Jonathan Franzen: Freedom


Für einen der besten bereits im neuen Jahrtausend erschienenen Romane halte ich das Familienepos The Corrections des mir bis zum Zeitpunkt meiner Lektüre noch unbekannten Amerikaners Jonathan Franzen. Das Thema Thomas Manns hundert Jahre zuvor erschienenen, nobelpreisprämierten Werkes Buddenbrooks wurde in diesem Buch — wenn auch in der Mittelschicht der USA und nicht im Großbürgertum Lübecks , wenn auch in expansiver Erzähltechnik und nicht in chronologischer Abfolge — aus den streng geregelten Verhältnissen der Moderne in die totale Verwirrung der Postmoderne transportiert.  Beide Gesellschaftsromane zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit erschreckender Nähe zum aktuellen Zeitgeschehen sowie einer nicht minder erschreckend präzisen Beobachtungsgabe schildern, wie die einzelnen Mitglieder einer Familie (und damit auch die Familie insgesamt, ja, gewissermaßen an sich) am Leben oder besser gesagt ihren überhöhten Erwartungen daran scheitern.

Nun gibt es mit Freedom ein Update, das zeigt, wieviel sich im zurückliegenden Jahrzehnt bereits wieder verändert hat. Nicht länger sind es die Börsenspekulationsblase der new economy, die Furcht vor den unheilbaren Folgen des Älterwerdens, die Flucht in Küchenpsychologie oder den Abenteuerkapitalismus in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, welche als Stolpersteine die Protagonisten zu Fall bringen. Diesmal geht es um den schwierigen Spagat zwischen Ideologien und Pragmatismus — dargestellt an dem Problemfeld, das sich zwischen Naturschutz und Geschäftsinteressen, Politik und Moral auftut — sowie (ganz allgemein gesprochen) um ungestillte Begierden, wobei natürlich die Sexualität als basalste Form und mit ihr das Spannungsfeld zwischen Promiskuität und Loyalität immer wieder thematisiert wird.

Das wichtigste Thema jedoch, und darauf spielt der Titel des Buches treffsicher an, ist Freiheit, obwohl es sich dabei ja um einen derart schwammigen, allgemeinen und abstrakten Begriff handelt. Also präzise: Es geht um die Freiheit, sein Leben so zu führen, wie man es gerne möchte oder zumindest momentan gerade für richtig hält. Um die Freiheit, autonome Entscheidungen zu treffen, Dinge zu tun oder zu lassen, Unterstützung zu gewähren oder zu verweigern, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen…

Man sieht es schon an dieser Aufzählung: Franzen thematisiert, wie durch die Individualisierung der Einzelne zwar freier wird (im Sinne einer angenehmen Ungebundenheit), jedoch auch einsamer und letztlich hilfloser — wie aber andererseits, obwohl schon die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (die Familie, der Arbeit- bzw. Geldgeber, Freunde) diese individuelle Freiheit einengt, beschneidet oder ganz zunichte macht, sie für uns als Menschen immer noch lebensnotwendig ist. Auch wenn wir diese Differenzierung im Deutschen nicht machen, wird damit der Bruch zwischen Liberty (der gesellschaftlichen Freiheit) und Freedom (der individuellen Freiheit) quasi der zentrale Aufhänger des Romans: Alle können fast alles tun und lassen, was sie wollen, aber meinen Entscheidungen sind sehr enge Grenzen gesetzt. Und so entkommen die Protagonisten, obwohl sie alle persönlichen Freiheiten im land of the free genießen, den gesellschaftlichen Zwängen nicht, sondern verstricken sich im Gegenteil immer fester darin.

Franzen stellt zudem gut dar, wie groß die mit dem enormen Freiheitsgrad einhergehende Verunsicherung des Individuums geworden ist. Alle bedeutsamen Entschlüsse und Handlungen der Hauptakteure (Patty, Walter und und ihr Sohn Joey Lundberg, sowie gewissermaßen auch Richard Katz, ein Freund der Eltern) sind von der unterschwelligen Angst durchzogen, Fehler zu machen — Fehler die im Rückblick ja soo absehbar waren. Mit der durch unzählige mögliche alternative Lebensentwürfe ins Unermessliche gewachsenen Entscheidungsfreiheit wächst nicht nur die Verwirrung, sondern auch die Möglichkeit, ja, sogar die Wahrscheinlichkeit, die falsche Wahl zu treffen. Der Zwang, jederzeit nicht nur die optimale, sondern möglichst sogar die ideale Option zu realisieren, setzt uns unter Druck und paralysiert uns. Doch wenn dann mal tatsächlich etwas komplett schiefgeht — im Roman, der jedoch auch in diesem Punkt seine Realitätsnähe beweist –, so passiert dies, weil frei entschieden, weil spontan gehandelt wurde.

Aber damit nicht genug: Dem Autor gelingt es zudem perfekt, das positive Gefühl nachzustellen, welches uns andererseits durch die gewährte Freiheit beschieden wird, nämlich,  selbstbewusst, eigenständig und unabhängig zu sein. Da es sich dabei offenbar um eine Illusion handeln muss, hat dies im Zusammenspiel mit den oben angeführten Beklemmungen und Abhängigkeiten (sowie Co-Abhängigkeiten!) voneinander schon etwas ungesundes, schizophrenes. Die Charaktere teilen folgerichtig miteinander den Hang zum Wahnhaften, den sie allerdings aneinander erkennen und verachten, sodass sich dem Leser ständig implizit die Frage stellt, ob er denn auch so sei.

