The Tree of Life


Gestern haben wir The Tree of Life gesehen und waren tief beeindruckt. “Begeistert” wäre angesichts dieses Films das falsche Wort, auch wenn er sehr stark geistig sowie geistlich ansprechend ist, und im besten Sinne des Wortes einen spirituellen Plot in Worte einer gewaltigen Bildsprache fasst, die so anrührend wie inspirierend ist, ohne aufdringlich zu sein.

Sollte ich mein persönliches Verständnis der Aussage des Films in einem Satz zusammenfassen, würde ich es wie folgt versuchen: Gott finden wir weniger in der natürlichen Schöpfung, als vielmehr in den Beziehungen der Menschen untereinander – insbesondere dort, wo Vertrauen zueinander und Vergebungsbereitschaft herrschen. (Das passt wie ich meine wunderbar zu einer Erkenntnis aus dem letzten Jahr.)

Ausgangspunkt für diese Theologie ist der Widerstreit der Gottes- und Menschenbilder der Eltern im ältesten von drei Brüdern. Seine Fragen begleiten uns durch den Film, wo nicht sichtbar, da per Stimme aus dem Off. Quasi dialektisch entfaltet sich so eine szenische Diskussion, ob das Leben nun ein harter Kampf ums Dasein – so die Theorie des Vaters, der weder für seine musikalische noch für seine erfinderische Begabung je Anerkennung erhielt – oder zu Leben an sich ein Geschenk, eine Gnade sei – so die Meinung der Mutter, einer fröhlichen und nachgiebigen Frau. Zusammengefasst wird dieses Problem zu Beginn in den Worten: “There are two ways through life: the way of nature, and the way of Grace. You have to choose which one you’ll follow.”

Argumente für und gegen die beiden Positionen liefert der Film in vielen nicht-chronologisch zusammengestellten Szenen aus der Kindheit der Brüder, wobei  hier insbesondere auch die Leistung der jungen Schauspieler hervorgehoben werden muss, die nicht hinter jener ihrer älteren Kollegen zurücksteht und sehr natürlich wirkt. Ist der Tod eines Kindes ungerechter als die Vernichtung ganzer Gattungen von Lebewesen, im Film beispielhaft dargestellt anhand des Aussterbens der Dinosaurier? Was ist schlimmer, keinen Respekt oder kein Vertrauen entgegengebracht zu bekommen? Was schmerzt mehr, bestraft zu werden – oder schon wieder Vergebung zu erfahren, obwohl man doch weiß, dass man falsch gehandelt hat?

Letztlich ergeben sich für den Betrachter aber auch noch weitere Fragen – etwa, ob man überhaupt wirklich wählen kann zwischen Natur und Gnade, oder auch, ob diese Dichotomie überhaupt stichhaltig ist. Auch hierzu äußert sich der Film in einer Bildsprache, die jeder anders deuten mag. Diese Herausforderung mag nicht jedem Kinogänger liegen – so mancher ächzte ob langer Passagen abstrakter Szenen bar jeden Dialogs. Wer sich darauf einstellen kann, darf sich auf ein nachhaltiges Kinoerlebnis freuen.



Jonathan Franzen: Freedom


Für einen der besten bereits im neuen Jahrtausend erschienenen Romane halte ich das Familienepos The Corrections des mir bis zum Zeitpunkt meiner Lektüre noch unbekannten Amerikaners Jonathan Franzen. Das Thema Thomas Manns hundert Jahre zuvor erschienenen, nobelpreisprämierten Werkes Buddenbrooks wurde in diesem Buch — wenn auch in der Mittelschicht der USA und nicht im Großbürgertum Lübecks , wenn auch in expansiver Erzähltechnik und nicht in chronologischer Abfolge — aus den streng geregelten Verhältnissen der Moderne in die totale Verwirrung der Postmoderne transportiert.  Beide Gesellschaftsromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit erschreckender Nähe zum aktuellen Zeitgeschehen sowie einer nicht minder erschreckend präzisen Beobachtungsgabe schildern, wie die einzelnen Mitglieder einer Familie (und damit auch die Familie insgesamt, ja, gewissermaßen an sich) am Leben oder besser gesagt ihren überhöhten Erwartungen daran scheitern.

