Michael Jackson, Pop-Ikarus


Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die in den 80ern ihre Kindheit verbrachten, ohne eine zumindest zeitweilige Phase der Bewunderung für Michael Jackson zu durchleben. Das  allererste Musikalbum in meinem Besitz war Bad, natürlich damals noch auf Kassette. Das Album erschien 1987 — da war ich 10 Jahre alt. Dass Michael Jackson jetzt so plötzlich und tragisch verstarb, versetzt mich also eher in eine Art Nostalgie, denn seit meinem musikalischen coming of age ab der Mitte der ’90er habe ich seinen Werdegang bzw. Abstieg nur noch am Rande in den Sensationsmeldungen der Boulevardpresse mitverfolgt.

Allerdings muss ich hinzusetzen, dass mich ohnehin die Musik an sich nur teilweise faszinierte, vor allem, weil ich schon damals per Stromgitarre erzeugte Töne bevorzugte. (Eins meiner nächsten Alben war The Razor’s Edge von AC/DC, heimlich vom eigenen Taschengeld gekauft. Das erschien 1990, woran man sieht, dass sich mein Musikkonsum noch arg in Grenzen hielt.) Die Gitarrenaffinität bewirkte auch, dass Dirty Diana mein Lieblingssong auf Bad war und blieb. Aber: Wenn ich die Musik nur so halbwegs mochte, was hat mich dann an Michael Jackson so nachhaltig beeindruckt?

Ganz einfach — sein Tanzstil.

Schaut man sich bspw. auf YouTube Musikvideos von Michael Jackson an, wird selbst ohne Ton deutlich, was für ein genialer Künstler dieser Mann war. Als Beispiel sei auf die Live-Performance zum 25-jährigen Bestehen des Motown-Records-Labels verwiesen — jeder Schritt sitzt. Die perfekten Choreografien wurden in der Regel zudem von Jackson selbst entworfen.

Über das, was dann ab den Neunzigern mit Michael Jackson geschah, habe ich mir schon öfters Gedanken gemacht. Mittlerweile glaube ich, dass Jackson, der ja durch seinen Vater bereits früh und hart zum Showstar gedrillt wurde, nie eine richtige Kindheit erleben durfte, und sich daher auf dem Höhepunkt seines Erfolgs versuchte, in das Paradies des Kindseins zurückzukaufen — etwa durch einen Affen als Haustier, Kooperationen mit Disneyland (wie dem Film Captain EO) und dem Erwerb der Rechte an sämtlichen Songs der Band seiner Kindheit, den Beatles. Ja, vielleicht war Michael Jacksons oft (und böswillig) als Pädophilie missgedeutete Kinderliebe, die sich auch in vielen humanitären Hilfsprojekten (“Heal the World“) ausdrückte, letztlich auch nichts mehr als dass: Ein gutgemeinter, kindlich-ungeschickter Versuch, anderen jungen Menschen ihre Kindheit so schön wie möglich zu gestalten.

Im Rückblick erscheint mir Michael Jacksons Leben wie eine Coverversion des Ikarus-Mythos: Um aus dem beengten Lebensumständen der unterdrückten schwarzen Minderheit in den USA der 60er Jahre auszubrechen, erschafft Vater Jackson seinen Kindern Flügel — die Musik. Sie einzusetzen erfordert allerdings hartes Training mit eiserner Diziplin: nicht zu hoch, nicht zu tief… Und wer weiß, vielleicht wollte ja auch die tragische Gestalt der Antike sich durch ihren “übermütigen” Aufstieg zu dicht an die Sonne lediglich dem unbarmherzigen Regime ihres Vaters Dädalus entziehen?



Weezer: Pork and Beans


Freitag mittag, die Sonne scheint: Zur Einstimmung auf das nahende Wochenende gibt es mal was zur Entspannung: Das Video zum neuen Song von Weezer.