Es sollte klar geworden sein: Freedom ist, wie schon The Corrections (oder Buddenbrooks) eigentlich kein positiver, hoffnungsvoller Roman. Ja, das Buch ist an vielen Stellen amüsant (etwa, wenn Joey Stunden vor einer extrem wichtigen Flugreise nach Übersee versehentlich seinen Ehering verschluckt), aber der Humor bleibt halbwegs zynisch, halbwegs mitleidig belächelnd. Umso mehr verwundert das Ende, das die Geschichte nimmt, da es so unerwartet kommt, wie es sich klischeehaft ausnimmt.  Franzen deutet an, es gebe Hoffnung für das erfüllte Leben des Einzelnen in den Gemeinschaften — wenn der Einzelne sich und seine Freiheit nur nicht so wichtig nähme. “Die Hölle, das sind die Anderen”, schrieb Sartre. Franzen pflichtet ihm bei, erklärt uns aber, warum das eigentlich so ist: Weil wir uns nicht auf die Anderen einstellen, sondern uns von ihnen entfremden und trennen, obwohl wir so dringend auf sie angewiesen sind. Alles in allem ein scharfsichtiges Werk, das unsere Zeitverhältnisse in klarem Licht und unterhaltsam darstellt.



Richard David Precht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?


Zunächst einmal vorweg geschickt: Sollte es jemanden verwundern, dass es hier in den Buchbesprechungen so unglaublich viel um meine eigene Person geht, dann liegt das zum Einen daran, dass dies hier ein Blog und kein Fachmagazin für Literatur ist; es rührt zum Anderen aber auch daher, dass ich erklären möchte, wie ich zu meinem Urteil über das gelesene Werk gekommen bin. Nichts nervt mich an Kundenrezensionen wie etwa auf Amazon mehr* als der lapidare Fehlschluß: “Das Buch ist schlecht,” bzw. “… ist großartig.” Ich kann und will hier nur darlegen, warum ein Werk, egal ob nun Buch, Musikalbum oder Film, mich persönlich angesprochen hat. Im Übrigen behalte ich es mir auch vor, die Kommentare und Notizen hier nachträglich zu erweitern, weil ich Denken als iterativen Prozess erlebe, in dessen Verlauf ich Schicht um Schicht freilege.

Soweit zur Vorrede, aber damit sind wir eigentlich auch schon mitten drin im Thema. Richard David Precht landete 2007 einen Doppelschlag mit einer den Erzählungen Fraukes nach zu urteilen so humorvollen wie für die Spätgeborenen erleuchtenden Autobiographie über eine Kindheit in einem alternativen Elternhaus in den 60er und 70er Jahren und einer fast 400 Seiten starken Einführung in die Philosophie, derer sich dieser Artikel widmet.

Letzteres Werk, also das Buch mit dem immerhin gut memorisierbaren Titel “Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“, wurde mir schon anfang 2008 an’s Herz gelegt; allerdings auf eine derart merkwürdig inhaltlich-ignorante Art und Weise, dass ich das Buch ersteinmal in die Kategorie “Irgendwann vielleicht” meines Amazon-Wunschzettels einsortierte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem ich bei einem Einkaufsbummel in Hamburg die Gelegenheit hatte, längere Passagen daraus zu lesen, und der Wunsch erlebte eine steile Karriere in Richtung “Muss ich haben”.

Was hatte mich auf einmal derart überzeugt? Einerseits war es die lockere Art und die verständliche Sprache, in der Precht über philosophische Zusammenhänge wie auch die Biographien der betreffenden Denker schreibt. (Das Adjektiv “verständlich” findet sich in vielen meiner Sachbuch-Rezensionen, und ist natürlich zunächst einmal sehr subjektiv, weil es lediglich ausdrückt: Ich hab’s verstanden. Aus meiner laienhaften Sicht ist es aber wichtiger, dass ich den Autor verstehen kann, als dass dieser seine Gedanken möglichst abstrakt und dadurch vielleicht fachlich besonders korrekt formuliert.) Andererseits waren es die von Precht gewählten Themengebiete, die mittlerweile für mich an Relevanz gewonnen hatten.

Nun ist es mit Lockerheit und Verständlichkeit ja so eine Sache, gerade, wenn es um wissenschaftliche Themen geht: Wer hochkomplexe Gedankengänge und Schlussfolgerungen einer breiten und tendenziell etwas begriffsstutzigen Öffentlichkeit wie mir zugänglich machen will, der muss einerseits radikal vereinfachen und andererseits viel mit Vergleichen, Bildern und Metaphern arbeiten. Beides beinhaltet bereits eine Interpretation der zugrundegelegten Thesen, mithin also eine grobe Verfälschung. Diesen “Fehler” kann man auch Precht vorwerfen — muss man aber nicht.

Denn was will ein Werk wie “Wer bin ich, …” eigentlich bezwecken? Es ist ja kein Fachbuch, sondern will lediglich Ideen vorstellen und hoffentlich Lust machen auf mehr. Sein Ziel erreicht hat es, wenn sich der Leser daraufhin einige der ernstzunehmenderen Publikationen der Philosophen und Wissenschaftler besorgt, auf die in dem immerhin fünfzehnseitigen Literaturverzeichnis hingewiesen wird. Das Buch ist also letztlich nichts weiteres als eine aufwendige Werbebroschüre für den Markt der philosophischen Möglichkeiten — und als solche eignet es sich ganz hervorragend.

