Richard David Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Zunächst einmal vorweg geschickt: Sollte es jemanden verwundern, dass es hier in den Buchbesprechungen so unglaublich viel um meine eigene Person geht, dann liegt das zum Einen daran, dass dies hier ein Blog und kein Fachmagazin für Literatur ist; es rührt zum Anderen aber auch daher, dass ich erklären möchte, wie ich zu meinem Urteil über das gelesene Werk gekommen bin. Nichts nervt mich an Kundenrezensionen wie etwa auf Amazon mehr* als der lapidare Fehlschluß: “Das Buch ist schlecht,” bzw. “… ist großartig.” Ich kann und will hier nur darlegen, warum ein Werk, egal ob nun Buch, Musikalbum oder Film, mich persönlich angesprochen hat. Im Übrigen behalte ich es mir auch vor, die Kommentare und Notizen hier nachträglich zu erweitern, weil ich Denken als iterativen Prozess erlebe, in dessen Verlauf ich Schicht um Schicht freilege.

Soweit zur Vorrede, aber damit sind wir eigentlich auch schon mitten drin im Thema. Richard David Precht landete 2007 einen Doppelschlag mit einer den Erzählungen Fraukes nach zu urteilen so humorvollen wie für die Spätgeborenen erleuchtenden Autobiographie über eine Kindheit in einem alternativen Elternhaus in den 60er und 70er Jahren und einer fast 400 Seiten starken Einführung in die Philosophie, derer sich dieser Artikel widmet.

Letzteres Werk, also das Buch mit dem immerhin gut memorisierbaren Titel “Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wurde mir schon anfang 2008 an’s Herz gelegt; allerdings auf eine derart merkwürdig inhaltlich-ignorante Art und Weise, dass ich das Buch ersteinmal in die Kategorie “Irgendwann vielleicht” meines Amazon-Wunschzettels einsortierte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem ich bei einem Einkaufsbummel in Hamburg die Gelegenheit hatte, längere Passagen daraus zu lesen, und der Wunsch erlebte eine steile Karriere in Richtung “Muss ich haben”.

Was hatte mich auf einmal derart überzeugt? Einerseits war es die lockere Art und die verständliche Sprache, in der Precht über philosophische Zusammenhänge wie auch die Biographien der betreffenden Denker schreibt. (Das Adjektiv “verständlich” findet sich in vielen meiner Sachbuch-Rezensionen, und ist natürlich zunächst einmal sehr subjektiv, weil es lediglich ausdrückt: Ich hab’s verstanden. Aus meiner laienhaften Sicht ist es aber wichtiger, dass ich den Autor verstehen kann, als dass dieser seine Gedanken möglichst abstrakt und dadurch vielleicht fachlich besonders korrekt formuliert.) Andererseits waren es die von Precht gewählten Themengebiete, die mittlerweile für mich an Relevanz gewonnen hatten.

Nun ist es mit Lockerheit und Verständlichkeit ja so eine Sache, gerade, wenn es um wissenschaftliche Themen geht: Wer hochkomplexe Gedankengänge und Schlussfolgerungen einer breiten und tendenziell etwas begriffsstutzigen Öffentlichkeit wie mir zugänglich machen will, der muss einerseits radikal vereinfachen und andererseits viel mit Vergleichen, Bildern und Metaphern arbeiten. Beides beinhaltet bereits eine Interpretation der zugrundegelegten Thesen, mithin also eine grobe Verfälschung. Diesen “Fehler” kann man auch Precht vorwerfen — muss man aber nicht.

Denn was will ein Werk wie “Wer bin ich, …” eigentlich bezwecken? Es ist ja kein Fachbuch, sondern will lediglich Ideen vorstellen und hoffentlich Lust machen auf mehr. Sein Ziel erreicht hat es, wenn sich der Leser daraufhin einige der ernstzunehmenderen Publikationen der Philosophen und Wissenschaftler besorgt, auf die in dem immerhin fünfzehnseitigen Literaturverzeichnis hingewiesen wird. Das Buch ist also letztlich nichts weiteres als eine aufwendige Werbebroschüre für den Markt der philosophischen Möglichkeiten — und als solche eignet es sich ganz hervorragend.

