Original oder Übersetzung?

Marcel hat kürzlich in seinem Bücherblog “Read that!” seine Sicht auf Originale und Übersetzungen kundgetan, ein Thema, das mich schon seit etwa 20 Jahren beschäftigt.

The Colour of Language

Ich lese seit Anfang der 90er viele Bücher englischsprachiger Autoren auf Englisch – mittlerweile ist es der bei Weitem überwiegende Anteil. Angefangen hatte das Ganze damals aus einer Not heraus, nämlich der, dass ich alle übersetzten Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett schon kannte, die in der Leihbücherei in unserem Stadtteil vorrätig waren, aber dann glücklicherweise in der Fremdsprachen-Ecke noch weitere unbekannte entdecken konnte.

Nachdem ich mich an den Umstand gewöhnt hatte, nicht jedes Wort, sondern manchmal eben nur den Gesamtkontext verstehen zu können (ich war damals in der Unterstufe, hatte also erst ca. 2-3 Jahre Englischunterricht), fiel mir schnell sehr positiv auf, dass der Sprachwitz in den Originalen wesentlich besser zog als in den eher mäßigen, schludrigen und mit heißer Nadel (oder besser gesagt, Feder) erstellten Übersetzungen, wie sie ja leider für “Trivialliteratur” an der Tagesordnung sind. (Pratchett arbeitet viel mit puns, und auch die Namen von Charakteren und Orten sind häufig doppelsinnig.) Auch die technokratischen Ausdrücke und erst recht die Wortschöpfungen in William Gibsons Romanen, etwa der Neuromancer-Trilogie, waren kaum vernünftig übersetzbar. Insofern wurde mein Lesevergnügen letztlich doch deutlich gesteigert als ich anfing, mich durch die Originale zu arbeiten. Dass ich mich damit auch näher an den Ausgangsgedanken des Autoren befinde, wurde mir erst später klar.

A Song of Thoughts and Words

Heute spielen für mich als Vielleser neben diesen beiden Punkten – gedankliche und sprachliche Qualität des Ausgangstextes bleiben erhalten – noch zwei weitere Beweggründe eine große Rolle: Zum Einen sind englische Bücher durch Wechselkurse und die entfallende Buchpreisbindung oft wesentlich günstiger als die hiesigen Pendants. Und zum Anderen muss ich – wie bspw. im Falle des neuesten Bandes aus dem Song of Ice and Fire von George R.R. Martin, der dieser Tage erscheint – nicht erst warten, bis ein Übersetzer mit einem knapp 1.000 Seiten umfassenden Werk fertig geworden ist, sondern kann mich gleich unverfälscht in die (Fortsetzung der) Geschichte stürzen.

Doch natürlich gibt es auch Argumente für Übersetzungen: Umberto Eco etwa könnte ich im Original nicht lesen, und der Übersetzer Burkhart Kroeber findet nicht nur die richtigen Worte, sondern sogar den richtigen Ton. Fachbücher aus Feldern mit einem speziellen, jedoch stark eingeschränkten Wortschatz – wie der Mathematik, die ja auf eine lange deutschsprachige Historie zurückblicken kann – lese ich auch gerne in der Übersetzung (bei Informatikbüchern sieht das wegen der englisch-geprägten Fachsprache allerdings schon wieder anders aus).

Und dann gibt es natürlich noch die Fälle, wo verschiedene Übersetzungen – u.U. sogar noch aus unterschiedlichen Epochen – nicht nur als eine Art Sekundärliteratur zum vertieften Verständnis des Ausgangswerkes beitragen, sondern auch Licht auf die Gesellschaft werfen, in die bzw. in deren Sprache sie hinein übertragen wurden.

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