Nun gibt es mit Freedom ein Update, das zeigt, wieviel sich im zurückliegenden Jahrzehnt bereits wieder verändert hat. Nicht länger sind es die Börsenspekulationsblase der new economy, die Furcht vor den unheilbaren Folgen des Älterwerdens, die Flucht in Küchenpsychologie oder den Abenteuerkapitalismus in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, welche als Stolpersteine die Protagonisten zu Fall bringen. Diesmal geht es um den schwierigen Spagat zwischen Ideologien und Pragmatismus — dargestellt an dem Problemfeld, das sich zwischen Naturschutz und Geschäftsinteressen, Politik und Moral auftut — sowie (ganz allgemein gesprochen) um ungestillte Begierden, wobei natürlich die Sexualität als basalste Form und mit ihr das Spannungsfeld zwischen Promiskuität und Loyalität immer wieder thematisiert wird.

Das wichtigste Thema jedoch, und darauf spielt der Titel des Buches treffsicher an, ist Freiheit, obwohl es sich dabei ja um einen derart schwammigen, allgemeinen und abstrakten Begriff handelt. Also präzise: Es geht um die Freiheit, sein Leben so zu führen, wie man es gerne möchte oder zumindest momentan gerade für richtig hält. Um die Freiheit, autonome Entscheidungen zu treffen, Dinge zu tun oder zu lassen, Unterstützung zu gewähren oder zu verweigern, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen…

Man sieht es schon an dieser Aufzählung: Franzen thematisiert, wie durch die Individualisierung der Einzelne zwar freier wird (im Sinne einer angenehmen Ungebundenheit), jedoch auch einsamer und letztlich hilfloser — wie aber andererseits, obwohl schon die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (die Familie, der Arbeit- bzw. Geldgeber, Freunde) diese individuelle Freiheit einengt, beschneidet oder ganz zunichte macht, sie für uns als Menschen immer noch lebensnotwendig ist. Auch wenn wir diese Differenzierung im Deutschen nicht machen, wird damit der Bruch zwischen Liberty (der gesellschaftlichen Freiheit) und Freedom (der individuellen Freiheit) quasi der zentrale Aufhänger des Romans: Alle können fast alles tun und lassen, was sie wollen, aber meinen Entscheidungen sind sehr enge Grenzen gesetzt. Und so entkommen die Protagonisten, obwohl sie alle persönlichen Freiheiten im land of the free genießen, den gesellschaftlichen Zwängen nicht, sondern verstricken sich im Gegenteil immer fester darin.

Franzen stellt zudem gut dar, wie groß die mit dem enormen Freiheitsgrad einhergehende Verunsicherung des Individuums geworden ist. Alle bedeutsamen Entschlüsse und Handlungen der Hauptakteure (Patty, Walter und und ihr Sohn Joey Lundberg, sowie gewissermaßen auch Richard Katz, ein Freund der Eltern) sind von der unterschwelligen Angst durchzogen, Fehler zu machen — Fehler die im Rückblick ja soo absehbar waren. Mit der durch unzählige mögliche alternative Lebensentwürfe ins Unermessliche gewachsenen Entscheidungsfreiheit wächst nicht nur die Verwirrung, sondern auch die Möglichkeit, ja, sogar die Wahrscheinlichkeit, die falsche Wahl zu treffen. Der Zwang, jederzeit nicht nur die optimale, sondern möglichst sogar die ideale Option zu realisieren, setzt uns unter Druck und paralysiert uns. Doch wenn dann mal tatsächlich etwas komplett schiefgeht — im Roman, der jedoch auch in diesem Punkt seine Realitätsnähe beweist –, so passiert dies, weil frei entschieden, weil spontan gehandelt wurde.