Dieser Umstand liegt eben auch an den angesprochenen Themengebieten begründet. Das Buch zerfällt im Wesentlichen in drei Teile, die unter die ersten drei der Kant’schen Fragen gestellt werden (“Was kann ich wissen?” — “Was soll ich tun?” — “Was darf ich hoffen?”) und deren vierte (“Was ist der Mensch?”) en passant beantworten. Dabei dreht sich der erste Teil des Buches hauptsächlich um Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bewusstsein, der zweite Abschnitt um Fragen der Ethik und Moral und Teil drei um den Bezug zwischen Determinismus und (der Möglichkeit zur Verwirklichung von) Idealen. Precht zerrt die abstrakten Ausgangsfragen mitten ins Leben, indem er ihre Relevanz anhand hochaktueller gesellschaftlicher Fragestellungen wie Sterbehilfe oder Abtreibung demonstriert. Gerade in den ersten Teil fließen dazu auch immer wieder Ergebnisse der Hirnforschung ein, was den Mutmaßungen über dieses Thema eine zusätzliche Dimension verleiht.

Ein nicht zu leugnendes Manko von “Wer bin ich,…”, das freilich mit der interpretativen Art des Werkes einhergeht, liegt darin, dass Precht natürlich eine Auswahl treffen musste, was die vorgestellten Philosophen und ihre Arbeiten angeht. Und hier ärgert sich auch der anspruchslose Leser dann doch das ein oder andere Mal darüber, wie wenig ausgewogen Precht argumentiert, beispielsweise in Bezug auf Vegetarismus und Tierrecht. Jedenfalls bleibt mitunter der schale Nachgeschmack, nur eine Seite gehört zu haben, also nicht umfassend informiert und damit auch irgendwie manipuliert worden zu sein. Schade — aber immerhin hat man jetzt Ansatzpunkte und kann sich auf eigene Faust weitere Informationen einholen.

Zugute kommt dem Werk aus meiner Sicht dagegen, dass es keine strenge Einführung ausschließlich in die philosophische Gedankenwelt sein will, sondern auch zu einem guten Teil ein wissenschaftshistorisches Buch ist. Jedes der im Schnitt zehn Seiten kurzen Kapitel bildet eine in sich geschlossene Sinneinheit, die zwar auf den vorausgegangenen aufbaut, sich aber dennoch dezidiert mit einer speziellen Frage sowie einem ausgewählten Denker und seinem Werk befasst. Das macht es problemlos möglich, auch nur einzelne Kapitel zu lesen und trotzdem den Faden nicht ständig zu verlieren und neu aufnehmen zu müssen, und trägt daher dem Verständnis bei, wovon insbesondere Personen profitieren werden, die nur wenig Zeit zum Lesen haben. Zudem unterstreicht es die iterative Natur des philosophischen Diskurses und erweitert das Weltbild sanft und sukzessive, was für den Laien durchaus besser zu verdauen ist.

Ich habe dieses Buch mit viel Gewinn gelesen; aber wichtiger aus meiner Sicht war, dass mir das Lesen auch viel Spaß gemacht hat. Es gehört auch zu den Werken, die ich auf meine mentale Wiedervorlage gesetzt habe, um es in ein paar Jahren nochmal zu Gemüte zu führen. Davor werde ich aber sicherlich das ein oder andere Werk aus dem reichhaltigen Literaturverzeichnis zur Hand nehmen. Insofern hat Precht bei mir seine Wirkung nicht verfehlt.

Übrigens: Für den März 2009 steht dann ein Buch über die Liebe von ihm auf dem Plan.


*) Naja, vielleicht mit Ausnahme der Fälle, wo der Rezensent es nicht einmal hinbekommt, den Namen des Autors fehlerfrei zu reproduzieren. Und damit meine ich jetzt garnicht mal halbwegs verzeihliches “Bonnhöfer” statt Bonhoeffer, sondern sowas wie “Doug Shields” statt Doug Fields.



Adrian Goldsworthy: Caesar


Wenn ich darüber nachdenke, verwundert es mich immer wieder auf’s Neue: Obwohl ich das Unterrichtsfach Geschichte (ebenso wie Französisch und Physik) sobald es möglich war — ich meine, in Klassenstufe 10 — voller Freude und Erleichterung abgewählt habe, und obwohl diese Erleichterung und ihr Grund, nämlich die Abneigung gegen das Fach, noch etwa weitere 10 Jahre anhalten sollte, lese ich heute wieder begeistert Bücher zu historischen Themen.

Seitdem ich vor zwei Jahren auf unserer Hochzeitsreise nach Pisciotta den ebenso spannenden wie lehrreichen Roman des Engländers Robert Harris über Pompeji geradezu verschlungen habe, und mit dem gleichen Interesse im letzten Jahr sein Buch über einige Abschnitte im Leben des Redners Cicero las, wage ich mich sogar wieder gerne an ein Thema, das mir zuvor in doppeltem Sinne Langeweile verhieß, handelte es sich doch um das Amalgam von Historie und Politik, nämlich die alten Römer.

Bei denen kommt nach Cicero, na klar, Caesar — Julius Caesar. Und über den ist viel geschrieben worden, eigentlich sogar zuviel — das Thema ist abgefrühstückt. Sicherlich hat jeder Mensch, der etwas mit dem Wort “Rom” anfangen kann, irgendeine Vorstellung von diesem Mann, und wenn es nur (wie bei mir) das Bild der hageren, geheimnisumwitterten Gestalt auf dem weißen Pferd aus den Asterix-Heften ist. Doch ähnlich wie in der Leben-Jesu-Forschung hat sich auch im Bezug auf die historische Figur Caesars das Bild der Experten im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts nochmals ziemlich gewandelt und ist trotzdem keinesfalls eindeutig.

