Uwe Birnstein, Georg Schwikart: “Katholisch? Never! Evangelisch? Never!”


Herrlich plakativ und für den anvisierten Zweck – mir also die Reise zum ÖKT zu verkürzen – wunderbar geeignet ist das gerade rechtzeitig erschienene Buch von Uwe Birnstein und Georg Schwikart mit dem Titel “Katholisch? Never!” bzw. “Evangelisch? Never!”. Beide Autoren bemühen in dieser Abhandlung aus ihrem jeweiligen, konfessionell geprägten Blickwinkel zunächst alle gängigen Klischees, warum sie die Gläubigen der jeweils anderen Kirche eben nicht beneiden, nein, vielmehr bemitleiden, und auf keinen Fall mit ihnen tauschen würden – weil man es ja selbst schließlich so viel besser hat. Derartige Tiraden sind natürlich mit einem doppelten Augenzwinkern verfasst, was auch bereits deutlich wird, nimmt man den Band zur Hand: er besitzt auf den ersten Blick zwei Rücken und zwei Vorderseiten, und lädt also von jeder Seite gleichsam zum Lesen ein. Jede Sichtweise ist also gewissermaßen “die Richtige”, hat aber ihre durchaus ebenso berechtigte Kehrseite.

Insofern wurden hier zwei Bücher schon auf sichtbare Weise “ineinander verschränkt”, ein erzkatholisches und ein höchstprotestantisches. Aber jedes der beiden ist ebenfalls zweigeteilt: nach dem augenzwinkernden Auseinandernehmen der Anderen und dem ebenso humorvollen Herausstreichen der eigenen Vorzüge folgt eine durchaus ernsthafte und konstruktive Diskussion, wie Ökumene gelingen kann: auf der Basis des gegenseitigen Anerkennens von Stärken und Schwächen, aus dem gegenseitigen Lernen voneinander und als letztlich der Erkenntnis, dass jede Teilgruppe der Christenheit auf die andere(n) angewiesen ist – auch, weil wir nur so den vollständigen Leib Christi repräsentieren können.



Klaus Berger: Glaubensspaltung ist Gottesverrat


Es gibt Bücher, die bleiben, während andere an ihnen vorbeiziehen, lange Zeit auf dem ersten Platz der Queue “Unbedingt als nächstes lesen” stehen. Nicht, weil man sie eigentlich doch nicht so gern lesen will, sondern da man weiß, dass man sich auch wirklich dezidiert Zeit dafür nehmen müsste. Vier Monate lang immer nur die selben dreieinhalb Seiten vor dem Einschlafen zu lesene, um sie am nächsten Morgen wieder vergessen zu haben (wie bei Tintentod), ist bei manchen Büchern einfach nicht drin. Bei mir fallen die meisten Kandidaten für dieses Phänomen des Leseaufschubs in die Kategorie “Sachbücher” — “The Purpose Driven Life” von Rick Warren ist etwa so ein Fall.

Ein anderes Buch, welches seit letztem Herbst schon das Regal ziert, jetzt aber aus aktuellem Anlass endlich mal zur Hand genommen und durchgearbeitet wird, ist “Glaubensspaltung ist Gottesverrat” von Klaus Berger. Das Vorwort und die beiden einleitenden Kapitel habe ich letzte Woche mehrfach gelesen und beschlossen, hier nicht nur eine einfache Rezension zu liefern (denn das hat auch Folkmar auf der Website von ad fontes schon ganz gut geschafft), sondern vielmehr die einzelnen Argumente zu präsentieren und zu diskutieren.

“Der Skandal ist nicht nur die Spaltung, der größere Skandal ist, dass Christen sich quer durch alle Konfessionen damit abgefunden haben. Dem Verrat am expliziten Willen Jesu muss endlich Einhalt geboten werden. Ich versuche zu zeigen, wie das geschehen kann.”

