Inmitten


Inmitten
Atemloser Gestalten, die sich
Mit Regenschirmen durch die Gassen hetzen,
Um Einkaufstaschen bis zum Rand zu füllen…

Inmitten
Zahlloser Dinge, die sich
In hohen Regalen dicht an dicht drängen,
Um den Sinn bis zum Rand zu füllen…

Inmitten
Endloser Ansprüche, die sich
Frech um Augenblicke streiten,
Um rastlose Tage bis zum Rand zu füllen…

… ist ein Ros’ entsprungen.

(Frauke & Lars, Dez. 2009)



Xbox 1984


Spielekonsolen liegen eigentlich außerhalb meines Interesses, oder zumindest sehr weit am Rande — nicht, weil ich nicht gerne spielen würde, sondern, weil ich für diesen Zweck zumindest bis zum Erscheinen der Wii den PC aus pragmatischen (bereits vorhanden, kein Fernseher benötigt, vielfältige Eingabegeräte anschließbar und überhaupt vielseitiger) wie ästhetischen Gründen (wesentlich höhere Auflösung der Bilder) vorgezogen habe.

xbox1984 Doch was Microsoft jetzt mit Project Natal als Erweiterung der Xbox 360 auf der Computerspiel- Messe E3 der Öffentlichkeit vorgestellt hat, lies mich erst aufhorchen und dann, nach dem Sehen des offiziellen Werbeclips, zusammenzucken. Das Konzept kam mir… irgendwie vertraut vor.

Ein Gerät, das im Wohnzimmer steht und den Fernseher um einen Rückkanal erweitert? Das sich selbständig aktiviert, sobald jemand den Raum betritt (oder vielleicht nie wirklich aus ist — man weiß es nicht)? Das Gesichter und Stimmen voneinander unterscheiden kann? Das jede Aktion vor seinen elektronischen Augen und Ohren aufmerksam mitverfolgt? Na klar: Das ist der Telescreen, wie ihn George Orwell in seinem Roman Nineteen Eighty-Four beschreibt. Mit dem Unterschied, dass wir heute schon über die notwendige Software verfügen, um die gesammelten Daten automatisch auszuwerten — was die Xbox zu Entertainmentzwecken tut.

Ich will jetzt nicht in irgendwelche wilden Verschwörungstheorien abgleiten. Aber wie der Zufall es so will, haben wir bald (oder schon heute?) mit den diversen Gadgets alle technologischen Hilfsmittel in unseren Taschen und Wohnräumen, die einem Überwachungsstaat viel Arbeit abnehmen würden: Ob es nun die Mobiltelefone sind, die das lückenlose Protokollieren unseres Aufenthaltsortes ermöglichen (was mit Google Latitude sogar noch auf die Spitze getrieben werden kann), die öffentliche Preisgabe oder zumindest das bedenkenlose Abtreten persönlicher Daten, Fotos und Kontakte an Webplattformen wie Facebook und StudiVZ oder eben jetzt ein Einblick in das eigene Wohnzimmer.

Fehlt eigentlich nur so etwas wie Google Maps mit Street View in Echtzeit. Dieses Werkzeug ist bis jetzt noch den div. Regierungen vorbehalten — immerhin.



Fasten your seatbelts


“Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. Bitte kehren sie an ihren Platz zurück und schnallen sie sich an, wir beginnen jetzt mit dem Landeanflug auf Hamburg.”

Während sich im Süden und Westen der Bundesrepublik die Menschen noch teilweise hemmungslos ihren Spaß- und Sauforgien hingeben und das Ganze dann unverständlicherweise “Karneval”  — also etwa “das Fleisch geht” (von dannen, offensichtlich ist nicht mehr unbedingt das Schnitzel auf dem Teller gemeint)  — , bergen wir hier im Norden schon mal die Segel und werfen die Leinen über, um festzumachen. Denn die Verwandschaft zwischen Fasten und to fasten ist nicht zufällig.

Warum also fasten? Damit wir in den nächsten Wochen unser Lebensschifflein mal gründlich inspizieren können. Dazu müssen wir mindestens in ruhigem Wasser den Anker werfen, idealerweise aber lieber an einer soliden Kaimauer anlegen und die Festmacher um die Poller legen. Und dann: keine Müdigkeit vorschützen, sondern flugs die notwendigen Reparaturen und Ausbesserungsarbeiten durchgeführt!

Dass die nicht immer die reine Freude sind, ist uns klar: Da muss man evtl. in eine eklig-brackige Brühe eintauchen, um den Unterwasserrumpf einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Wo kommt all das schmierige Öl her — haben wir ein Leck? Viel Spaß beim Suchen! Oder haben sich da Seepocken und andere unerwünschte Mitfahrer festgesetzt und bremsen uns jetzt aus? Die müssen wieder runter. Haben wir uns an den Felsnasen beim Durchkreuzen der Meerenge ein paar tiefe Schrammen geholt? Da muss wohl oder übel nachkalfatert werden — sonst drückt bei starkem Seegang zuviel Wasser durch. Was nicht sofort erledigt werden kann, muss eventuell aufwendig im Trockendock vorgenommen werden, was immerhin den Vorteil hätte, dass man die gebotene Gründlichkeit walten lassen kann (ist gerade kein Trockendock  zur Stelle, behilft sich der findige Seemann, indem er sein Boot einfach trockenfallen lässt).