Wonach in dem Berg vorhandener Literatur zu diesem Thema also eine Auswahl treffen? Nun, als Laie war ich darauf angewiesen, dass der Autor sich dementsprechend ausdrückte; zudem schwebte mir eine umfassende Einführung vor und nicht eine auf ein Spezialgebiet beschränkte tiefergehende Analyse. Hier und da hatte man von Goldsworthys Werk und seinen Erzählerqualitäten im Besonderen geschwärmt — diesem ausgewiesenen Fachmann im Bezug auf die Geschichte des antiken Roms gab ich daher eine Chance.

Etwa 500 Seiten später habe ich es nicht bereut. Sicher, das Buch hat (wie wohl Caesars Leben auch) trotz seiner relativen Kürze ein paar Längen, aber nach meinem Empfinden ist es durchaus ein Kompliment für ein Sachbuch, wenn man ihm nachsagen kann, dass es an keiner Stelle langweilig war. Goldsworthy geht in der Regel chronologisch vor, allerdings nicht sklavisch, sondern greift, wo es Sinn macht, auch schon mal vor. Auch reichert er seine Beschreibungen durch Zitate antiker Geschichtsschreiber und Aussprüche und Briefabschnitte Caesars und seiner Zeitgenossen an. Durch das ganze Buch, insbesondere aber auf den ersten 150 Seiten, wenn es um den Aufstieg Caesars zum Konsul geht und die Lebensumstände in urbs roma beschrieben werden, fühlt man sich daher direkt in diese längst vergangene Epoche zurückversetzt und kann die Anspannung des jungen, hoffnungsvollen Mannes im rat race einer aggressiv wetteifernden Oberschicht gut nachspüren.

Doch die Stärke Goldworthys liegt eigentlich in den letzten zwei Dritteln des Buches: Schließlich ist der Autor eine ausgemachte Koryphäe auf dem Gebiet der römischen Kriegskunst. Deswegen sind auch die Beschreibungen der Feldzüge durch Gallien (“ganz Gallien? Nein…”) und des römischen Bürgerkrieges an Detailreichtum und Lebendigkeit kaum zu überbieten. Diverse Abbildungen veranschaulichen die in entscheidenden Schlachten genutzten Strategien und erweitern das Buch um eine zusätzliche Ebene. Dabei wird über die gesamte Länge der Ausarbeitung mit dem Leben wie auch den Entscheidungen Caesars kritisch umgegangen: Erfolge werden gewürdigt, aber Fehler auch schonungslos beleuchtet und offen kritisiert. Hier findet keine Glorifizierung des “Colossus” (Untertitel) statt!

Was könnte also das Missfallen des geneigten Lesers erregen? Nunja, es wird ihm vermutlich schwerfallen, der Flut an Namen zu folgen, die schon auf den ersten Seiten über ihn hereinbricht — aber diese Mühe ist wohl unumgänglich. Darüberhinaus kommt im Gegensatz zu Robert Harris “Imperium” bei Goldsworthy die Politik fast zu kurz. Und wenn ich als totaler Politikmuffel das sage, dann will das schon etwas heißen. Ansonsten kann ich dieses Werk demjenigen, der eine Einführung in das Leben des großen Diktators sucht, uneingeschränkt empfehlen.

Adrian Goldsworthy: Caesar – Life of a Colossus; 608 Seiten; erschienen 2006 bei Yale University Press.

Übrigens: Auch über Physik lese ich in letzter Zeit recht viel. Und das von mir auch bislang verschmähten Themengebiet “Frankreich” habe ich ja zuletzt im Film wieder mehr lieben gelernt.



Thich Nhat Hanh: Wie Siddhartha zum Buddha wurde


Vorurteile sind — zumindest in der Rückschau betrachtet — eine merkwürdige Sache. So war ich beispielsweise bis vor Kurzem felsenfest davon überzeugt, dass “die Buddhisten” egoistischerweise nur auf ihre eigene Erlösung bedacht sind und zwar den Gedanken an einen Gott als Weltenschöpfer und -lenker strikt ablehnen, aber dennoch den Götzenbildern ihres Buddha gottgleich huldigen. Wer sich mit der Lehre Buddhas ein wenig auskennt, wird darüber wohl leise und vielleicht auch etwas traurig lächeln. Zu meiner Entschuldigung kann ich lediglich vorbringen: Leider wurde ich über den Buddhismus von Leuten “aufgeklärt”, die offenbar selbst davon nur wenig Ahnung hatten.

Nun bin ich glücklicherweise jemand, der gerne den Dingen auf den Grund geht. Insofern stand eine Einführung in den Buddhismus schon längere Zeit auf meinem Wunschzettel, als ich sie 2007 zu Weihnachten geschenkt bekam. Doch letztlich hat es ein ganzes Jahr gedauert, bis ich mich mit vielen Pausen durch den historischen Roman “Wie Siddhartha zum Buddha wurde” des gebürtigen Vietnamesen Thich Nhat Hanh gelesen hatte, obwohl das Buch eigentlich garnicht sooo lang ist.

Man ahnt es schon: Die Pausen waren dabei vor allem meinen Vorurteilen geschuldet. Mir fehlte zunächst doch irgendwie einfach die innere Motiviation, um mich mit der seltsamen Welt des nördlichen Indiens vor 2500 Jahren auseinanderzusetzen. Erschwerend kam hinzu, dass, wer wie ich vorher zumeist christlich-theologische Literatur mit langen, kompliziert verschachtelten Satzstrukturen gelesen hat, die einfache, anspruchslose Schreibweise in diesem Buch schon gewollt naiv finden wird. Gleichzeitig fühlt man sich gerade am Beginn des Buches unweigerlich in ein Märchen aus Tausend und einer Nacht versetzt, wenn von dem prunkvollen Leben erzählt wird, welches der Prinz Siddhartha vor seiner Suche nach der Erleuchtung geführt hat. Und die ständige Wiederholung von Schlüsselsätzen hat zwar etwas auffällig meditatives, aber ist eben auch enervierend, wenn man sich nicht darauf einlassen mag.

