Tagzeilen no. 15

Vor ein paar Wochen hast du zu mir gesagt: “Jetzt kommt der Frühling. Da wird alles leichter. Und heller.” Und wir haben genickt und uns lange angeschaut und gewusst, was wir meinen. Und dann? Bist du nach anderen Blumen schauen gegangen, deiner Sehnsucht folgend. Und während ich dir nachsah und mich erinnerte an all deine Worte, Gesten und Blicke und sie festhalten wollte, vergaß ich ganz und gar, die Blumen für diesen Sommer auszusäen. Heute, endlich, war ich im Garten. Hast du gesehen? Die Schachbrettblume blüht wieder.

Ist das wirklich Eskapismus?

Vor ein paar Tagen erinnerte Antjes Blog mich an den schönen Ausdruck “Eskapismus”, mit dem Julia Friedrichs im ZEIT Magazin das Jahr 2015 einläutete. Laut Wikipedia ist Eskapismus eine Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht, die Friedrichs unter anderem im steigenden Konsum von Kreativ- und Landzeitschriften zu erkennen glaubt. Und was soll ich sagen: Beinahe ertappt fühlte ich mich beim Lesen des Artikels über die gesellschaftliche Rückkehr zu biedermeierschen Idealen. Im vergangenen Jahr hatte ich nämlich nicht nur die Flow gelesen, sondern auch gestrickt, gegärtnert, genäht, gekocht, gebacken und meditiert. Und damit repräsentierte ich laut Friedrichs prompt eins der vielen realitätsflüchtigen Wesen unserer Zeit, das zu allem Überfluss auch noch schöne Papiere mit Blümchen mag.

Tatsächlich ist mir erstmal zum Fremdschämen zumute, wenn ich bei Friedrichs eine aus der Flow zitierte Passage lese: “Egal welche Zeitung man aufschlägt, sofort sind wir mit beängstigenden, brutalen oder traurigen Nachrichten konfrontiert […].  Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch sitzen.” Überall auf der Welt geht es den Leuten schlechter als uns – und unser größtes Problem ist, dass wir davon morgens in der Zeitung lesen müssen? Ohne Frage wäre das Ausdruck eines fest verankerten Ego-Tripps und fehlender sozialer Verantwortung einer Gesellschaft, die sich mit ihrem Lebensstandard zu den reichsten der Welt zählen darf. Ich schlage also nochmal den Originalartikel von Otje van der Lelij auf und lese dort: “Auch wenn wir eigentlich fröhlich und entspannt am Küchentisch sitzen und durch die Zeitung blättern – nach ein paar Artikeln können wir uns meist nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass wir in einer problematischen Zeit leben, in der es ausschließlich um Macht und Geld geht. Und dass es der Gesellschaft, der Umwelt und letztlich der ganzen Menschheit schlecht geht.” (Flow 3/2014, S. 59) Auch diese Formulierung klingt tendenziell nach Augen- und Ohrenverschließen, mündet jedoch in das Argument, dass Katastrophenmeldungen in den Nachrichten nicht die ganze Wirklichkeit, sondern einen Teil der Wirklichkeit repräsentieren. Ein derart medienkritischer Blickwinkel ist mit Sicherheit angebracht, wenn man sich vor Augen hält, welche wirtschaftlichen Ziele hinter mancher Schlagzeile stecken. Nur ein Bruchteil der Informationen, die ich diese Woche im Radio hörte, bereichern mein politisch-gesellschaftliches Hintergrundwissen. Dass seriöse Berichterstattung leider mangels Alternativen gerne durch Spekulationen abgelöst wird, ermutigt mich regelmäßig, das Radio am Frühstückstisch nach kurzer Zeit wieder auszuschalten. Wenn der Nutzen von Informationen gleich null ist, führt eine Auseinandersetzung mit den Tagesmedien tatsächlich nur zur Belastung der inneren Kapazitäten und kann zu einer einseitig negativen Wahrnehmung der Welt führen. Um diesen Tunnelblick wieder in in einen Weitwinkel zu verwandeln, schlägt Flow-Autorin Otje van der Lelij psychologische Techniken wie Relativierung und Akzeptanz vor. Hier geht es also nicht darum, die Augen vor der Unsicherheit des Lebens zu verschließen, sondern eher, die Augen richtig aufzumachen. Und beides zu sehen: Das Schlimme. Und das Gute.

