu bei, die Nerven der anderen zu schonen. Denn ein meiner Ansicht nach wesentlicher Tipp zum Beten ist: Bete laut! Ja, genau – LAUT!

Dieses Vorgehen zwingt Dich nämlich dazu, Deinen Sorgen und Problemen, aber auch Deiner Freude wirklich Ausdruck zu verleihen. Du musst Deine Gedanken ordnen, um Sätze zu formulieren. Das mag Gott letztlich egal sein, da er schließlich auch in Dein Herz sehen kann – aber wir Menschen werden uns vieler Probleme erst richtig bewußt, wenn wir versuchen müssen, sie anderen zu erklären. Nicht selten erzeugt dies dann den einen oder anderen Geistesblitz, der uns bei der Lösung behilflich ist. Gleiches gilt auch umgekehrt für den positiven Fall: Ein nicht ausgesprochenes Lob ist faktisch wertlos. Gott hat Deinen Dank nicht nötig – aber Du hast es nötig, Dir immer wieder auf’s Neue bewußt zu werden, wie groß und gütig unser Vater im Himmel ist! Halleluja!

Ein netter Nebeneffekt des lauten Betens ist übrigens, dass man sich schnell darüber im Klaren ist, wie viele Floskeln und Phrasen man verwendet. Wendungen wie “er- und durchleben” sind kein Merkmal einer besonders heiligen Sprache; sie weisen vielmehr darauf hin, dass man Versatzstücke einfach recycelt anstatt seine Anliegen in passende Worte zu kleiden. Gott wird Dir nicht böse sein, solltest Du mehrmals ansetzen müssen, bis Du Worte gefunden hast, die Deinen Herzenszustand widerspiegeln. Aber Du tust Dir selbst einen Gefallen mit dem Versuch, Dein Inneres möglichst detailgetreu zu schildern. Dann erreicht Dein Gebet eine besondere Tiefe, und das Beten wird Dir nicht länger monoton, langweilig oder repetitiv erscheinen.