Der Schlüssel zu diesem Buch lag also für mich in der Erkenntnis, dass ich mich dem Buch öffnen muss, bevor ich das Buch selbst öffne. Dies wurde mir sehr erleichtert, weil der Autor die prinzipiell undogmatische Natur des Buddhismus hervorhebt, was mir seine Interpretation als sehr modern erscheinen lässt. So lässt Thich Nhat Hanh etwa im Kapitel 32 unter dem Titel “Der Finger ist nicht der Mond” den Buddha die folgenden Worte sprechen:

“Meine Lehre ist kein Dogma, kein Programm, doch ohne Zweifel wird es manche Menschen geben, die sie so verstehen. Ich muss ganz klar und deutlich darlegen, dass meine Lehre eine Methode ist, die Wirklichkeit zu erfahren, und dass sie nicht die Wirklichkeit selbst ist, so, wie auch der Finger, der zum Mond zeigt, nicht der Mond selbst ist. Einem intelligenten Menschen kann der Finger helfen, den Mond zu sehen. Doch ein Mensch, der nur auf den Finger sieht und ihn mit dem Mond verwechselt, wird nie den wirklichen Mond erblicken. Meine Lehre ist ein Werkzeug für die Praxis, nicht etwas, woran man festhalten oder das man verehren sollte.”

Noch mehrfach wird betont, dass man der Lehre des Buddha nicht folgen solle, weil man Autoritäten darüber hat lehren hören, sondern ihre Wirksamkeit selbst erfahren muss. Daher empfand ich den Roman als sehr angenehmes Buch, in dem ein Gedankengang ganz entspannt vorgestellt wird, ganz ohne den krampfhaften Versuch, den Leser von den Vorzügen zu überzeugen.

Für mich persönlich konnte das Buch dadurch letztlich eine bereichernde Wirkung gerade in Hinsicht auf mein christliches Glaubensleben entfalten. Denn viele Praktiken — und auf eben diese legt der Buddha ja gesteigerten Wert — decken sich mit Aussagen aus dem Neuen Testament; allein die Begründungen, mit denen die als erstrebenswert geltenden Verhaltensweisen empfohlen werden, sind andere (jedoch nicht minder schlüssige). Wer also Zeit und Lust hat, sich auf eine sehr blumenreiche und dennoch schlichte, gründliche und dennoch sanfte Einführung in die Gedankenwelt des Buddhismus einzulassen, dem sei dieses Buch empfohlen.



Barbara W. Tuchman: A Distant Mirror


Ich darf mich glücklich schätzen, in George R. R. Martins auf sieben Bände angelegten Romanzyklus “A Song of Ice and Fire” erst mit Erscheinen des dritten Bandes eingestiegen zu sein. Seit 2006 warte ich nun auf den fünften Teil, und während der Autor auf seiner Website keine Versprechen mehr machen will, das Buch 2008 fertigzustellen, hoffe ich doch stark, nicht bis — wie von amazon.com avisiert — 2013 warten zu müssen (amazon.de nennt immerhin den 31.12.2009 als möglichen Erscheinungstermin). Und so vertreibe mir solange die Wartezeit mit anderweitiger Literatur der gleichen Kragenweite, also: mit Büchern, die das Leben im Hoch- bzw. Spätmittelalter lebendig, spannend und trotzdem realitätsnah darstellen können.

Wirklich excellent und wegen der inhaltlichen Nähe zum “Song of Ice and Fire” den Lesern Martins sehr zu empfehlen ist Sharon Kay Penmans “The Sunne in Splendour”, das entgegem dem Untertitel der Neuausgabe nicht nur Richard III., sondern die Rosenkriege insgesamt thematisiert. Dabei informiert der historische Roman nebenbei nicht nur über mittelalterliche Kriegstaktiken, sondern vor allem auch sehr kompetent über höfisches Leben und politische Einflußmöglichkeiten der Monarchen. Doch bleibt das Buch bei aller Wirklichkeitstreue immer im Bereich der Fiktion.

Anders dagegen das Werk von Barbara W. Tuchman mit dem Titel “A Distant Mirror: The Calamitous 14th Century”. Hier wird ein echtes Geschichtslehrbuch derart eloquent und humorvoll aufbereitet, dass man schnell vergisst, hier eben keinen Roman vor sich zu haben. Virtuos verknüpft Tuchman Geschehnisse, Daten und Personen, wobei sie zwar beobachtet und bewertet, aber gleichzeitig derartig chronologisch stringent vorgeht, dass ein echter Spannungsbogen entsteht.

Im Mittelpunkt steht Enguerrand VII. de Coucy, dessen Leben laut Tuchman ausreichend dokumentiert, aber trotzdem halbwegs typisch für das 14. Jahrhundert gewesen ist. Doch bis diese Hauptfigur überhaupt die Bühne betritt, ist der Leser bereits in Kapitel 7 angekommen. In der Zwischenzeit wird er in kurzen Exkursen über die Lebensverhältnisse im Frankreich des ausklingenden Spätmittelalters ins Bild gesetzt, wobei die übermittelten Informationen tiefgehend genug sind, um den wissbegierigen Leser zufriedenzustellen, aber gleichzeitig derart komprimiert, dass sie auch für ungeduldige Naturen kurzweilig bleiben.