Einen weiteren Kernpunkt des Flow-Artikels verschweigt Friedrichs: Nämlich den Rat, sich auf Aspekte des Lebens zu konzentrieren, die der Einzelne tatsächlich beeinflussen kann (Flow 3/2014, S. 62). Die Weltwirtschaft entzieht sich jetzt gerade meinem Einfluss. Die Atmosphäre in der Familie und Nachbarschaft oder die Hilfe für Flüchtlinge vor Ort hingegen nicht. Diese Einsicht ermöglicht mir, das zu tun, was vor Ort anliegt, anstatt wie paralysiert vor den vielen ungelösten Unglücken der Welt sitzen.  “Eine heile, warme, ängstliche, ganz und gar apolitische Haltung kommt mir da entgegen.”, kritisiert Friedrichs den Charakter der Flow. Apolitisch? Muss ich erstmal nachschlagen. Bedeutet “gleichgültig, ohne Interesse gegenüber politischem Geschehen; unpolitisch”. Nun ja. Der zitierte Artikel ist keine Anleitung für politisches Engagement und Aufbegehren. Eine Zeitschrift, die sich unter anderem mit einer differenzierten Wahrnehmung der Tagespresse auseinandersetzt, würde ich allerdings auch nicht als apolitisch bezeichnen.

Trotzdem lässt mich der Artikel von Julia Friedrichs irgendwie nicht los. Gleich zu Beginn des Jahres kam in geselliger Runde bei Möhrentorte und Tee eine dermaßen angeregte Eskapismus-Debatte in Gang, dass eine der Teilnehmerinnen zwischenzeitlich glaubte, es werde jeden Moment zu einer Parteigründung kommen. Woran das liegen könnte? Ich vermute, Friedrichs hat uns in unserer Ehre getroffen. Wir wollen keine strickenden Eskapistinnen sein. Wir sind es auch nicht. Im Gegenteil: Nachrichten sind ständiger Bestandteil unseres Alltags und sie treffen uns immer wieder. Wir müssen überhaupt keine Zeitschriften kaufen, um über politische Entwicklungen informiert zu sein. Jede, wirklich jede (oft übrigens auch völlig apolitische) Neuigkeit fliegt uns doch ganz automatisch an. Die Frage, was wir an schlimmen Entwicklungen ändern können und welche Quellen uns dafür halbwegs seriöse Hintergründe liefern, beschäftigt uns ebenso oft. Und wenn ich mich in unserer angeblich so eskapistischen Zeit umsehe, dann kann ich nur staunen über Willkommensinitiativen, Wohnprojekte, Atomwiderstand,  Fair-Trade-Bewegungen, ethisch motivierten Veganismus, Plastiktüten-Boykott und, und, und. Die Frage vieler Menschen ist möglicherweise nicht, ob man sich aktiv mit Gegenwartsfragen auseinandersetzen soll, sondern eher, woher auf Dauer die Kraft kommt, um diese auch bearbeiten zu können. Und die fließt für Viele eben aus ihren kreativen Hobbies, aus Glaube, Familie, Natur und aus der ein oder anderen Pause vom Weltgeschehen. Hierzu trägt der ständige Nachrichtenstrom wenig bei und lässt eine Nische frei, die Zeitschriften wie Landlust, Flow und Co offensichtlich für sich zu nutzen wissen.

Ich werde also auch weiter stricken, meditieren und im Garten herumgraben. Ich werde Nachrichten hören, sehen und lesen. Ich werde mich darüber aufregen. Und mit der Kraft selbst gebackenener Kekse meinen Teil zum Gegenwartsgeschehen beitragen.

Sonne von vorn

Ich will, Sonne, dass du wieder von vorn scheinst. Ins Gesicht. Dass du auf die geschlossenen Knospen scheinst und auf das darin Verborgene. Dass alles noch vor uns liegt, all die unangebrochenen Frühlingstage. Sonne, ich will, dass du auch dem ins Gesicht scheinst, der dich nur noch undeutlich und kühl im Rücken hat. Dessen unangebrochene Tage wenige sind, nicht erkennbar, nebulös. Dass er mit geschlossenen Augen von dir träumen mag  und dann – vielleicht nur einen Moment lang – deine Strahlen spürt. Von vorn.

Tagzeilen no. 14

Zum Bahnhof fahren statt nach Hause. Sich wiedersehen statt dann und wann telefonieren. Im Café sitzen statt am Schreibtisch. Den Himmel anschauen statt des Bildschirms. Gemeinsam kochen statt schnell noch Abendbrot. Zuhören statt abschalten. Staunen statt Langeweile.