Dieser Klappentext macht Lust auf mehr, und als ich am Freitagabend das Buch aufschlug, fiel er mir nochmals besonders in’s Auge — fasst er doch auch perfekt zusammen, was ich selbst zwei Tage zuvor geschrieben hatte. Darüberhinaus ist der Exeget Klaus Berger eine, wie er selbst schreibt, ökumenische Person: Katholisch im Herzen, im Denken dagegen eher evangelisch, in der Lehre jedoch ganz der Heiligen Schrift verpflichtet. Sein Buch wider die Kirchen-, ja, Glaubensspaltung thematisiert also im Hintergrund auch die Selbstspaltung, von der all jene betroffen sind, die sich nicht durch eine Dogmatik binden lassen wollen, sondern ein Verbundensein im Glauben anstreben.

Das klingt spannend, vor allem, da Berger den Untertitel “Wege aus der zerissenen Christenheit” gewählt hat, der hoffen lässt, es würden Lösungen präsentiert. In den nächsten sechs Wochen werde ich hier Stück für Stück über das Buch berichten.

Update: Gelesen habe ich das Buch zwar in der oben angegebenen Zeit, allerdings blieb dann für eine Aufarbeitung hier keine Zeit mehr. Und weil ich nicht nochmal Versprechen abgeben möchte, die ich dann nicht halten kann: Ich hoffe, dass sich hier bald ein Artikel über das Buch findet.



Eine Stimme, ein Sinn, eine Meinung


Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. (1. Kor.1,10)

Aus heutiger Sicht ist es bedauerlich, dass die Warnung des Apostels nicht gefruchtet hat. 2000 Jahre Christentum haben eine bereits nicht mehr überschaubare Menge an verschiedenen Splittergruppen hervorgebracht. Nicht selten waren es Kleinigkeiten, die eine vormals so eng miteinander verbundene Gemeinschaft gespalten haben: die Observanz eines Gebötleins hier oder eine Auslegungsdifferenz dort. Doch häufig waren diese Gründe nur vorgeschoben, während es in Wirklichkeit um Macht und Einfluß ging. Zu oft wurde der innere Zusammenhalt einer Gemeinschaft gestärkt, indem man sich nach außen abgegrenzt hat. Und heute haben wir uns derart an die Fragmentierung der Christenheit gewöhnt, dass wir meinen, eine “Ökumene der Profile” sei ein erstrebenswerter Idealzustand! Doch ist dies nichts anderes als eine Kapitulation vor unserer Unfähigkeit, auch diejenigen als vollwertige Schwestern und Brüder anzunehmen, die eine andere Meinung in Glaubensfragen vertreten oder zumindest andere Schwerpunkte setzen.

Dabei könnte alles so einfach sein, wenn… Ja, wenn die Christen verschiedener Denomination nicht ihr jeweiliges Glaubensprofil (manchmal auch als Selbstbild bezeichnet) in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellen würden, sondern den, dem dieser Platz eigentlich vorbehalten sein sollte: Jesus Christus. Und der betet:

“Ich bin jetzt auf dem Weg zu dir. Ich bleibe nicht länger in der Welt, aber sie bleiben in der Welt. Heiliger Vater, bewahre sie in deiner göttlichen Gegenwart, die ich ihnen vermitteln durfte, damit sie eins sind, so wie du und ich eins sind. [...] Ich bete nicht nur für sie, sondern auch für alle, die durch ihr Wort von mir hören und zum Glauben an mich kommen werden. Ich bete darum, dass sie alle eins seien, so wie du in mir bist, Vater, und ich in dir. So wie wir sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, so wie du und ich. Ich lebe in ihnen und du lebst in mir; so sollen auch sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass du sie, die zu mir gehören, ebenso liebst wie mich.” (Joh.17,11.20-23)

Die sich ergebende Frage darf nicht sein, welche speziellen Gebötlein, welche Bibelauslegung diesem Wunsch Christi noch im Wege stehen. Die Frage muss lauten: Warum?