Aber damit nicht genug: Dem Autor gelingt es zudem perfekt, das positive Gefühl nachzustellen, welches uns andererseits durch die gewährte Freiheit beschieden wird, nämlich,  selbstbewusst, eigenständig und unabhängig zu sein. Da es sich dabei offenbar um eine Illusion handeln muss, hat dies im Zusammenspiel mit den oben angeführten Beklemmungen und Abhängigkeiten (sowie Co-Abhängigkeiten!) voneinander schon etwas ungesundes, schizophrenes. Die Charaktere teilen folgerichtig miteinander den Hang zum Wahnhaften, den sie allerdings aneinander erkennen und verachten, sodass sich dem Leser ständig implizit die Frage stellt, ob er denn auch so sei.

Es sollte klar geworden sein: Freedom ist, wie schon The Corrections (oder Buddenbrooks) eigentlich kein positiver, hoffnungsvoller Roman. Ja, das Buch ist an vielen Stellen amüsant (etwa, wenn Joey Stunden vor einer extrem wichtigen Flugreise nach Übersee versehentlich seinen Ehering verschluckt), aber der Humor bleibt halbwegs zynisch, halbwegs mitleidig belächelnd. Umso mehr verwundert das Ende, das die Geschichte nimmt, da es so unerwartet kommt, wie es sich klischeehaft ausnimmt.  Franzen deutet an, es gebe Hoffnung für das erfüllte Leben des Einzelnen in den Gemeinschaften — wenn der Einzelne sich und seine Freiheit nur nicht so wichtig nähme. “Die Hölle, das sind die Anderen”, schrieb Sartre. Franzen pflichtet ihm bei, erklärt uns aber, warum das eigentlich so ist: Weil wir uns nicht auf die Anderen einstellen, sondern uns von ihnen entfremden und trennen, obwohl wir so dringend auf sie angewiesen sind. Alles in allem ein scharfsichtiges Werk, das unsere Zeitverhältnisse in klarem Licht und unterhaltsam darstellt.



Ian McEwan: Saturday


Meine Güte, könnte man denken, was für ein sterbenslangweiliges Sujet: Da begleitet der Leser einen vielleicht fünfzigjährigen Oberschichtentraumtänzer von Arzt aus London durch einen kompletten Samstag, erträgt seine somnambulen Selbstreflektionen, fährt mit ihm zum Squash, dann Fisch kaufen, dann die demente Mutter besuchen — und das auf satten zweihundertachtzig Seiten. Kein Detail, nicht einmal die Betrachtung darüber, wie der Strahl des Protagonisten im Pissoir spielt, bleiben ihm erspart. Muss man sowas wirklich lesen?

Nein, natürlich nicht. Aber etwa ab Seite 20 will man es lesen, am besten ohne Absetzen. Denn dieses Buch übt einen unheimlichen Sog aus, der ähnlich demjenigen ist, der von einer guten Fernsehserie ausgeht: Man wird vertraut, ja, geradezu intim mit dem Personal; sein Schicksal ist nicht nur leidlich interessant, sondern wird mit der Zeit von bestimmender Wichtigkeit. Und selbst die eher unappetitlichen oder traurigen Details der Lebengeschichten der Figuren üben irgendwann eine schon voyeuristisch anmutende Faszination aus.

Nur, dass in dem Roman Saturday des Briten Ian McEwan dieser Effekt noch wesentlich verstärkt wird durch den Umstand, dass ein allwissender Erzähler Einblicke gewährt in die geheimsten inneren Regungen der Hauptperson, Henry Perowne, die einem Zuschauer bei einem Fernsehspiel noch unzugänglich blieben. Jeder seiner Gedanken, der ihm selbst bewußt ist, wird dem Leser offenbart. Aber die anderen Personen, Henrys Frau Rosalind oder seine Kinder Theo und Daisy, bleiben für den Leser so undurchschaubar, wie sie es für Henry sind. Dieses ganz natürliche Konzept der Fokussierung und gleichzeitiger Begrenzung des Bewusstseins macht die Geschichte zu einem intensiven, unmittelbaren Erleben und gibt gleichzeitig immer nur soviel an Informationen preis, dass man geradezu weiterlesen muss — und seien es nur noch ein, zwei Seiten.

