March 21st, 2009
Ein Mann geht während eines Regengusses durch ein kleines Dorf und sieht ein brennendes Haus. Als er näher kommt, sieht er einen Mann inmitten der Flammen in seinem Wohnzimmer sitzen.
»He, dein Haus steht in Flammen,« ruft der Reisende. »Ich weiss,« antwortet der Mann. »Aber warum verlässt du das Haus nicht?« — »Weil es regnet«, sagt der Mann. »Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich würde mir eine Lungenentzündung holen, wenn ich bei Regen aus dem Haus gehe.«
Zao Chis Kommentar zu dieser Fabel: »Der ist ein weiser Mann, der eine Haltung aufgeben kann, wenn er sich dazu gezwungen sieht.«
(Aus “Unterwegs – Der Wanderer” von Paulo Coelho.)
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September 23rd, 2008
Trachtet nach dem, was auf Erden ist! Daran entscheidet sich heute viel, ob wir Christen Kraft genug haben, der Welt zu bezeugen, dass wir keine Träumer und Wolkenwandler sind. Dass wir nicht die Dinge kommen und gehen lassen, wie sie sind; Dass unser Glaube wirklich nicht das Opium ist, das uns zufrieden sein lässt inmitten einer ungerechten Welt. Sondern dass wir, gerade weil wir trachten nach dem, was droben ist, nur umso hartnäckiger und zielbewusster protestieren auf dieser Erde. Protestieren mit Worten und Taten, um jeden Preis voran zu führen. Muss es denn so sein, dass das Christentum, das einstmals so revolutionär begonnen, nun für alle Zeiten konservativ ist? Dass jede neue Bewegung ohne die Kirche sich Bahn brechen muss, dass die Kirche immer erst zwanzig Jahre hinterher einsieht, was eigentlich geschehen ist?
(Dietrich Bonhoeffer in einer Predigt aus dem Jahr 1932)
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August 31st, 2008
Das Käfigtürchen war offen geblieben. Mit einem leichten Satz war der kleine Vogel an der Öffnung und von dort betrachtete er die weite Welt, zuerst mit einem Auge und dann mit dem anderen. Seinen winzigen Körper durchzuckte das Verlangen nach den weiten Räumen, für die seine Flügel geschaffen waren. Aber dann dachte er: “Wenn ich hinausfliege, könnten sie den Käfig zumachen und ich bleibe als Gefangener draußen.”
Der kleine Vogel machte kehrt und kurz darauf sah er mit Befriedigung, wie sich das Türchen wieder schloss, das seine Freiheit besiegelte.
(Italo Svevo)
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April 7th, 2008
Herr: es ist Zeit. Der Winter war sehr groß.
Leg die Eiszapfen in den Schmelztiegel,
und auf den Wiesen lass die blauen Bänder los.
Befiehl den letzten Flocken voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei nördlichere Tage,
dränge sie zum Niederschlag hin und jage
die letzte Nässe in den grauen Hain.
Wer noch ein Iglu hat, erfriert nicht mehr.
Wer jetzt verliebt ist, wird es gerne bleiben;
wird lachen, herzen, Liebesbriefe schreiben,
und wird auf den Lichtungen sonnengewärmt
ganz entspannt sitzen, wenn die Knospen treiben.
(nach Rainer Maria Rilkes “Herbsttag” und einer Idee von E. Vietz)
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