Ist das wirklich Eskapismus?

Vor ein paar Tagen erinnerte Antjes Blog mich an den schönen Ausdruck “Eskapismus”, mit dem Julia Friedrichs im ZEIT Magazin das Jahr 2015 einläutete. Laut Wikipedia ist Eskapismus eine Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, die Friedrichs unter anderem im steigenden Konsum von Kreativ- und Landzeitschriften zu erkennen glaubt. Und was soll ich sagen: Beinahe ertappt fühlte ich mich beim Lesen des Artikels über die gesellschaftliche Rückkehr zu biedermeierschen Idealen. Im vergangenen Jahr hatte ich nämlich nicht nur die Flow gelesen, sondern auch gestrickt, gegärtnert, genäht, gekocht, gebacken und meditiert. Und damit repräsentierte ich laut Friedrichs prompt eins der vielen realitätsflüchtigen Wesen unserer Zeit, das zu allem Überfluss auch noch schöne Papiere mit Blümchen mag.

Tatsächlich ist mir erstmal zum Fremdschämen zumute, wenn ich bei Friedrichs eine aus der Flow zitierte Passage lese: “Egal welche Zeitung man aufschlägt, sofort sind wir mit beängstigenden, brutalen oder traurigen Nachrichten konfrontiert […].  Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch sitzen.” Überall auf der Welt geht es den Leuten schlechter als uns – und unser größtes Problem ist, dass wir davon morgens in der Zeitung lesen müssen? Ohne Frage wäre das Ausdruck eines fest verankerten Ego-Tripps und fehlender sozialer Verantwortung einer Gesellschaft, die sich mit ihrem Lebensstandard zu den reichsten der Welt zählen darf. Ich schlage also nochmal den Originalartikel von Otje van der Lelij auf und lese dort: “Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt am Küchentisch sitzen und durch die Zeitung blättern – nach ein paar Artikeln können wir uns meist nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass wir in einer problematischen Zeit leben, in der es ausschließlich um Macht und Geld geht. Und dass es der Gesellschaft, der Umwelt und letztlich der ganzen Menschheit schlecht geht.” (Flow 3/2014, S. 59) Auch diese Formulierung klingt tendenziell nach Augen- und Ohrenverschließen, mündet jedoch in das Argument, dass Katastrophenmeldungen in den Nachrichten nicht die ganze Wirklichkeit, sondern einen Teil der Wirklichkeit repräsentieren. Ein derart medienkritischer Blickwinkel ist mit Sicherheit angebracht, wenn man sich vor Augen hält, welche wirtschaftlichen Ziele hinter mancher Schlagzeile stecken. Nur ein Bruchteil der Informationen, die ich diese Woche im Radio hörte, bereichern mein politisch-gesellschaftliches Hintergrundwissen. Dass seriöse Berichterstattung leider mangels Alternativen gerne durch Spekulationen abgelöst wird, ermutigt mich regelmäßig, das Radio am Frühstückstisch nach kurzer Zeit wieder auszuschalten. Wenn der Nutzen von Informationen gleich null ist, führt eine Auseinandersetzung mit den Tagesmedien tatsächlich nur zur Belastung der inneren Kapazitäten und kann zu einer einseitig negativen Wahrnehmung der Welt führen. Um diesen Tunnelblick wieder in in einen Weitwinkel zu verwandeln, schlägt Flow-Autorin Otje van der Lelij psychologische Techniken wie Relativierung und Akzeptanz vor. Hier geht es also nicht darum, die Augen vor der Unsicherheit des Lebens zu verschließen, sondern eher, die Augen richtig aufzumachen. Und beides zu sehen: Das Schlimme. Und das Gute.

Einen weiteren Kernpunkt des Flow-Artikels verschweigt Friedrichs: Nämlich den Rat, sich auf Aspekte des Lebens zu konzentrieren, die der Einzelne tatsächlich beeinflussen kann (Flow 3/2014, S. 62). Die Weltwirtschaft entzieht sich jetzt gerade meinem Einfluss. Die Atmosphäre in der Familie und Nachbarschaft oder die Hilfe für Flüchtlinge vor Ort hingegen nicht. Diese Einsicht ermöglicht mir, das zu tun, was vor Ort anliegt, anstatt wie paralysiert vor den vielen ungelösten Unglücken der Welt sitzen.  “Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt mir da entgegen.”, kritisiert Friedrichs den Charakter der Flow. Apolitisch? Muss ich erstmal nachschlagen. Bedeutet “gleichgültig, ohne Interesse gegenüber politischem Geschehen; unpolitisch”. Nun ja. Der zitierte Artikel ist keine Anleitung für politisches Engagement und Aufbegehren. Eine Zeitschrift, die sich unter anderem mit einer differenzierten Wahrnehmung der Tagespresse auseinandersetzt, würde ich allerdings auch nicht als apolitisch bezeichnen.

