Alessandro Manzoni: Die Brautleute


Mit den Klassikern aus Goethes Zeit stand ich bislang interessenbedingt eher auf Kriegsfuß, insbesondere, wenn sie in Schwartenstärke auftraten. Aber wenn einer der eigenen Lieblingsautoren — in meinem Fall Umberto Eco — des Lobs für ein Werk nicht müde wird, und wenn dann auch noch eine gefeierte Neuübersetzung des betreffenden Werks vorliegt, just von dem Übersetzer, der auch Ecos Werke ins Deutsche zu übertragen weiß — Burkhart Kröber — dann dürfte das Ergebnis einen Versuch mal wert sein, dachte ich mir. Ein Glück!

Worum geht es? In nuce: Man schreibt das Jahr 1628, und die Verlobten Lucia und Renzo, Bergler aus der Lombardei, wollen heiraten. Doch leider hat auch der fiese Fürst Don Rodrigo ein Auge auf Lucia geworfen und bringt den ängstlichen Ortsgeistlichen Don Abbondio dazu, die Trauung bis auf Weiteres zu verschieben, um Renzo in der Zwischenzeit außer Landes zu jagen. Gemeinsam mit Lucias Mutter Agnese spinnen die beiden Brautleute daraufhin eine List, um doch noch den Segen des Pfarrers zu erhalten.

Was als Bauernschwank beginnt, entpuppt sich als sehr abwechselungsreiches Lesevergnügen: dieser Roman ist gleichzeitig auch Geschichtsbuch und Sozialstudie, und der Autor (der nach Selbstauskunft nur ein Manuskript eines unbekannten Schriftstellers aus dem 17. Jh. verarbeitet) fügt viele interessante Anmerkungen ein, die sich bisweilen zu seitenlangen Abschweifungen entwickeln. Kritisch werden alle Schichten der Gesellschaft vorgestellt und beäugt, ohne dass die Zusammenhänge konstruiert werden müssen — die Geschichte fließt so leicht und fröhlich dahin wie die Adda, und dank schicksalshafter Wendungen bleibt es spannend bis zum Schluss. Unbedingte Leseempfehlung, wobei man für die 850 Seiten durchaus ein wenig Muße mitbringen sollte.



Adrian Goldsworthy: Caesar


Wenn ich darüber nachdenke, verwundert es mich immer wieder auf’s Neue: Obwohl ich das Unterrichtsfach Geschichte (ebenso wie Französisch und Physik) sobald es möglich war — ich meine, in Klassenstufe 10 — voller Freude und Erleichterung abgewählt habe, und obwohl diese Erleichterung und ihr Grund, nämlich die Abneigung gegen das Fach, noch etwa weitere 10 Jahre anhalten sollte, lese ich heute wieder begeistert Bücher zu historischen Themen.

Seitdem ich vor zwei Jahren auf unserer Hochzeitsreise nach Pisciotta den ebenso spannenden wie lehrreichen Roman des Engländers Robert Harris über Pompeji geradezu verschlungen habe, und mit dem gleichen Interesse im letzten Jahr sein Buch über einige Abschnitte im Leben des Redners Cicero las, wage ich mich sogar wieder gerne an ein Thema, das mir zuvor in doppeltem Sinne Langeweile verhieß, handelte es sich doch um das Amalgam von Historie und Politik, nämlich die alten Römer.

Bei denen kommt nach Cicero, na klar, Caesar — Julius Caesar. Und über den ist viel geschrieben worden, eigentlich sogar zuviel — das Thema ist abgefrühstückt. Sicherlich hat jeder Mensch, der etwas mit dem Wort “Rom” anfangen kann, irgendeine Vorstellung von diesem Mann, und wenn es nur (wie bei mir) das Bild der hageren, geheimnisumwitterten Gestalt auf dem weißen Pferd aus den Asterix-Heften ist. Doch ähnlich wie in der Leben-Jesu-Forschung hat sich auch im Bezug auf die historische Figur Caesars das Bild der Experten im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts nochmals ziemlich gewandelt und ist trotzdem keinesfalls eindeutig.

Wonach in dem Berg vorhandener Literatur zu diesem Thema also eine Auswahl treffen? Nun, als Laie war ich darauf angewiesen, dass der Autor sich dementsprechend ausdrückte; zudem schwebte mir eine umfassende Einführung vor und nicht eine auf ein Spezialgebiet beschränkte tiefergehende Analyse. Hier und da hatte man von Goldsworthys Werk und seinen Erzählerqualitäten im Besonderen geschwärmt — diesem ausgewiesenen Fachmann im Bezug auf die Geschichte des antiken Roms gab ich daher eine Chance.