Also erhebt sich der Leser gemeinsam mit Henry mitten in einer klaren Februarnacht aus einer Phase der Schlaflosigkeit, öffnet das Fenster, welches auf einen kleinen Platz herunterblickt, und hängt in der Kühle der Nachtluft seinen Gedanken nach: der Beruf (Neurochirurg) und die Patienten, die Kinder Daisy (werdende Dichterin) und Theo (angehender Blues-Musiker), Rosalind (Ehegattin und Juristin) und Hans Blix. Für den vor uns liegenden Samstag ist in London eine große Demonstration gegen die Pläne der Blair-Regierung zur Unterstützung des Einmarsches der Amerikaner in den Irak geplant. Doch diese Reflektionen werden abrupt beendet, als ein Feuerball (ein Meteor? ein Flugzeug?) vor unseren Augen den Himmel durchquert. Ein terroristischer Anschlag? Fast schon hoffnungsvoll macht machen wir uns mit Henry auf in die Küche, um das Radio anzustellen.

Saturday besitzt unglaublich viel Subtext, und gerade der macht diesen Roman so reichhaltig. Da ist einerseits die bereits angedeutete Thematisierung des Bewusstseins, einerseits durch die Form der Erzählung, andererseits natürlich über die Gedankengänge Perownes hinsichtlich seines Berufes. Daneben deckt McEwan in seinem Buch aber auch die Schizophrenie der Existenzängste eines Oberschichtlers der westlichen Welt in der Zeit nach 9/11 auf: Eher befürchtet man täglich einen Anschlag durch unbekannte Ausländer eines anderen Kulturkreises, als dass man konkrete Bedrohungen in seinem eigenen Umfeld wahr- oder ernstnimmt. Eher befürwortet man den Einmarschbefehl in eine fremde Nation durch die Regierung, weil damit ja der dortigen Bevölkerung geholfen sei, als dass man eine an sich selbst verübte Straftat verfolgen würde. Und man sieht ständig eine Bedrohung seines Glücks, seiner Stadt, seines Besitzes, seiner Familie. Dieses Damoklesschwert, das durch die Geschehnisse des Tages immer wieder wechselnde Formen annimmt, sorgt für die notwendige Spannung, um den Leser von der Weiterführung der Selbstreflektionen Perownes abzuhalten und dagegen zum Umblättern zu zwingen.

Wirklich angenehm dabei ist der Umstand, dass McEwan seine Figur angesichts der drohenden obskuren Gefahren eben nicht psychologisiert. Die Erzählung bleibt vollkommen natürlich und gewinnt unter Anderem auch dadurch an Authentizität, dass der Protagonist den einen oder anderen unangenehmen Gedanken beherzt beiseite wischt. Desweiteren wird durch die strikte (wenn auch entspannte) Tagesplanung der Hauptperson für diesen Samstag eine gewisse Episodenhaftigkeit gesetzt, mithilfe derer die Storyline in wohldefinierte Abschnitte aufgebrochen wird. Und es ist wie im echten Leben, samstags – nach jedem Abschnitt hat der Leser das Gefühl: So, das wäre jetzt auch geschafft! Gleichzeitig wahrt der Autor aber auch die Form des klassischen Theaterstücks in fünf Akten (denen auch die Zwischenakte nicht fehlen), sodass letzlich die etablierte Form mit modernen Mitteln ausgestaltet wird.

Ich fand Saturday außergewöhnlich intensiv und spannend für ein literarisches Werk seines Anspruchs. Oder aber: ich fand den Roman außergewöhnlich niveauvoll für ein Melodram dieser Kürze. Oder aber: Für ein Werk, das sich so wenig in eine Schublade einordnen lässt, und trotzdem derart aus einem Guss wirkt; das sich derart lebensnah zeigt und sprachlich dabei so gewählt und präzise ausdrückt; das derart leichtfüßig von einem Geschehen zum anderen läuft, aber dabei doch die ganze Schwere des Samstags eines high potentials unserer Leistungsgesellschaft auf den Schultern trägt, bleibt mir nur Verwunderung. Unglaublich, aber wahr.