Dennoch: Um sich durch die knapp 600 Seiten (ohne Bibliographie und Endnoten) hindurchzuarbeiten, sollte schon ein gewisses Grundinteresse für diesen Zeitabschnitt vorhanden sein. Denn anders als “The Sunne in Splendour” und erst recht “A Song of Ice and Fire” kann sich Tuchman kaum dramaturgischer Kniffe bedienen, um künstlich Spannung aufzubauen. Zudem findet sich wörtliche Rede naturgegebenermaßen nur in Ausnahmefällen, wobei die Autorin es schafft, sie adäquat durch Zitate aus den Werken diverser zeitgenössischer Chronisten zu ersetzen. Es bleibt ein faszinierender Spiegel in eine versunkene Welt, deren Denker und Herrscher das Fundament für unser heutiges Europa gelegt haben.



Franz-Benno Delonge: Fjorde


Franz-Benno Delonge ist schon seit langem einer der Spieldesigner, deren Spiele ich unbesorgt kaufen kann, ohne sie Probespielen zu müssen — ich weiß, sie werden mir gefallen. Gerade die kleinen Spiele wie Trans America sind einfache, unkomplizierte Pausenfüller, die aber durchaus taktischen Tiefgang bieten. In diese Kategorie fällt auch das Zweispielerspiel Fjorde, welches bei Hans im Glück erschienen ist.

Franz-Benno Delonge: FjordeDas Spiel besteht aus drei Runden, von denen jede in zwei Spielabschnitte zerfällt: In der ersten Phase wird von beiden Spielern jeweils abwechselnd eines der 40 sechseckigen Landschaftsplättchen verdeckt gezogen und angelegt. Meer, Gebirge und Ackerland müssen genau passen, zudem muss das neue Spielteil mit zwei seiner Kanten bereits ausgelegte Plättchen berühren. Sollte sich keine Möglichkeit zum Anlegen ergeben, wird das Teil in die offene Auslage getan, und zieht erneut — solange, bis er legen kann. Alternativ darf er auch eines der Teile aus der offenen Auslage nehmen und anlegen. Auf das gelegte Teil kann er dann einen seiner vier Bauernhöfe stellen. Diese Entdeckungsphase ist abgeschlossen, sobald das letzte verdeckte Landschaftsplättchen aufgedeckt worden ist.

Nun kommt der Eroberungsteil: Ausgehend von den eigenen Bauernhöfen legen die Spieler wiederum jeweils abwechselnd ihre Felder an — natürlich nur auf dem Ackerland. Da Felder einer Farbe direkt aneinander angrenzen müssen, sollte man versuchen, dem Gegner möglichst viel Land abzuknöpfen und gleichzeitig Gebiete durch geschickte Legetaktiken abzuriegeln, um sie später auszufüllen. Am Ende der Runde (siehe Bild) wird dann für beide Spieler die Anzahl der gelegten Felder (die runden Spielsteine) gezählt. Gewinner ist, wer in den drei gespielten Runden die meisten Felder legen konnte.

Fjorde ist ein kurzweiliges Taktikspiel mit einfachen Regeln für 2 Spieler ab 8 Jahren. Die Spieldauer für ein komplettes Spiel beträgt etwa 30-45 Minuten. Die Spielsteine sind hochwertig verarbeitet und machen auch etwas für’s Auge her. Vergleichbar ist das Spiel in der ersten Phase (natürlich) mit Carcassonne, während der zweite Spielabschnitt Ähnlichkeiten zu einem stark vereinfachten Go aufweist. Sehr empfehlenswert!



Cornelia Funke: Tintentod


Ende letzten Jahres ist der finale Roman der Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke erschienen. Tintenherz, Tintenblut, Tintentod — das verheißt je nach Sichtweise eine gewisse Steigerung oder aber ein grausames Ende. Dass beide Vermutungen nicht zutreffen, beweist erneut, dass man auf Namen nicht allzuviel geben sollte. Inhaltlich gibt es an den Bänden auf den ersten Blick zwar nicht viel auszusetzen: Klassische Jugendromane, in der ein allwissender Erzähler die Abenteuer einer jugendlichen Heldin und ihrer Familie und Freunde beschreibt. Gerade im ersten Band, aber auch bei der Ausgestaltung der Tintenwelt der Sequels zeigt die Autorin jedoch viele innovative Ideen — abgedroschene Fantasy-Klischees sucht man vergeblich, selbst der Vergleich zu Harry Potter greift nicht. Dies kann man Cornelia Funke zu einer Zeit, in der der Jugendbuchmarkt von Potter-Klonen überschwemmt wird, nicht hoch genug anrechnen.

Zum Inhalt: It’s complicated. Eine komplette Inhaltsangabe würde den Rahmen sprengen. Da der Artikel sowieso schon zu lang wird und es sich darüberhinaus bei Tintentod um den letzten Band einer Reihe handelt, darf ich vorraussetzen, dass dem Leser die vorgefallenen Ver- und Entwicklungen bekannt sein werden. Nur so viel: Hauptfigur der Bücher ist Meggie (ca. 14 Jahre alt), Tochter von Resa und Mo, dem Buchbinder. Die drei hat es in die Tintenwelt verschlagen, in der es von fantastischen Lebewesen nur so wimmelt — und leider auch von Fieslingen, welche die anderen Bewohner ausbeuten. Weil sie zunächst Gefallen an der Welt finden, und später Mitgefühl für deren unterdrückte Bewohner empfinden, bleiben die drei und werden in einen Machtkampf mit den finsteren Herrschern der Tintenwelt verwickelt. Es geht um Leben und Tod, nebenbei auch ein bisschen um Liebe, und auch ethische sowie philosophische Fragen werden am Rande angeschnitten. Soweit, sogut.