Wie man einen Schreck zur Tür hinausbegleitet

An diesem Nachmittag waren Gäste da. Sie hatte Blumen besorgt und in Rezeptbüchern nach etwas Besonderem gesucht. Hauptgang und Nachtisch waren verspeist, die Sonne schien hell durchs Fenster und das Kind lief zu den dahinplätschernden Gesprächen der Erwachsenen durchs Zimmer, um Bücher in allen Ecken zu verteilen. Mit einem Glas Wein in ihrer Hand hatte sie sich gerade eben noch entspannt zurückgelehnt, da reckte der Schreck seinen Kopf in die leichte, gesellige Runde. Sollte etwa? Die Gespräche um sie herum schienen zu verstummen. Selbst die klügsten und anregendsten Erzählungen der Freunde hätten sie nicht mehr erreicht. Wie betäubt saß sie da, während sich ausschweifende Szenarien vor ihr aufblätterten. Bleischwer wog plötzlich das Glas in ihrer Hand. Ärger regte sich. Wie konnte dieser schreckliche, sperrige Typ hier einfach auftauchen und sich dazwischenzwängen zwischen jetzt und später? Gespensterhaft breitete er sich aus und weckte eine Befürchtung nach der anderen. Sie stand auf, ungeduldig. Stampfte die Treppe hoch und öffnete die Tür zu Gottes Arbeitszimmer mit energischem Griff. “Was soll das? Macht dir das Spaß? Ausgerechnet heute! Mach, dass der wieder verschwindet mit seiner miesen Aura!” Gott saß am Schreibtisch, den Rücken zur Tür gewandt. Er hatte anscheinend lange nicht aufgeräumt, jedenfalls war der Boden mit Stapeln übersäht. Nun legte er seinen Stift aus der Hand, drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann wanderte sein Blick an ihr vorbei und fiel kurz auf den Schreck, der ihr gefolgt war und neugierig durch den Türspalt linste. “Ah, Besuch?” Sie nickte mürrisch. “Bereit, ihn hinauszubegleiten?” Sie grummelte etwas wie Zustimmung und sah, wie Gott aus einem Haufen bunter Mappen ein grünes, ziemlich zerbeultes Exemplar hervorkramte.- darauf in großen Filzstiftbuchstaben: ANLEITUNG. WIE MAN EINEN SCHRECK ZUR TÜR HINAUSBEGLEITET. IN 8 SCHRITTEN ZUM ERFOLG. Und so sollte es funktionieren:

  1. Freundlich grüßen.
  2. Sich nach dem Wahrscheinlichkeitsgehalt der Schreckensbotschaft erkundigen.
  3. Auch dann höflich bleiben, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Schreck begründet ist, hoch ist.
  4. Dem Schreck freundlich aber bestimmt erklären, dass er zwar gerne für einen Kaffee bleiben kann, für die weitere Bewältigung der Situation jedoch nicht benötigt wird.
  5. Mit Protest rechnen, diesen geduldig anhören. Nicken, Verständnis signalisieren.
  6. Kaffee aufsetzen. Trösten, wenn nötig.
  7. Nach einer Weile beginnen, wiederholt auf die Armbanduhr zu sehen. Mit den Füßen scharren. Dann aufstehen. Gegebenenfalls eine Gartenbesichtigung anbieten und diese strategisch geschickt enden lassen.
  8. Zügig die Gartenpforte schließen. Dem Schreck freundlich hinterherwinken.

Tagzeilen no. 12

Eine Bahn rattert über die rote Halbmondbrücke. Die Räder auf den Schienen klingen wie monotone Zeitzurückspulwünsche. Auf einem Sitz im Abteil liegt eine Rose in Zeitungspapier. Sie rauscht am Fahrradladen vorbei Richtung Hauptstadt. Am Kanal entlang, zur nebelverwischten Elbe mit ihrer geschlossenen Uferterasse. Heute keine Aussicht auf Glückwünsche.

Tagzeilen no. 11

Sitze schon eine ganze Weile hier und höre den Rupfgeräuschen der Schafe zu. Hinter meinen geschlossenen Augenlidern malt die Sonne den Tieren blendend helle Umrisse. Das Fahrrad mit seinem langgezogenen Schatten hat mich hierher getragen – am dunkelblauen Wasser entlang, unter der roten Brücke durch. Die Halbmondbrücke, die mich raus aus meinem Kopf direkt zur Elbe führt und von da aus zur Nordsee mit ihrem Weitwinkel. Hinter meinem Rücken leuchtet die Sonne den Bauch der einsamen Möwe an.