Wer die über YouTube verbreiteten Internet-Memes und viralen Videos verfolgt, dem dürfte ein Großteil der Akteure des neuen Weezer-Clips bekannt vorkommen. Weezer ist im Übrigen seit ihrem ersten Hit irgendwie mit dem IT-Umfeld verbandelt. So waren sie etwa auf den Windows95-CDROMs dabei — mit dem Video zu “Buddy Holly”.



Portishead: Von damals bis jetzt


Als einen Nachtrag zur untenstehenden Rezension des neuen Portishead-Albums möchte ich meinem geneigten Leser noch ein paar audiovisuelle Eindrücke des künstlerischen Werdegangs dieser Band mit auf den Weg geben. Chronologisch geordnet:

  • Das Video zum Track “Glory Box” vom Erstling “Dummy”. Bitte im Hinterkopf behalten, das Album erschien 1994, das Video zu dieser Singleauskopplung ein Jahr später. Das sollte den “Stil” hinreichend entschuldigen.
  • 3 Jahre nach “Dummy” erschien “Portishead” als zweites Album, aus dem ebenfalls 1997 die Single “Over” ausgekoppelt wurde. In meinen Augen ein Paradebeispiel für TripHop und mit einem sehr schönen Video ausgestattet.
  • Mein absoluter Lieblingssong der Band ist und bleibt: “Roads”, ebenfalls vom Album “Dummy”. Am schönsten ist eigentlich die im Live-Konzert im Roseland in New York aufgeführte Adaption mit Untermalung durch ein Streichorchester. Einziges Manko: die frenetischen Fans: Amis eben.
  • Ein wirklich sehenswertes Kunstwerk ist auch das Video zu “Mysteries” von Beth Gibbons’ Soloprojekt “Out of Season”. Einfach nur wunderschön…
  • Der krasse Gegensatz zu dieser Ballade ist, wie schon angedeutet, “Machine Gun” vom aktuellen Album “Third”. Die Minimalität der Musik wie auch der Videoproduktion geht hier an meine persönlichen Grenzen — von einer anderen Band würde ich mir das wohl nicht unbedingt bieten lassen. Andererseits: Es wird mit jedem Mal besser! (Achja: Das Ende ist anders als auf dem Album. Und dieser unschöne Pitchfade bei 3:34 ist im Original auch nicht drin.)


Portishead: Third


Es groovt nicht mehr — oder?! Nunja, vielleicht liegt das auch an mir, schließlich bin ich auch nicht groovier geworden, sondern ca. 10 Jahre älter. Und nebenbei sollte obiges Statement ja wirklich auch nur eine ganz neutrale, sachliche Feststellung sein — ebenso sachlich und neutral wie die Beat-Patterns und Samples des zwar langersehnten, aber schon längst nicht mehr erhofften dritten Portishead-Albums an mir vorbeifließen. Denn mein erster Höreindruck war: Mehr Elektronik, weniger Emotion. Und doch trifft das so nicht ganz, schließlich betört und verzaubert Ms. Gibbons’ schwaches, dünnes, zitterndes Stimmlein immer noch, weckt durch angedeutete Fragilität den Beschützerinstinkt — wie etwa in “The Rip”, das nicht wenig an ihr jedem Melancholiker extrem an’s Herz zu legendes Solo-Album “Out of Season” erinnert.

Aber auf instrumentaler Seite wird eben etwa durch die Arpeggien in diesem Song, wie auch die Breaks in “Hunter”, die vielfach viel zu geraden Rhythmen, und die Tatsache, dass die Hammond-Orgel allerorten die Verdrängung durch den Synthesizer hinnehmen muss: aus diesem Album glücklicherweise etwas Neues, Frisches, Überraschendes. Sicherlich nicht den Hörgewohnheiten der Zeit angepasst; der Elektro-Mainstream ist immer noch weit entfernt — doch zugewandt. Und selbst härtere Songs wie “Machine Gun” klingen irgendwie erstaunlich gut (und daneben am Ende ein wenig nach Radiohead).

Einziges echtes Manko: Diese Scheibe ist derart heterogen, dass ich sie wohl nicht als Nebenbei-Gedudel auflegen mögen würde. Das hat sie aber auch nicht verdient. Mir gefällt’s.