Von Jesus lernen heißt siegen lernen (Kleines 1×1 des Betens, Folge 7)


Merkwürdig… In den letzten Wochen und Monaten habe ich weder Zeit noch Kraft noch Ruhe für unser Blog übrig gehabt, und dieser Text, dessen Rohfassung ursprünglich Anfang April dieses Jahres entstand, dümpelte damit also über ein halbes Jahr als Draft dahin — oder sollte ich sagen: reifte? Jedenfalls haben mich folgende Zeilen doch irgendwie selbst wieder erstaunt und berührt (oder vielleicht auch eher andersherum), sodass ich sie jetzt, mit einigem Abstand, noch veröffentliche, nicht ohne die Lektion, die ich persönlich seitdem gelernt habe, unten kursiv gesetzt anzufügen.

Wenn die Lage ernst oder gar hoffnungslos erscheint, gewinnt unser Gebet manchmal überraschend eine neue Qualität. Selbst wer sich von Gott keine rechte Vorstellung machen kann oder will, oder Ihn zumindest nicht als Weltenlenker, micromanagenden Controlfreak oder gar Wünscheerfüller sieht, hält sich in einer solchen Situation mit spezifischen Bitten nicht zurück. Doch andererseits müssen auch die vertrauensvollsten Glaubenden die Erfahrung machen, dass Gott nicht nur ihre Gebete nicht erhört, sondern Er zudem eiskalt schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Und dann?

Mich hat in dieser Situation sehr bewegt und irgendwie auch erleichtert, was Jesus in der Nacht vor seinem Karfreitag erleben musste. Immerhin: Gottes eingeborener Sohn, d.h. Einzelkind, also mit den denkbar besten Connections nach oben. Zudem sündlos, und umso mehr noch schuldlos, und ja auch angeblich bestens informiert, was auf ihn wartete und wozu das alles notwendig war. Aber in dieser Nacht in Gethsemane, da betet er dann doch wie nie zuvor: Laut Markus fängt er an “zu zittern und zagen”, sein Schweiß fließt vom intensiven Beten “wie Blut” zu Boden, berichtet Lukas, und er unterbricht sein Gebet immer wieder, um nervös seine Jünger dafür zur Schnecke zu machen, dass sie so cool bleiben, dass sie sogar einschlafen.

Und dann dieses Gebet: “Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!” lässt Markus ihn sprechen.

Doch genau das geschieht nicht. Gott antwortet nicht. Gott reagiert nicht. Er speist ihn nicht, wie Paulus, mit dem Hinweis ab, er solle sich an Seiner Gnade genügen lassen (2Kor 12,9). Er vertröstet ihn auch nicht mit einem nebulösen Versprechen eines abstrakt bleibenden “Lohns”, wie so oft in der Bibel, insbesondere auch im Neuen Testament. Nein, Gott schweigt seinen Sohn an, lange, beharrlich, unbarmherzig, wo Jesus doch meinte, der Vater und er seien eins.

Dieses erschreckende Gefühl, das selbst Gottes Sohn erleben musste, hat es glücklicherweise trotz seiner augenscheinlichen Negativität bis in die Evangelien geschafft. Am Ende, am Kreuz, schreit Jesus es heraus: “Eli, Eli, lama asabtani?” (Mk 15,34; Mt 27,46) Schon möglich, dass er damit nur die ersten Worte des 22. Psalms zitieren wollte, ein versteckter Insidertipp in dem Bewusstsein, dass dieser Psalm letztlich sein happy end in der triumphalen Hilfe Gottes findet, die für alle sichtbar sein wird. Doch Psalmen voller Lob und Preis für Errettung durch göttliche Intervention gibt es viele; warum also gerade dieser, und noch dazu gerade diese vier Worte?