Etwa 500 Seiten später habe ich es nicht bereut. Sicher, das Buch hat (wie wohl Caesars Leben auch) trotz seiner relativen Kürze ein paar Längen, aber nach meinem Empfinden ist es durchaus ein Kompliment für ein Sachbuch, wenn man ihm nachsagen kann, dass es an keiner Stelle langweilig war. Goldsworthy geht in der Regel chronologisch vor, allerdings nicht sklavisch, sondern greift, wo es Sinn macht, auch schon mal vor. Auch reichert er seine Beschreibungen durch Zitate antiker Geschichtsschreiber und Aussprüche und Briefabschnitte Caesars und seiner Zeitgenossen an. Durch das ganze Buch, insbesondere aber auf den ersten 150 Seiten, wenn es um den Aufstieg Caesars zum Konsul geht und die Lebensumstände in urbs roma beschrieben werden, fühlt man sich daher direkt in diese längst vergangene Epoche zurückversetzt und kann die Anspannung des jungen, hoffnungsvollen Mannes im rat race einer aggressiv wetteifernden Oberschicht gut nachspüren.

Doch die Stärke Goldworthys liegt eigentlich in den letzten zwei Dritteln des Buches: Schließlich ist der Autor eine ausgemachte Koryphäe auf dem Gebiet der römischen Kriegskunst. Deswegen sind auch die Beschreibungen der Feldzüge durch Gallien (“ganz Gallien? Nein…”) und des römischen Bürgerkrieges an Detailreichtum und Lebendigkeit kaum zu überbieten. Diverse Abbildungen veranschaulichen die in entscheidenden Schlachten genutzten Strategien und erweitern das Buch um eine zusätzliche Ebene. Dabei wird über die gesamte Länge der Ausarbeitung mit dem Leben wie auch den Entscheidungen Caesars kritisch umgegangen: Erfolge werden gewürdigt, aber Fehler auch schonungslos beleuchtet und offen kritisiert. Hier findet keine Glorifizierung des “Colossus” (Untertitel) statt!

Was könnte also das Missfallen des geneigten Lesers erregen? Nunja, es wird ihm vermutlich schwerfallen, der Flut an Namen zu folgen, die schon auf den ersten Seiten über ihn hereinbricht — aber diese Mühe ist wohl unumgänglich. Darüberhinaus kommt im Gegensatz zu Robert Harris “Imperium” bei Goldsworthy die Politik fast zu kurz. Und wenn ich als totaler Politikmuffel das sage, dann will das schon etwas heißen. Ansonsten kann ich dieses Werk demjenigen, der eine Einführung in das Leben des großen Diktators sucht, uneingeschränkt empfehlen.

Adrian Goldsworthy: Caesar – Life of a Colossus; 608 Seiten; erschienen 2006 bei Yale University Press.

Übrigens: Auch über Physik lese ich in letzter Zeit recht viel. Und das von mir auch bislang verschmähten Themengebiet “Frankreich” habe ich ja zuletzt im Film wieder mehr lieben gelernt.



Thich Nhat Hanh: Wie Siddhartha zum Buddha wurde


Vorurteile sind — zumindest in der Rückschau betrachtet — eine merkwürdige Sache. So war ich beispielsweise bis vor Kurzem felsenfest davon überzeugt, dass “die Buddhisten” egoistischerweise nur auf ihre eigene Erlösung bedacht sind und zwar den Gedanken an einen Gott als Weltenschöpfer und -lenker strikt ablehnen, aber dennoch den Götzenbildern ihres Buddha gottgleich huldigen. Wer sich mit der Lehre Buddhas ein wenig auskennt, wird darüber wohl leise und vielleicht auch etwas traurig lächeln. Zu meiner Entschuldigung kann ich lediglich vorbringen: Leider wurde ich über den Buddhismus von Leuten “aufgeklärt”, die offenbar selbst davon nur wenig Ahnung hatten.

Nun bin ich glücklicherweise jemand, der gerne den Dingen auf den Grund geht. Insofern stand eine Einführung in den Buddhismus schon längere Zeit auf meinem Wunschzettel, als ich sie 2007 zu Weihnachten geschenkt bekam. Doch letztlich hat es ein ganzes Jahr gedauert, bis ich mich mit vielen Pausen durch den historischen Roman “Wie Siddhartha zum Buddha wurde” des gebürtigen Vietnamesen Thich Nhat Hanh gelesen hatte, obwohl das Buch eigentlich garnicht sooo lang ist.