Dieser Umstand liegt eben auch an den angesprochenen Themengebieten begründet. Das Buch zerfällt im Wesentlichen in drei Teile, die unter die ersten drei der Kant’schen Fragen gestellt werden (“Was kann ich wissen?” — “Was soll ich tun?” — “Was darf ich hoffen?”) und deren vierte (“Was ist der Mensch?”) en passant beantworten. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches hauptsächlich um Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, der zweite Abschnitt um Fragen der Ethik und Moral und Teil drei um den Bezug zwischen Determinismus und (der Möglichkeit zur Verwirklichung von) Idealen. Precht zerrt die abstrakten Ausgangsfragen mitten ins Leben, indem er ihre Relevanz anhand hochaktueller gesellschaftlicher Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibung demonstriert. Gerade in den ersten Teil fließen dazu auch immer wieder Ergebnisse der Hirnforschung ein, was den Mutmaßungen über dieses Thema eine zusätzliche Dimension verleiht.

Ein nicht zu leugnendes Manko von “Wer bin ich,…”, das freilich mit der interpretativen Art des Werkes einhergeht, liegt darin, dass Precht natürlich eine Auswahl treffen musste, was die vorgestellten Philosophen und ihre Arbeiten angeht. Und hier ärgert sich auch der anspruchslose Leser dann doch das ein oder andere Mal darüber, wie wenig ausgewogen Precht argumentiert, beispielsweise in Bezug auf Vegetarismus und Tierrecht. Jedenfalls bleibt mitunter der schale Nachgeschmack, nur eine Seite gehört zu haben, also nicht umfassend informiert und damit auch irgendwie manipuliert worden zu sein. Schade — aber immerhin hat man jetzt Ansatzpunkte und kann sich auf eigene Faust weitere Informationen einholen.

Zugute kommt dem Werk aus meiner Sicht dagegen, dass es keine strenge Einführung ausschließlich in die philosophische Gedankenwelt sein will, sondern auch zu einem guten Teil ein wissenschaftshistorisches Buch ist. Jedes der im Schnitt zehn Seiten kurzen Kapitel bildet eine in sich geschlossene Sinneinheit, die zwar auf den vorausgegangenen aufbaut, sich aber dennoch dezidiert mit einer speziellen Frage sowie einem ausgewählten Denker und seinem Werk befasst. Das macht es problemlos möglich, auch nur einzelne Kapitel zu lesen und trotzdem den Faden nicht ständig zu verlieren und neu aufnehmen zu müssen, und trägt daher dem Verständnis bei, wovon insbesondere Personen profitieren werden, die nur wenig Zeit zum Lesen haben. Zudem unterstreicht es die iterative Natur des philosophischen Diskurses und erweitert das Weltbild sanft und sukzessive, was für den Laien durchaus besser zu verdauen ist.

Ich habe dieses Buch mit viel Gewinn gelesen; aber wichtiger aus meiner Sicht war, dass mir das Lesen auch viel Spaß gemacht hat. Es gehört auch zu den Werken, die ich auf meine mentale Wiedervorlage gesetzt habe, um es in ein paar Jahren nochmal zu Gemüte zu führen. Davor werde ich aber sicherlich das ein oder andere Werk aus dem reichhaltigen Literaturverzeichnis zur Hand nehmen. Insofern hat Precht bei mir seine Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens: Für den März 2009 steht dann ein Buch über die Liebe von ihm auf dem Plan.


*) Naja, vielleicht mit Ausnahme der Fälle, wo der Rezensent es nicht einmal hinbekommt, den Namen des Autors fehlerfrei zu reproduzieren. Und damit meine ich jetzt garnicht mal halbwegs verzeihliches “Bonnhöfer” statt Bonhoeffer, sondern sowas wie “Doug Shields” statt Doug Fields.

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