Von allen Aussprüchen Jesu am Kreuz ist dieser für mich gleichzeitig der rätselhafteste wie auch der nachvollziehbarste und verständlichste. Aber ob der vordergründig ent-täuschende Eindruck des Verlassenseins nicht doch auch nur wieder eine erneute Selbsttäuschung ist? Immerhin spüren wir, auch wenn Gott sich nicht zu regen scheint, die Nähe unseres persönlichen Umfelds selten so stark wie in Zeiten der Not. Auch Jesus war in seinen letzten Stunden nicht allein.

Zwar  sind unsere Mitstreiter in vielen Dingen genauso machtlos wie wir, und ihr Trost unbeholfen und schwach. Doch wenn ihre Überlegungen, ihre Angebote, ihre Fürsorge, ihre Liebe ernsthaft sind, sehe ich dies auch als ein Zeichen von Gottes Nähe und Handeln. Denn auch wenn Er nicht selbst eingreifen mag — Seine Gedanken leiten, ob bewusst oder unbewusst, viele der Menschen, die uns in schweren Zeiten zur Seite stehen.



Die wunderbare Zeitvermehrung


Und Jesus sah eine große Menge Volkes, die Menschen taten ihm leid, und er redete zu ihnen von der unwiderstehlichen Liebe Gottes.

Als es dann Abend wurde, sagten seine Jünger: Herr, schicke diese Leute fort, es ist schon spät, sie haben keine Zeit.

Gebt ihnen doch davon, so sagte er, gebt ihnen doch von eurer Zeit!

Wir haben selber keine, fanden sie, und was wir haben, dieses wenige, wie soll das reichen für so viele?

Doch war da einer unter ihnen, der hatte wohl noch fünf Termine frei, mehr nicht, zur Not, dazu zwei Viertelstunden.

Und Jesus nahm, mit einem Lächeln, die fünf Termine, die sie hatten, die beiden Viertelstunden in die Hand. Er blickte auf zum Himmel, sprach das Dankgebet und Lob, dann ließ er austeilen die kostbare Zeit, durch seine Jünger an die vielen Menschen.

Und siehe da: Es reichte nun das wenige für alle. Am Ende füllten sie sogar zwölf Tage voll mit dem, was übrig war an Zeit, das war nicht wenig.

Es wird berichtet, dass sie staunten. Denn möglich ist, das sahen sie, Unmögliches bei Ihm.


(Aus: Lothar Zenetti, “Die wunderbare Zeitvermehrung. Variationen zum Evangelium“)



Haben oder Sein? (Mt.6,20)


Du willst mehr? Dann denk um! Denn mehr ist das neue weniger – und umgekehrt!

“Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.” (Mt.6,20)

Die Bergpredigt ist intensiv, hart, kantig und irgendwie unbequem. Sie komprimiert die Radikalität vieler Aussagen Jesu auf wenige Absätze Bibeltext. Sie zeigt unmissverständlich auf, worum es geht: Nicht das, was Du glaubst zu besitzen, ist entscheidend; auch nicht das, was Du nach aussen hin vorgibst zu sein – sondern allein das, was Du tief in Deinem Inneren tatsächlich bist.

Besonders deutlich wird dies an Passagen, die sich um die konsequente Absage an materialistische Bindungen drehen. Jesus ruft (neben der Bergpredigt) an so vielen voneinander unabhängigen Stellen zur Besitzlosigkeit auf (Mk.6,7-9;Mk.8,35; Mt.19,21), dass es eigentlich unmöglich sein sollte, diesen Aufruf zu ignorieren – insbesondere, wenn man im Hinterkopf behält, dass die ersten Christen in Jerusalem in einer Art Gütergemeinschaft lebten, also ihre Habe untereinander teilten.

Warum diese Absage an den irdischen Besitz? Schließlich liegt ihm doch nach alttestamentarischem Verständnis ein göttlicher Segen zugrunde! Wollte Jesus, dass wir all das ablehnen, was uns unser himmlischer Vater schenken will? Will er gar, dass wir asketisch leben? Nein, mit Sicherheit nicht. Von Jesus selbst ist nicht überliefert, er sei ein Asket gewesen – im Gegenteil, ein “Fresser und Weinsäufer” sei er, sagen die Leute über ihn. (Mt.11,19) Aber Jesus hat erkannt, dass der Fokus auf den Besitz uns an diese Welt fesselt. Davon gilt es, sich zu lösen. Aber aus welchem Grund?