Man ahnt es schon: Die Pausen waren dabei vor allem meinen Vorurteilen geschuldet. Mir fehlte zunächst doch irgendwie einfach die innere Motiviation, um mich mit der seltsamen Welt des nördlichen Indiens vor 2500 Jahren auseinanderzusetzen. Erschwerend kam hinzu, dass, wer wie ich vorher zumeist christlich-theologische Literatur mit langen, kompliziert verschachtelten Satzstrukturen gelesen hat, die einfache, anspruchslose Schreibweise in diesem Buch schon gewollt naiv finden wird. Gleichzeitig fühlt man sich gerade am Beginn des Buches unweigerlich in ein Märchen aus Tausend und einer Nacht versetzt, wenn von dem prunkvollen Leben erzählt wird, welches der Prinz Siddhartha vor seiner Suche nach der Erleuchtung geführt hat. Und die ständige Wiederholung von Schlüsselsätzen hat zwar etwas auffällig meditatives, aber ist eben auch enervierend, wenn man sich nicht darauf einlassen mag.

Der Schlüssel zu diesem Buch lag also für mich in der Erkenntnis, dass ich mich dem Buch öffnen muss, bevor ich das Buch selbst öffne. Dies wurde mir sehr erleichtert, weil der Autor die prinzipiell undogmatische Natur des Buddhismus hervorhebt, was mir seine Interpretation als sehr modern erscheinen lässt. So lässt Thich Nhat Hanh etwa im Kapitel 32 unter dem Titel “Der Finger ist nicht der Mond” den Buddha die folgenden Worte sprechen:

“Meine Lehre ist kein Dogma, kein Programm, doch ohne Zweifel wird es manche Menschen geben, die sie so verstehen. Ich muss ganz klar und deutlich darlegen, dass meine Lehre eine Methode ist, die Wirklichkeit zu erfahren, und dass sie nicht die Wirklichkeit selbst ist, so, wie auch der Finger, der zum Mond zeigt, nicht der Mond selbst ist. Einem intelligenten Menschen kann der Finger helfen, den Mond zu sehen. Doch ein Mensch, der nur auf den Finger sieht und ihn mit dem Mond verwechselt, wird nie den wirklichen Mond erblicken. Meine Lehre ist ein Werkzeug für die Praxis, nicht etwas, woran man festhalten oder das man verehren sollte.”

Noch mehrfach wird betont, dass man der Lehre des Buddha nicht folgen solle, weil man Autoritäten darüber hat lehren hören, sondern ihre Wirksamkeit selbst erfahren muss. Daher empfand ich den Roman als sehr angenehmes Buch, in dem ein Gedankengang ganz entspannt vorgestellt wird, ganz ohne den krampfhaften Versuch, den Leser von den Vorzügen zu überzeugen.

Für mich persönlich konnte das Buch dadurch letztlich eine bereichernde Wirkung gerade in Hinsicht auf mein christliches Glaubensleben entfalten. Denn viele Praktiken — und auf eben diese legt der Buddha ja gesteigerten Wert — decken sich mit Aussagen aus dem Neuen Testament; allein die Begründungen, mit denen die als erstrebenswert geltenden Verhaltensweisen empfohlen werden, sind andere (jedoch nicht minder schlüssige). Wer also Zeit und Lust hat, sich auf eine sehr blumenreiche und dennoch schlichte, gründliche und dennoch sanfte Einführung in die Gedankenwelt des Buddhismus einzulassen, dem sei dieses Buch empfohlen.



Barbara W. Tuchman: A Distant Mirror


Ich darf mich glücklich schätzen, in George R. R. Martins auf sieben Bände angelegten Romanzyklus “A Song of Ice and Fire” erst mit Erscheinen des dritten Bandes eingestiegen zu sein. Seit 2006 warte ich nun auf den fünften Teil, und während der Autor auf seiner Website keine Versprechen mehr machen will, das Buch 2008 fertigzustellen, hoffe ich doch stark, nicht bis — wie von amazon.com avisiert — 2013 warten zu müssen (amazon.de nennt immerhin den 31.12.2009 als möglichen Erscheinungstermin). Und so vertreibe mir solange die Wartezeit mit anderweitiger Literatur der gleichen Kragenweite, also: mit Büchern, die das Leben im Hoch- bzw. Spätmittelalter lebendig, spannend und trotzdem realitätsnah darstellen können.

