Ian McEwan: Saturday

Meine Güte, könnte man denken, was für ein sterbenslangweiliges Sujet: Da begleitet der Leser einen vielleicht fünfzigjährigen Oberschichtentraumtänzer von Arzt aus London durch einen kompletten Samstag, erträgt seine somnambulen Selbstreflektionen, fährt mit ihm zum Squash, dann Fisch kaufen, dann die demente Mutter besuchen — und das auf satten zweihundertachtzig Seiten. Kein Detail, nicht einmal die Betrachtung darüber, wie der Strahl des Protagonisten im Pissoir spielt, bleiben ihm erspart. Muss man sowas wirklich lesen?

Nein, natürlich nicht. Aber etwa ab Seite 20 will man es lesen, am besten ohne Absetzen. Denn dieses Buch übt einen unheimlichen Sog aus, der ähnlich demjenigen ist, der von einer guten Fernsehserie ausgeht: Man wird vertraut, ja, geradezu intim mit dem Personal; sein Schicksal ist nicht nur leidlich interessant, sondern wird mit der Zeit von bestimmender Wichtigkeit. Und selbst die eher unappetitlichen oder traurigen Details der Lebengeschichten der Figuren üben irgendwann eine schon voyeuristisch anmutende Faszination aus.

Nur, dass in dem Roman Saturday des Briten Ian McEwan dieser Effekt noch wesentlich verstärkt wird durch den Umstand, dass ein allwissender Erzähler Einblicke gewährt in die geheimsten inneren Regungen der Hauptperson, Henry Perowne, die einem Zuschauer bei einem Fernsehspiel noch unzugänglich blieben. Jeder seiner Gedanken, der ihm selbst bewußt ist, wird dem Leser offenbart. Aber die anderen Personen, Henrys Frau Rosalind oder seine Kinder Theo und Daisy, bleiben für den Leser so undurchschaubar, wie sie es für Henry sind. Dieses ganz natürliche Konzept der Fokussierung und gleichzeitiger Begrenzung des Bewusstseins macht die Geschichte zu einem intensiven, unmittelbaren Erleben und gibt gleichzeitig immer nur soviel an Informationen preis, dass man geradezu weiterlesen muss — und seien es nur noch ein, zwei Seiten.

Also erhebt sich der Leser gemeinsam mit Henry mitten in einer klaren Februarnacht aus einer Phase der Schlaflosigkeit, öffnet das Fenster, welches auf einen kleinen Platz herunterblickt, und hängt in der Kühle der Nachtluft seinen Gedanken nach: der Beruf (Neurochirurg) und die Patienten, die Kinder Daisy (werdende Dichterin) und Theo (angehender Blues-Musiker), Rosalind (Ehegattin und Juristin) und Hans Blix. Für den vor uns liegenden Samstag ist in London eine große Demonstration gegen die Pläne der Blair-Regierung zur Unterstützung des Einmarsches der Amerikaner in den Irak geplant. Doch diese Reflektionen werden abrupt beendet, als ein Feuerball (ein Meteor? ein Flugzeug?) vor unseren Augen den Himmel durchquert. Ein terroristischer Anschlag? Fast schon hoffnungsvoll macht machen wir uns mit Henry auf in die Küche, um das Radio anzustellen.

Saturday besitzt unglaublich viel Subtext, und gerade der macht diesen Roman so reichhaltig. Da ist einerseits die bereits angedeutete Thematisierung des Bewusstseins, einerseits durch die Form der Erzählung, andererseits natürlich über die Gedankengänge Perownes hinsichtlich seines Berufes. Daneben deckt McEwan in seinem Buch aber auch die Schizophrenie der Existenzängste eines Oberschichtlers der westlichen Welt in der Zeit nach 9/11 auf: Eher befürchtet man täglich einen Anschlag durch unbekannte Ausländer eines anderen Kulturkreises, als dass man konkrete Bedrohungen in seinem eigenen Umfeld wahr- oder ernstnimmt. Eher befürwortet man den Einmarschbefehl in eine fremde Nation durch die Regierung, weil damit ja der dortigen Bevölkerung geholfen sei, als dass man eine an sich selbst verübte Straftat verfolgen würde. Und man sieht ständig eine Bedrohung seines Glücks, seiner Stadt, seines Besitzes, seiner Familie. Dieses Damoklesschwert, das durch die Geschehnisse des Tages immer wieder wechselnde Formen annimmt, sorgt für die notwendige Spannung, um den Leser von der Weiterführung der Selbstreflektionen Perownes abzuhalten und dagegen zum Umblättern zu zwingen.

Wirklich angenehm dabei ist der Umstand, dass McEwan seine Figur angesichts der drohenden obskuren Gefahren eben nicht psychologisiert. Die Erzählung bleibt vollkommen natürlich und gewinnt unter Anderem auch dadurch an Authentizität, dass der Protagonist den einen oder anderen unangenehmen Gedanken beherzt beiseite wischt. Desweiteren wird durch die strikte (wenn auch entspannte) Tagesplanung der Hauptperson für diesen Samstag eine gewisse Episodenhaftigkeit gesetzt, mithilfe derer die Storyline in wohldefinierte Abschnitte aufgebrochen wird. Und es ist wie im echten Leben, samstags – nach jedem Abschnitt hat der Leser das Gefühl: So, das wäre jetzt auch geschafft! Gleichzeitig wahrt der Autor aber auch die Form des klassischen Theaterstücks in fünf Akten (denen auch die Zwischenakte nicht fehlen), sodass letzlich die etablierte Form mit modernen Mitteln ausgestaltet wird.

Ich fand Saturday außergewöhnlich intensiv und spannend für ein literarisches Werk seines Anspruchs. Oder aber: ich fand den Roman außergewöhnlich niveauvoll für ein Melodram dieser Kürze. Oder aber: Für ein Werk, das sich so wenig in eine Schublade einordnen lässt, und trotzdem derart aus einem Guss wirkt; das sich derart lebensnah zeigt und sprachlich dabei so gewählt und präzise ausdrückt; das derart leichtfüßig von einem Geschehen zum anderen läuft, aber dabei doch die ganze Schwere des Samstags eines high potentials unserer Leistungsgesellschaft auf den Schultern trägt, bleibt mir nur Verwunderung. Unglaublich, aber wahr.

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