Es begann mit Tintenherz — beileibe nicht dem ersten Buch von Cornelia Funke, und auch nicht dem ersten erfolgreichen, aber doch dem ersten, bei dem sich ihr Erfolg nicht auf die Kinderbuchregale beschränkt hat. Wenn ein Autor mit einem Buch überraschend Erfolg im Mainstream hat, und dann schnell noch ein paar weitere Bände nachlegt, ist mein Argwohn immer groß. Eine gute Geschichte lässt sich nun mal nicht so einfach “verlängern” — die Stellen, an denen neue Teile an das Original angeflickt wurden, bleiben deutlich sichtbar, und sie sind oft ziemlich hässlich. Das kann dann sogar den Ausgangsroman in Mitleidenschaft ziehen. Und meistens ist es ja sowieso am besten, genau in dem Moment aufzuhören, wenn es gerade am schönsten ist.

Anders verhält es sich natürlich, wenn der Plot schon von vornherein auf mehrere Bände angelegt ist. Der drei Bände umfassende “Baroque Cycle” von Neal Stephenson ist so ein Fall. Gleiches gilt auch für das siebenteilige Epos “A Song of Ice and Fire” von George R.R. Martin. Martin arbeitet momentan am fünften Band, auf den seine Leser seit drei Jahren sehnsüchtig warten — weil sie wissen, dass die Geschichte organisch weitergehen und nicht künstlich gestreckt wird.

Am Ende von Tintenherz war auch die Geschichte zuende. Der Schluß ist sauber, die Auflösung endgültig. Leider kamen noch zwei Bücher nach. Als ich also 2005 mit Tintenblut die Fortsetzung in den Händen hielt und anfing zu lesen, ahnte ich, was mir blühen würden. Das Böse war doch noch nicht überwunden und hatte ein großes Comeback. Da die Finsterlinge in der Menschenwelt des ersten Bandes aber schon besiegt wurden, mussten die Protagonisten nun in die fantastische Tintenwelt eintauchen; eine Einleitung, für welche die Autorin bereits 200 Seiten benötigte — vielleicht das deutlichste Anzeichen, das auf ein übermäßig kompliziertes Flickwerk hindeutete. Danach war mir die Lust am Lesen eigentlich vergangen. Ich quälte mich noch ein wenig weiter, überblätterte viel und legte das Buch schließlich zugunsten eines anderen beiseite, offensichtlich ohne das Ende je gelesen zu haben.

Dessen wurde ich allerdings erst bewußt, als ich vor kurzem mit Tintentod, dem 2007 erschienenen letzten Band der Trilogie, begann (nachdem ich ihn ein halbes Jahr immer wieder aus der Hand gelegt hatte). Mehrfach gab es Hinweise auf gewisse mir vollkommen unbekannte Geschehnisse, wodurch mir zumindest eine dunkle Ahnung aufging, was auf den letzten 200 Seiten von Tintenblut passiert sein musste. Doch das störte mich nicht. Viel größer war meine Sorge, das Dilemma der Entscheidung um einen Schauplatz könnte sich wiederholen. Doch dem war nicht so, der Roman spielt fast ausschließlich in der Fantasiewelt. Zwar wird noch zwei- oder dreimal im Erzählstrang zwischen Menschen- und Tintenwelt hin- und hergewechselt, aber dann beschließt die Autorin, das noch in der Menschenwelt verbliebene Personal nachzuholen. Wozu, bleibt ihr Geheimnis, denn für die Geschichte haben die Betreffenden leider keinerlei Funktion, sie bleiben Staffage. Aber solange sich die Erzählung auf eine Welt beschränkte, funktionierte sie hervorragend, wie sich sowohl in Tintenherz als auch dem größten Teil von Tintentod beobachten lässt.

Warum ist das so? Meine Theorie dazu ist folgende: Der Wechsel zwischen zwei Welten ist kein kleiner Eingriff in eine Geschichte. Er kann bei leichtfertigem Einsatz schnell zu einem billigen Taschenspielertrick verkommen. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Protagonisten grundlos die Welten tauschen, ohne dass dafür eine dringende inhaltliche Notwendigkeit gegeben ist. Zwei Gegenbeispiele, die zeigen, wie man dieses erzählerische Konstrukt stilsicher, souverän und sorgsam zum Gewinn einer Geschichte einsetzen kann, sind Philip Pullmans “His Dark Materials”-Trilogie, die aus der Not eine Tugend macht und Michael Endes “Unendliche Geschichte”, die mit der Überschreitung der Grenze zwischen den Welten ihren Wendepunkt erreicht.

An diesen beiden Beispielen wird auch deutlich: Was von Anfang an eingeplant und integriert wird, wirkt später nicht künstlich aufgesetzt. Doch gegen diese Maxime verstoßen die Tintenwelt-Romane nicht nur in Bezug auf das bewusste “Hinüberlesen” von Personen (welches im ersten Buch nur ganz ungewollt, ja, zufällig möglich ist), sondern im letzten Band auch durch die willentliche Erweiterung oder Veränderung der Geschichte durch die Protagonisten. Denn leider erschafft im Gegensatz zur “Unendlichen Geschichte” nicht die Erzählung ihre Figuren, sondern die Figuren manipulieren die Erzählung; und zwar nicht unbewußt wie ein Bastian Balthasar Bux, sondern durchaus mutwillig. Nicht uneingeschränkt — ein Glück! Doch hat mich dieser erzählerische Rettungsring, der die Hauptfiguren immer wieder in letzter Sekunde aus drohenden Gefahren errettet, nicht überzeugt. Allein, dass auch das Böse in Tintentod von diesem Hilfsmittel regen Gebrauch machen darf, erhält die Spannung aufrecht. Letztlich hatte ich beim Lesen des zweiten wie auch des dritten Bandes häufiger den Eindruck, Cornelia Funke ringe mit sich selbst. Der ewig unter Schreibblockade leidende Schriftsteller Fenoglio, dem die gottgleiche Macht gegeben ist, mit einigen wenigen Worten die Welt maßgeblich zu verändern — ist sie es nicht, die Autorin?