Wirklich excellent und wegen der inhaltlichen Nähe zum “Song of Ice and Fire” den Lesern Martins sehr zu empfehlen ist Sharon Kay Penmans “The Sunne in Splendour”, das entgegem dem Untertitel der Neuausgabe nicht nur Richard III., sondern die Rosenkriege insgesamt thematisiert. Dabei informiert der historische Roman nebenbei nicht nur über mittelalterliche Kriegstaktiken, sondern vor allem auch sehr kompetent über höfisches Leben und politische Einflußmöglichkeiten der Monarchen. Doch bleibt das Buch bei aller Wirklichkeitstreue immer im Bereich der Fiktion.

Anders dagegen das Werk von Barbara W. Tuchman mit dem Titel “A Distant Mirror: The Calamitous 14th Century”. Hier wird ein echtes Geschichtslehrbuch derart eloquent und humorvoll aufbereitet, dass man schnell vergisst, hier eben keinen Roman vor sich zu haben. Virtuos verknüpft Tuchman Geschehnisse, Daten und Personen, wobei sie zwar beobachtet und bewertet, aber gleichzeitig derartig chronologisch stringent vorgeht, dass ein echter Spannungsbogen entsteht.

Im Mittelpunkt steht Enguerrand VII. de Coucy, dessen Leben laut Tuchman ausreichend dokumentiert, aber trotzdem halbwegs typisch für das 14. Jahrhundert gewesen ist. Doch bis diese Hauptfigur überhaupt die Bühne betritt, ist der Leser bereits in Kapitel 7 angekommen. In der Zwischenzeit wird er in kurzen Exkursen über die Lebensverhältnisse im Frankreich des ausklingenden Spätmittelalters ins Bild gesetzt, wobei die übermittelten Informationen tiefgehend genug sind, um den wissbegierigen Leser zufriedenzustellen, aber gleichzeitig derart komprimiert, dass sie auch für ungeduldige Naturen kurzweilig bleiben.

Dennoch: Um sich durch die knapp 600 Seiten (ohne Bibliographie und Endnoten) hindurchzuarbeiten, sollte schon ein gewisses Grundinteresse für diesen Zeitabschnitt vorhanden sein. Denn anders als “The Sunne in Splendour” und erst recht “A Song of Ice and Fire” kann sich Tuchman kaum dramaturgischer Kniffe bedienen, um künstlich Spannung aufzubauen. Zudem findet sich wörtliche Rede naturgegebenermaßen nur in Ausnahmefällen, wobei die Autorin es schafft, sie adäquat durch Zitate aus den Werken diverser zeitgenössischer Chronisten zu ersetzen. Es bleibt ein faszinierender Spiegel in eine versunkene Welt, deren Denker und Herrscher das Fundament für unser heutiges Europa gelegt haben.



Robert Harris: Imperium


Marcus Tullius, genannt Cicero, möchte Konsul werden. Aber dieses höchste politische Amt Roms begehren viele. Und leider lassen sich Wähler nicht allein durch gute Reden auf dem Forum überzeugen, sondern auch mittels finanzieller Zuwendungen. Dumm nur, wenn man sich als “Mann des Volkes” bereits frühzeitig die Aristokraten und Superreichen zum Feind gemacht hat…

Sehr spannend verarbeitet Robert Harris in diesem Buch historischen Stoff, nämlich das Leben und Werk des Anwalts, Redners und Senators Cicero zur Zeit der Römischen Republik (also: vor Caesar). Harris läßt sich dabei angenehm wenige dichterische Freiheiten, denn er hält sich strikt an historische Quellen und zeitgeschichtliche Hintergründe. Es gelingt dem Autor dadurch, ein atmosphärisch dichtes Bild vom Leben im Rom 70-60 v. Chr. zu zeichnen. Aus historischer Sicht schneidet dieses Buch nach meinem Empfinden sogar noch besser ab als Harris’ früheres Werk “Pompeji”.

Doch: Obwohl ich es begrüße, dass hier der historischen Realität der Vorzug vor einer journalistischen Verklärung gegeben wird, wirkte der erzählerische Bruch in der Mitte des Buchs (einige “langweilige” Jahre werden einfach übersprungen) und das abrupte Ende auf mich etwas roh und unfertig. Mit etwa 300 Seiten ist das Buch auch nicht so umfangreich, dass derartig rabiate Kürzungen notwendig wären. Der Eindruck des Unvollendetseins wird zudem noch dadurch verstärkt, dass sich der Ich-Erzähler div. Exkurse und Wiederholungen gönnt. Das kann bzw. wird durchaus auch ein bewußt gewähltes Stilmittel sein – bei mir bremste es aber etwas die Lesemotivation. Nichtsdestotrotz hoffe ich aber auf eine Fortsetzung – man munkelt ja, Harris würde an einer dreiteiligen Serie über das Leben im alten Rom arbeiten…

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