Und auch oberhalb der Wasserlinie müssen wir ordentlich ranrauschen. Wenn ich mir so die Aufbauten betrachte, wird an vielen Stellen etwas neue Farbe auf der alten Schicht und auf den Rostplacken, die sich hier und da schon bilden, nicht ausreichen. Also her mit dem Schleifpapier. Hält die Takelage noch, oder sind die Taue schon angerottet? Wer wie wir nicht im Sturm irgendwann Mastbruch erleiden will, sollte das von Zeit zu Zeit prüfen. Und die Segel! Und wenn am Schluss noch etwas Zeit bleibt, könnte man ja eventuell noch die Gallionsfigur wieder einmal polieren…

Ja, wir sind froh, wenn wir wieder in See stechen können, denn angenehm ist so eine Fastenzeit nicht. Aber notwendig.



Jesu Rezept zu Geistlichem Wachstum: Bittet, Suchet, Klopfet an


Praktischerweise hat der biblische Evangelist, den wir unter dem Namen Matthäus kennen, relativ zu Anfang seines Evangeliums ein Medley der wichtigsten und beeindruckendsten Lehren Jesu zusammengestellt. Es soll gleich zu Beginn des Berichts in Bezug auf den Protagonisten deutlich werden: Dieser Jesus von Nazareth ist anders, und er ist radikal: Er fordert, anstatt immer nur die Symptome zu bekämpfen, die Probleme bei der Wurzel (radix) anzupacken.  Für seine damaligen Zeitgenossen, letztlich ja in aller Regel Juden, hieß dies konkret: Nicht nur unter dem äußerlichen Druck eines umfassenden Regelwerks leben, sondern vielmehr die dahinterliegenden Konzepte verinnerlichen. Und während sich der größte Teil der Bergpredigt um die Grundsätze zwischenmenschlichen Miteinanders dreht, gilt dieses Prinzip auch für die Erfahrbarkeit der Hilfe Gottes in der Gebetserhörung. So sagt Jesus laut Mt.7,7-11:

»Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.«

Überschrieben ist dieser Abschnitt in der Gute Nachricht Bibel mit “Voll Vertrauen zu Gott beten”. Doch neben dem Vertrauen fordert Jesus implizit auch noch das Vorhandensein einer zweiten Eigenschaft: Beharrlichkeit. Interessanterweise sind es auch gerade diese beiden Charakterzüge, welche die ersten Jünger Jesu kennzeichnen: Vertrauensvoll folgen sie dem Fremden auf sein Wort und lassen dabei alles — ihre Familie, ihren Beruf, ihr Heim — zurück. Beharrlich bleiben sie bei ihrem Rabbi, selbst als dieser am Ende hingerichtet wird — und auch später werden sie noch zusammenhalten und derart begeistert seine Lehren weitertragen, dass selbst grausamste Repressalien sie nicht einschüchtern können. Doch ich greife vor.

Jesus stellt in dem obigen kurzen Bibelabschnitt einen auf den ersten Blick einleuchtenden Vergleich auf: Wenn schon seine Zuhörer (bzw. die Leser, die sich nach der Vorrede ihrer eigenen Unvollkommenheit bewusst sein dürften) ihren Kindern keinen berechtigten Wunsch abschlagen würden, obwohl sie sonst so oft moralisch fragwürdig handeln, dann spricht alles dafür, dass Gott uns jeden unserer Wünsche, den wir an Ihn herantragen, erfüllt. Das aber widerstrebt deutlich unseren gemachten Erfahrungen. Wie oft bitten wir Gott im Gebet reinen Herzens um etwas, das für uns oder andere lebensnotwendig ist (z.B. Gesundheit), und bekommen doch die “Schlange” (werden bzw. bleiben also krank).

Was Jesus eigentlich gemeint haben könnte, wird im Evangelium des Lukas deutlicher, das sich letztlich aus der gleichen Quelle bedient. Dennoch geht das Zitat über den von Matthäus überlieferten Text hinaus. So heißt es hier:

Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten. Würde da der Freund im Haus wohl rufen: Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht. Deshalb sage ich euch: Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Ist unter euch ein Vater, der seinem Kind eine Schlange geben würde, wenn es um einen Fisch bittet? Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.«

Neben den interessanten Andeutungen in Bezug auf die orientalische Gastfreundschaft und die Überwältigungskraft der Unverschämtheit ist natürlich für unsere Betrachtung vor allem der letzte Satz wichtig. Es ist auffällig, dass in diesem Satz bei Matthäus die Konkretion einfach fehlt — davon abgesehen handelt es sich doch in der zweiten Hälfte des Textabschnitts lediglich um eine andere Wortwahl.

Laut dieser Parallelstelle geht es also bei der Zusage Jesu, Gott werde unsere Bitten erhören, um geistliche und eben nicht um natürliche Gaben: “Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!” Gott schenkt uns also die Gaben des Heiligen Geistes (Charismata), wenn wir nur ernsthaft darum ringen. Und dies bedeutet für Jesus — es gilt das gleiche wie für die anderen Aspekte der Nachfolge — vor allem: Konsequenz im Handeln.

In diesem Licht macht die Zusage der Gebetserhörung für mich schon sehr viel mehr Sinn. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese Verheißung den Mitgliedern der urchristlichen Gemeinde viel Kraft gegeben hat. Kraft, durch die sie wiederum konsequent den Weg ihres Glaubens zu gehen im Stande waren, selbst im Angesicht der tödlichen Gefahren, die ihnen gerade aufgrund ihres Glaubens drohten.



In der Kirche, aber nicht von der Kirche: Hans Küng


Vor über einem Monat habe ich auf der ökumenischen orientierten Website “Christ im Dialog” einen längeren zu langen Artikel anlässlich des achtzigsten Geburtstages des katholischen Theologen Hans Küng veröffentlicht. Wer sich für Leben und Werk dieses streitbaren Publizisten interessiert, bekommt hier einen ersten groben Überblick. Viel Spaß beim Lesen! (PDF, 80KB)