Langzeittherapie (Lk.5,12-13)

“Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen. Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.” (Lk.5,12-13)

Ich habe eine chronische Hautkrankheit, glücklicherweise nicht allzu akut. Die Creme, die mir mein Arzt zur Behandlung verordnet hat, heilt mich aber nicht von dieser Hautkrankheit. Sie bekämpft letztlich nur die unangenehmen Symptome, die damit einhergehen. Trotzdem bin ich auf dieses Präparat angewiesen. Die Creme lindert meine Beschwerden, macht das Leben mit der Krankheit erträglich und verhindert, dass sich die betroffenen Hautstellen ausbreiten und irgendwann überhand nehmen. Und noch viel mehr: Durch die Anwendung werden überhaupt erst die Vorraussetzungen dafür geschaffen, dass irgendwann ein natürlicher Heilungsprozess in Gang kommen kann. Ziel der Behandlung ist aber, die Creme irgendwann wieder völlig absetzen zu können.

Darf ich auch heute noch den Anspruch an Gott, an Jesus, an seine Boten haben, dass ich geheilt werde? Schließlich hat Jesus seinen Jüngern mit ihrer Sendung doch den Auftrag gegeben, die Kranken zu heilen. (Lk.10,9) Was wollte Jesus überhaupt mit dieser Show bezwecken? Wollte er einfach mal zeigen, was er kann? (Mk.2,9-11;Lk.5,23-24)

Vielleicht hatte Jesus einfach Mitleid mit dem Menschen. Der Aussätzige in dem obigen Bibelabschnitt galt vor seinen Mitmenschen als “unrein”. Derartig stigmatisierte Personen waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen und konnten daher auch keinen Beruf ausüben, sondern mussten betteln. Nach einer Heilung mussten sie erst wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Daher war auch die erste Anweisung, die Jesus ihm nach der Heilung gab, sich den notwendigen Riten zu unterziehen, damit er von den Priestern wieder als “rein” erklärt werden konnte. Jesus verhilft dem Aussätzigen also nicht nur zur Gesundheit, sondern ermöglicht ihm auch, wieder ein normales Leben in Gemeinschaft zu führen.

Zurück ins Heute. Wir erleben kaum noch spontane Heilungen körperlicher Krankheiten. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass es halt so ist. Dafür erleben wir die heilende Kraft Gottes heute auf ganz andere Art und Weise. Ich halte in diesem Zusammenhang für besonders wichtig, dass Jesus selbst eigentlich überhaupt nichts auf derartige körperliche, äußerliche und also oberflächliche Reinheit gab. Er erklärt: Nicht Äußerliches macht den Menschen unrein – sondern das, was der Mensch in sich trägt!

“Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht. […] Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein. Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.” (Mk.7,15-23; siehe auch Mt.15,11-20)

Viel elementarer als ein gesunder Körper ist also eine gesunde Seele. Nur dadurch werden wir letztlich “rein”. Der Anspruch an Heilung durch Jesus verlagert sich nach seiner Himmelfahrt immer mehr auf den inneren Menschen. Den äußerlichen Aussatz heilte Jesus, indem er den Kranken berührt hat. Und auch um sich von den inneren Krankheiten, die einen Menschen wirklich unrein machen, reinigen zu lassen, muss man sich von Jesus berühren lassen – nur eben innerlich. Den Auftrag, diese Berührung den Kranken zuzutragen, hat Jesus an seine Jünger weitergegeben. Übrigens laut Lk.10 nicht nur an den elitären Kreis der späteren Apostel…

Zum Glück leben wir heutzutage in einer Zeit, in der es Medikamente gegen die meisten körperlichen Gebrechen gibt. Gott hat mit dem Opfer seines Sohnes auch ein Medikament gegen unsere inneren Krankheiten bereitgestellt. Doch damit ist ja noch nicht so ganz getan – echte Heilung ist und bleibt ein Vorgang (kein Vorfall). Nicht allein der Moment der Freisprache als augenblickliche Reinigung von den Symptomen entscheidet. Mindestens ebenso wichtig ist unsere innere Umkehr als langwieriger und manchmal auch schwieriger Heilungsprozess.

Jedes Mal, wenn wir von der Sündenvergebung hören, muss daher etwas in uns geschehen, muss etwas neu in Gang gebracht werden. Die davon ausgelösten Veränderungen können wir (ähnlich wie bei einer normalen Krankheit) nicht selbst steuern, wir können sie aber unterstützen. (So sollte ich beispielsweise weniger scharf essen und bestimmte Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten meiden.) Dass wir das Medikament “Gnade Gottes” irgendwann ganz absetzen können, ist unwahrscheinlich, sollte aber schon unser Bemühen bleiben. Insofern bleibt es wichtig, an sich zu arbeiten. Damit schaffen wir Raum für den weiteren Heilungsprozess. Und wenn dieser in Gang kommt, brauchen wir auch niemandem groß darüber zu berichten, wie Jesus uns heilt – alle Welt kann es sehen.

“Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.” (Lk.5,15)

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