In einer Gesellschaft, in der die Maxime “Haste was, biste was” gilt und so manch einer sich seinen Lebensstil vom “Immer-mehr-haben-müssen” diktieren lässt, wird besonders deutlich, wie unfrei Besitz machen kann. Und damit ist jetzt nicht gemeint, dass der Kauf einer Immobilie wohlüberlegt sein will, da man im Nachhinein damit nicht umziehen kann. Unfrei ist man dort, wo die Sorge um die angehäuften Güter die Gedanken fesselt.

Schon Biggie Smalls, auch bekannt als The Notorious B.I.G. wusste: “Mo’ money, mo’ problems.” Wobei man vielleicht noch treffender sagen könnte: More money, more worries. Denn wer seine Finanzen nicht in klingender Münze in einem panzerknackersicheren Geldspeicher aufbewahrt, muss mit ständiger Sorge die Märkte beobachten, wie sich sein Portfolio entwickeln könnte (und andernfalls damit leben, dass seine Talerchen auch so mit jedem Tag an Wert verlieren). Dabei ist auch ein erfolgreicher Unternehmer nicht vor unangenehmen Überraschungen gefeit, wie das tragische Beispiel eines Adolf Merckle zeigt.

Die Alternative zum Haben aber ist: das Sein – so jedenfalls auch schon der große Sozialpsychologe Erich Fromm, der in seinem lesenswerten Buch “To Have or to Be?” (mit dem Untertitel: “Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft”) übrigens interessanterweise genau den obigen Bibelvers aus Mt.6,20 zitiert. Denn die “Schätze im Himmel” können schließlich ja nicht materieller Art sein. Vielmehr können darunter im Einklang mit den anderen Aussagen der Bergpredigt Eigenschaften verstanden werden, die man sich erwirbt. Aber hier gilt eben nicht die Quantität, sondern die Qualität. Wir sollten uns von Gottes Geist durchdringen und verändern lassen.

Leider fehlt mir an dieser Stelle die Zeit für explizite Beispiele. Ich hoffe daher, dass der geneigte Leser in den Gottesdiensten genügend praktische Anregungen erhält. Ansonsten: Allein die Kapitel 5-7 des Matthäus-Evangeliums sollten für längerfristige Beschäftigung sorgen.



Langzeittherapie (Lk.5,12-13)


“Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen. Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.” (Lk.5,12-13)

Ich habe eine chronische Hautkrankheit, glücklicherweise nicht allzu akut. Die Creme, die mir mein Arzt zur Behandlung verordnet hat, heilt mich aber nicht von dieser Hautkrankheit. Sie bekämpft letztlich nur die unangenehmen Symptome, die damit einhergehen. Trotzdem bin ich auf dieses Präparat angewiesen. Die Creme lindert meine Beschwerden, macht das Leben mit der Krankheit erträglich und verhindert, dass sich die betroffenen Hautstellen ausbreiten und irgendwann überhand nehmen. Und noch viel mehr: Durch die Anwendung werden überhaupt erst die Vorraussetzungen dafür geschaffen, dass irgendwann ein natürlicher Heilungsprozess in Gang kommen kann. Ziel der Behandlung ist aber, die Creme irgendwann wieder völlig absetzen zu können.