Trotzdem lässt mich der Artikel von Julia Friedrichs irgendwie nicht los. Gleich zu Beginn des Jahres kam in geselliger Runde bei Möhrentorte und Tee eine dermaßen angeregte Eskapismus-Debatte in Gang, dass eine der Teilnehmerinnen zwischenzeitlich glaubte, es werde jeden Moment zu einer Parteigründung kommen. Woran das liegen könnte? Ich vermute, Friedrichs hat uns in unserer Ehre getroffen. Wir wollen keine strickenden Eskapistinnen sein. Wir sind es auch nicht. Im Gegenteil: Nachrichten sind ständiger Bestandteil unseres Alltags und sie treffen uns immer wieder. Wir müssen überhaupt keine Zeitschriften kaufen, um über politische Entwicklungen informiert zu sein. Jede, wirklich jede (oft übrigens auch völlig apolitische) Neuigkeit fliegt uns doch ganz automatisch an. Die Frage, was wir an schlimmen Entwicklungen ändern können und welche Quellen uns dafür halbwegs seriöse Hintergründe liefern, beschäftigt uns ebenso oft. Und wenn ich mich in unserer angeblich so eskapistischen Zeit umsehe, dann kann ich nur staunen über Willkommensinitiativen, Wohnprojekte, Atomwiderstand,  Fair-Trade-Bewegungen, ethisch motivierten Veganismus, Plastiktüten-Boykott und, und, und. Die Frage vieler Menschen ist möglicherweise nicht, ob man sich aktiv mit Gegenwartsfragen auseinandersetzen soll, sondern eher, woher auf Dauer die Kraft kommt, um diese auch bearbeiten zu können. Und die fließt für Viele eben aus ihren kreativen Hobbies, aus Glaube, Familie, Natur und aus der ein oder anderen Pause vom Weltgeschehen. Hierzu trägt der ständige Nachrichtenstrom wenig bei und lässt eine Nische frei, die Zeitschriften wie Landlust, Flow und Co offensichtlich für sich zu nutzen wissen.

Ich werde also auch weiter stricken, meditieren und im Garten herumgraben. Ich werde Nachrichten hören, sehen und lesen. Ich werde mich darüber aufregen. Und mit der Kraft selbst gebackenener Kekse meinen Teil zum Gegenwartsgeschehen beitragen.

4 responses

  1. Ach Frauke, das ist wirklich sehr anregend! Was Du da an Gedanken und Anregungen zusammen getragen hast – echt toll! Mir ist noch einmal klar geworden, was für ein komplexes Thema das ist. Ich glaube, da werden wir noch weiter drüber sprechen müssen. Auf jeden Fall sehe ich es auch so, dass wir uns engagieren und insofern an vielen Stellen die normativen Erwartungen an politisch aufgeweckte Bürger erfüllen. Aber dann gibt es eben noch die anderen Elemente, die auch zum Leben gehören.

    Wusstest Du, dass die Flow-Leserinnen von Anfang an nicht ernst genommen wurden? Als Latte-Macchiato-Mädchen hat man sie bezeichnet. Was ich ganz interessant finde und gerade entdeckt habe bei Spiegel Online. Da wurde das Magazin schon verrissen, bevor es überhaupt so richtig losging mit dem Eskapismus, der gar keiner ist. Hier eine der aussagekräftigsten Stellen aus dem Artikel, der mir gerade in die Finger kam:

    “Alles ganz entzückend, ziemlich naiv und selbstverständlich retro – in der Optik, wie auch im Weltbild: “Flow” richtet sich offenbar an eine Zielgruppe von Leserinnen, die nicht nur vor den Zumutungen der Zeitungslektüre geschützt werden möchte, sondern ganz Allgemein den Rückzug aus einer als bedrohlich empfundenen Welt angetreten hat. “Verängstigt wie ein Kind rannte ich zurück in den Hotelgarten” heißt es programmatisch in einem Text, dessen Autorinnen vor keiner Binsenweisheit zurückschrecken: Warum nicht mal “einen anderen Weg zur Arbeit nehmen”? Es könnte ja helfen, mit eingefahrenen Gewohnheiten zu brechen. Die “Flow”-Frau mag jung sein, sie mag Geschmack haben – vom Leben, so scheint es, ist sie ziemlich überfordert. Das Magazin für sie ist auch ein Magazin für alle, denen die Beschleunigung des modernen Lebens zu viel ist.” Voller Artikel hier http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/flow-neues-magazin-von-gruner-jahr-hat-erfolg-in-der-medienkrise-a-969158.html

    Also vollkommen überzogen. Man muss doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um sich für Basteln und alternative Lebensweisen zu interessieren. Hallo? Warum sind die Journalisten da so stinkig? – Wie gesagt, da ist noch Einiges auszuloten. Damit ich dafür später Kraft habe, trinke ich jetzt meinen handverlesenen Kräutertee aus Hessen.

  2. Hallo Frauke,
    ein gelungener Artikel, der sich nicht auf eine Seite schlägt und gerade deshalb was zu sagen hat. Habe deinen Text sehr gern gelesen – leider habe ich bisher keine Möglichkeit gefunden, ihn zu teilen (z.B. via Twitter). Geht das ‘aus Prinzip’ nicht oder bin ich vielleicht nur blind?
    Liebe Grüße! Mathilda

    • Hallo Mathilda, vielen Dank! Toll, dass du den Artikel teilen magst; tatsächlich geht das hier (noch?) nicht per Mausklick. Der Link lässt sich also nur mit Copy & Paste twittern. Herzliche Grüße!

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