Doch lassen wir diese rein technischen Aspekte mal hinter uns und kommen zum eigentlichen Leseerleben. Einige Sätze zuvor fiel bereits das Wort “Spannung” — eigentlich dem Motivationsfaktor zum Weiterlesen schlechthin. Und gerade davon gibt es in diesem Buch glücklicherweise reichlich. Denn während die Protagonisten in den ersten beiden Bänden es letztlich nur mit zwar sehr bösen aber eher mäßig mächtigen Menschen zu tun haben, stehen sie in Tintentod einer wahren Übermacht gegenüber: einem zornigen Gott, der einzelne Personen der Tintenwelt (zu denen die Hauptfiguren ja nun auch geworden sind) gezielt vernichten möchte, um sich so seine uneingeschränkte Macht zu sichern. Dieses Ausgesetztsein des Personals drängt den Leser zum Weiterlesen — auch wenn Cornelia Funke leider nicht den Mut aufbringen mag, sich (dauerhaft) von Personen der Fraktion der Guten zu trennen. Doch auch, dass Totgeglaubte beider Seiten nochmals zurückkehren, hält den Leser in Atem. Ja, die letzten 100 Seiten werden zu einer wahren tour de force und verlangen, in einem Stück gelesen zu werden. Und am Ende ist man wieder versöhnt. Mit der Tintenwelt, aber vor allem auch mit Cornelia Funke. Und es ist wie so oft: man will doch bleiben…



Portishead: Third


Es groovt nicht mehr — oder?! Nunja, vielleicht liegt das auch an mir, schließlich bin ich auch nicht groovier geworden, sondern ca. 10 Jahre älter. Und nebenbei sollte obiges Statement ja wirklich auch nur eine ganz neutrale, sachliche Feststellung sein — ebenso sachlich und neutral wie die Beat-Patterns und Samples des zwar langersehnten, aber schon längst nicht mehr erhofften dritten Portishead-Albums an mir vorbeifließen. Denn mein erster Höreindruck war: Mehr Elektronik, weniger Emotion. Und doch trifft das so nicht ganz, schließlich betört und verzaubert Ms. Gibbons’ schwaches, dünnes, zitterndes Stimmlein immer noch, weckt durch angedeutete Fragilität den Beschützerinstinkt — wie etwa in “The Rip”, das nicht wenig an ihr jedem Melancholiker extrem an’s Herz zu legendes Solo-Album “Out of Season” erinnert.

Aber auf instrumentaler Seite wird eben etwa durch die Arpeggien in diesem Song, wie auch die Breaks in “Hunter”, die vielfach viel zu geraden Rhythmen, und die Tatsache, dass die Hammond-Orgel allerorten die Verdrängung durch den Synthesizer hinnehmen muss: aus diesem Album glücklicherweise etwas Neues, Frisches, Überraschendes. Sicherlich nicht den Hörgewohnheiten der Zeit angepasst; der Elektro-Mainstream ist immer noch weit entfernt — doch zugewandt. Und selbst härtere Songs wie “Machine Gun” klingen irgendwie erstaunlich gut (und daneben am Ende ein wenig nach Radiohead).

Einziges echtes Manko: Diese Scheibe ist derart heterogen, dass ich sie wohl nicht als Nebenbei-Gedudel auflegen mögen würde. Das hat sie aber auch nicht verdient. Mir gefällt’s.



Robert Harris: Imperium


Marcus Tullius, genannt Cicero, möchte Konsul werden. Aber dieses höchste politische Amt Roms begehren viele. Und leider lassen sich Wähler nicht allein durch gute Reden auf dem Forum überzeugen, sondern auch mittels finanzieller Zuwendungen. Dumm nur, wenn man sich als “Mann des Volkes” bereits frühzeitig die Aristokraten und Superreichen zum Feind gemacht hat…

Sehr spannend verarbeitet Robert Harris in diesem Buch historischen Stoff, nämlich das Leben und Werk des Anwalts, Redners und Senators Cicero zur Zeit der Römischen Republik (also: vor Caesar). Harris läßt sich dabei angenehm wenige dichterische Freiheiten, denn er hält sich strikt an historische Quellen und zeitgeschichtliche Hintergründe. Es gelingt dem Autor dadurch, ein atmosphärisch dichtes Bild vom Leben im Rom 70-60 v. Chr. zu zeichnen. Aus historischer Sicht schneidet dieses Buch nach meinem Empfinden sogar noch besser ab als Harris’ früheres Werk “Pompeji”.

Doch: Obwohl ich es begrüße, dass hier der historischen Realität der Vorzug vor einer journalistischen Verklärung gegeben wird, wirkte der erzählerische Bruch in der Mitte des Buchs (einige “langweilige” Jahre werden einfach übersprungen) und das abrupte Ende auf mich etwas roh und unfertig. Mit etwa 300 Seiten ist das Buch auch nicht so umfangreich, dass derartig rabiate Kürzungen notwendig wären. Der Eindruck des Unvollendetseins wird zudem noch dadurch verstärkt, dass sich der Ich-Erzähler div. Exkurse und Wiederholungen gönnt. Das kann bzw. wird durchaus auch ein bewußt gewähltes Stilmittel sein – bei mir bremste es aber etwas die Lesemotivation. Nichtsdestotrotz hoffe ich aber auf eine Fortsetzung – man munkelt ja, Harris würde an einer dreiteiligen Serie über das Leben im alten Rom arbeiten…

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