Darf ich auch heute noch den Anspruch an Gott, an Jesus, an seine Boten haben, dass ich geheilt werde? Schließlich hat Jesus seinen Jüngern mit ihrer Sendung doch den Auftrag gegeben, die Kranken zu heilen. (Lk.10,9) Was wollte Jesus überhaupt mit dieser Show bezwecken? Wollte er einfach mal zeigen, was er kann? (Mk.2,9-11;Lk.5,23-24)

Vielleicht hatte Jesus einfach Mitleid mit dem Menschen. Der Aussätzige in dem obigen Bibelabschnitt galt vor seinen Mitmenschen als “unrein”. Derartig stigmatisierte Personen waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen und konnten daher auch keinen Beruf ausüben, sondern mussten betteln. Nach einer Heilung mussten sie erst wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Daher war auch die erste Anweisung, die Jesus ihm nach der Heilung gab, sich den notwendigen Riten zu unterziehen, damit er von den Priestern wieder als “rein” erklärt werden konnte. Jesus verhilft dem Aussätzigen also nicht nur zur Gesundheit, sondern ermöglicht ihm auch, wieder ein normales Leben in Gemeinschaft zu führen.

Zurück ins Heute. Wir erleben kaum noch spontane Heilungen körperlicher Krankheiten. Dafür gibt es mehrere Erklärungsansätze. Letztlich müssen wir uns damit abfinden, dass es halt so ist. Dafür erleben wir die heilende Kraft Gottes heute auf ganz andere Art und Weise. Ich halte in diesem Zusammenhang für besonders wichtig, dass Jesus selbst eigentlich überhaupt nichts auf derartige körperliche, äußerliche und also oberflächliche Reinheit gab. Er erklärt: Nicht Äußerliches macht den Menschen unrein – sondern das, was der Mensch in sich trägt!

“Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht. [...] Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein. Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.” (Mk.7,15-23; siehe auch Mt.15,11-20)

Viel elementarer als ein gesunder Körper ist also eine gesunde Seele. Nur dadurch werden wir letztlich “rein”. Der Anspruch an Heilung durch Jesus verlagert sich nach seiner Himmelfahrt immer mehr auf den inneren Menschen. Den äußerlichen Aussatz heilte Jesus, indem er den Kranken berührt hat. Und auch um sich von den inneren Krankheiten, die einen Menschen wirklich unrein machen, reinigen zu lassen, muss man sich von Jesus berühren lassen – nur eben innerlich. Den Auftrag, diese Berührung den Kranken zuzutragen, hat Jesus an seine Jünger weitergegeben. Übrigens laut Lk.10 nicht nur an den elitären Kreis der späteren Apostel…

Zum Glück leben wir heutzutage in einer Zeit, in der es Medikamente gegen die meisten körperlichen Gebrechen gibt. Gott hat mit dem Opfer seines Sohnes auch ein Medikament gegen unsere inneren Krankheiten bereitgestellt. Doch damit ist ja noch nicht so ganz getan – echte Heilung ist und bleibt ein Vorgang (kein Vorfall). Nicht allein der Moment der Freisprache als augenblickliche Reinigung von den Symptomen entscheidet. Mindestens ebenso wichtig ist unsere innere Umkehr als langwieriger und manchmal auch schwieriger Heilungsprozess.

Jedes Mal, wenn wir von der Sündenvergebung hören, muss daher etwas in uns geschehen, muss etwas neu in Gang gebracht werden. Die davon ausgelösten Veränderungen können wir (ähnlich wie bei einer normalen Krankheit) nicht selbst steuern, wir können sie aber unterstützen. (So sollte ich beispielsweise weniger scharf essen und bestimmte Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten meiden.) Dass wir das Medikament “Gnade Gottes” irgendwann ganz absetzen können, ist unwahrscheinlich, sollte aber schon unser Bemühen bleiben. Insofern bleibt es wichtig, an sich zu arbeiten. Damit schaffen wir Raum für den weiteren Heilungsprozess. Und wenn dieser in Gang kommt, brauchen wir auch niemandem groß darüber zu berichten, wie Jesus uns heilt – alle Welt kann es sehen.

“Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.” (Lk.5,15)



Jesu Rezept zu Geistlichem Wachstum: Bittet, Suchet, Klopfet an


Praktischerweise hat der biblische Evangelist, den wir unter dem Namen Matthäus kennen, relativ zu Anfang seines Evangeliums ein Medley der wichtigsten und beeindruckendsten Lehren Jesu zusammengestellt. Es soll gleich zu Beginn des Berichts in Bezug auf den Protagonisten deutlich werden: Dieser Jesus von Nazareth ist anders, und er ist radikal: Er fordert, anstatt immer nur die Symptome zu bekämpfen, die Probleme bei der Wurzel (radix) anzupacken.  Für seine damaligen Zeitgenossen, letztlich ja in aller Regel Juden, hieß dies konkret: Nicht nur unter dem äußerlichen Druck eines umfassenden Regelwerks leben, sondern vielmehr die dahinterliegenden Konzepte verinnerlichen. Und während sich der größte Teil der Bergpredigt um die Grundsätze zwischenmenschlichen Miteinanders dreht, gilt dieses Prinzip auch für die Erfahrbarkeit der Hilfe Gottes in der Gebetserhörung. So sagt Jesus laut Mt.7,7-11:

»Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.«

Überschrieben ist dieser Abschnitt in der Gute Nachricht Bibel mit “Voll Vertrauen zu Gott beten”. Doch neben dem Vertrauen fordert Jesus implizit auch noch das Vorhandensein einer zweiten Eigenschaft: Beharrlichkeit. Interessanterweise sind es auch gerade diese beiden Charakterzüge, welche die ersten Jünger Jesu kennzeichnen: Vertrauensvoll folgen sie dem Fremden auf sein Wort und lassen dabei alles — ihre Familie, ihren Beruf, ihr Heim — zurück. Beharrlich bleiben sie bei ihrem Rabbi, selbst als dieser am Ende hingerichtet wird — und auch später werden sie noch zusammenhalten und derart begeistert seine Lehren weitertragen, dass selbst grausamste Repressalien sie nicht einschüchtern können. Doch ich greife vor.

Jesus stellt in dem obigen kurzen Bibelabschnitt einen auf den ersten Blick einleuchtenden Vergleich auf: Wenn schon seine Zuhörer (bzw. die Leser, die sich nach der Vorrede ihrer eigenen Unvollkommenheit bewusst sein dürften) ihren Kindern keinen berechtigten Wunsch abschlagen würden, obwohl sie sonst so oft moralisch fragwürdig handeln, dann spricht alles dafür, dass Gott uns jeden unserer Wünsche, den wir an Ihn herantragen, erfüllt. Das aber widerstrebt deutlich unseren gemachten Erfahrungen. Wie oft bitten wir Gott im Gebet reinen Herzens um etwas, das für uns oder andere lebensnotwendig ist (z.B. Gesundheit), und bekommen doch die “Schlange” (werden bzw. bleiben also krank).

Was Jesus eigentlich gemeint haben könnte, wird im Evangelium des Lukas deutlicher, das sich letztlich aus der gleichen Quelle bedient. Dennoch geht das Zitat über den von Matthäus überlieferten Text hinaus. So heißt es hier:

Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Stellt euch vor, einer von euch geht mitten in der Nacht zu seinem Freund und bittet ihn: Lieber Freund, leih mir doch drei Brote! Ich habe gerade Besuch von auswärts bekommen und kann ihm nichts anbieten. Würde da der Freund im Haus wohl rufen: Lass mich in Ruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder liegen bei mir im Bett. Ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben? Ich sage euch, wenn er auch nicht gerade aus Freundschaft aufsteht und es ihm gibt, so wird er es doch wegen der Unverschämtheit jenes Menschen tun und ihm alles geben, was er braucht. Deshalb sage ich euch: Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Ist unter euch ein Vater, der seinem Kind eine Schlange geben würde, wenn es um einen Fisch bittet? Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird der Vater im Himmel denen den Heiligen Geist geben, die ihn darum bitten.«

Neben den interessanten Andeutungen in Bezug auf die orientalische Gastfreundschaft und die Überwältigungskraft der Unverschämtheit ist natürlich für unsere Betrachtung vor allem der letzte Satz wichtig. Es ist auffällig, dass in diesem Satz bei Matthäus die Konkretion einfach fehlt — davon abgesehen handelt es sich doch in der zweiten Hälfte des Textabschnitts lediglich um eine andere Wortwahl.

Laut dieser Parallelstelle geht es also bei der Zusage Jesu, Gott werde unsere Bitten erhören, um geistliche und eben nicht um natürliche Gaben: “Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!” Gott schenkt uns also die Gaben des Heiligen Geistes (Charismata), wenn wir nur ernsthaft darum ringen. Und dies bedeutet für Jesus — es gilt das gleiche wie für die anderen Aspekte der Nachfolge — vor allem: Konsequenz im Handeln.

In diesem Licht macht die Zusage der Gebetserhörung für mich schon sehr viel mehr Sinn. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese Verheißung den Mitgliedern der urchristlichen Gemeinde viel Kraft gegeben hat. Kraft, durch die sie wiederum konsequent den Weg ihres Glaubens zu gehen im Stande waren, selbst im Angesicht der tödlichen Gefahren, die ihnen gerade aufgrund ihres Glaubens drohten.



Mensch Jesus


Selten bin ich “im Vorbeigehen” so neugierig darauf geworden, was die Bibel über Jesus zu sagen hat. In seinem hohen Alter geht er doch tatsächlich immer noch topaktuell mit der Zeit… Für eine Atempause und ein Lächeln im Gesicht: www.menschjesus.de



Eine Stimme, ein Sinn, eine Meinung


Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. (1. Kor.1,10)

Aus heutiger Sicht ist es bedauerlich, dass die Warnung des Apostels nicht gefruchtet hat. 2000 Jahre Christentum haben eine bereits nicht mehr überschaubare Menge an verschiedenen Splittergruppen hervorgebracht. Nicht selten waren es Kleinigkeiten, die eine vormals so eng miteinander verbundene Gemeinschaft gespalten haben: die Observanz eines Gebötleins hier oder eine Auslegungsdifferenz dort. Doch häufig waren diese Gründe nur vorgeschoben, während es in Wirklichkeit um Macht und Einfluß ging. Zu oft wurde der innere Zusammenhalt einer Gemeinschaft gestärkt, indem man sich nach außen abgegrenzt hat. Und heute haben wir uns derart an die Fragmentierung der Christenheit gewöhnt, dass wir meinen, eine “Ökumene der Profile” sei ein erstrebenswerter Idealzustand! Doch ist dies nichts anderes als eine Kapitulation vor unserer Unfähigkeit, auch diejenigen als vollwertige Schwestern und Brüder anzunehmen, die eine andere Meinung in Glaubensfragen vertreten oder zumindest andere Schwerpunkte setzen.

Dabei könnte alles so einfach sein, wenn… Ja, wenn die Christen verschiedener Denomination nicht ihr jeweiliges Glaubensprofil (manchmal auch als Selbstbild bezeichnet) in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellen würden, sondern den, dem dieser Platz eigentlich vorbehalten sein sollte: Jesus Christus. Und der betet:

“Ich bin jetzt auf dem Weg zu dir. Ich bleibe nicht länger in der Welt, aber sie bleiben in der Welt. Heiliger Vater, bewahre sie in deiner göttlichen Gegenwart, die ich ihnen vermitteln durfte, damit sie eins sind, so wie du und ich eins sind. [...] Ich bete nicht nur für sie, sondern auch für alle, die durch ihr Wort von mir hören und zum Glauben an mich kommen werden. Ich bete darum, dass sie alle eins seien, so wie du in mir bist, Vater, und ich in dir. So wie wir sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen die gleiche Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, so wie du und ich. Ich lebe in ihnen und du lebst in mir; so sollen auch sie vollkommen eins sein, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass du sie, die zu mir gehören, ebenso liebst wie mich.” (Joh.17,11.20-23)

Die sich ergebende Frage darf nicht sein, welche speziellen Gebötlein, welche Bibelauslegung diesem Wunsch Christi noch im Wege stehen. Die Frage muss lauten: Warum?