Wie man einen Schreck zur Tür hinausbegleitet

An diesem Nachmittag waren Gäste da. Sie hatte Blumen besorgt und in Rezeptbüchern nach etwas Besonderem gesucht. Hauptgang und Nachtisch waren verspeist, die Sonne schien hell durchs Fenster und das Kind lief zu den dahinplätschernden Gesprächen der Erwachsenen durchs Zimmer, um Bücher in allen Ecken zu verteilen. Mit einem Glas Wein in ihrer Hand hatte sie sich gerade eben noch entspannt zurückgelehnt, da reckte der Schreck seinen Kopf in die leichte, gesellige Runde. Sollte etwa? Die Gespräche um sie herum schienen zu verstummen. Selbst die klügsten und anregendsten Erzählungen der Freunde hätten sie nicht mehr erreicht. Wie betäubt saß sie da, während sich ausschweifende Szenarien vor ihr aufblätterten. Bleischwer wog plötzlich das Glas in ihrer Hand. Ärger regte sich. Wie konnte dieser schreckliche, sperrige Typ hier einfach auftauchen und sich dazwischenzwängen zwischen jetzt und später? Gespensterhaft breitete er sich aus und weckte eine Befürchtung nach der anderen. Sie stand auf, ungeduldig. Stampfte die Treppe hoch und öffnete die Tür zu Gottes Arbeitszimmer mit energischem Griff. “Was soll das? Macht dir das Spaß? Ausgerechnet heute! Mach, dass der wieder verschwindet mit seiner miesen Aura!” Gott saß am Schreibtisch, den Rücken zur Tür gewandt. Er hatte anscheinend lange nicht aufgeräumt, jedenfalls war der Boden mit Stapeln übersäht. Nun legte er seinen Stift aus der Hand, drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann wanderte sein Blick an ihr vorbei und fiel kurz auf den Schreck, der ihr gefolgt war und neugierig durch den Türspalt linste. “Ah, Besuch?” Sie nickte mürrisch. “Bereit, ihn hinauszubegleiten?” Sie grummelte etwas wie Zustimmung und sah, wie Gott aus einem Haufen bunter Mappen ein grünes, ziemlich zerbeultes Exemplar hervorkramte.- darauf in großen Filzstiftbuchstaben: ANLEITUNG. WIE MAN EINEN SCHRECK ZUR TÜR HINAUSBEGLEITET. IN 8 SCHRITTEN ZUM ERFOLG. Und so sollte es funktionieren:

  1. Freundlich grüßen.
  2. Sich nach dem Wahrscheinlichkeitsgehalt der Schreckensbotschaft erkundigen.
  3. Auch dann höflich bleiben, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Schreck begründet ist, hoch ist.
  4. Dem Schreck freundlich aber bestimmt erklären, dass er zwar gerne für einen Kaffee bleiben kann, für die weitere Bewältigung der Situation jedoch nicht benötigt wird.
  5. Mit Protest rechnen, diesen geduldig anhören. Nicken, Verständnis signalisieren.
  6. Kaffee aufsetzen. Trösten, wenn nötig.
  7. Nach einer Weile beginnen, wiederholt auf die Armbanduhr zu sehen. Mit den Füßen scharren. Dann aufstehen. Gegebenenfalls eine Gartenbesichtigung anbieten und diese strategisch geschickt enden lassen.
  8. Zügig die Gartenpforte schließen. Dem Schreck freundlich hinterherwinken.

1 Comment

  1. Das ist eine herrliche kleine Geschichte, die mir heute sehr weise erscheint und wie ein Trostpflaster daherkommt. Ich mag diese Sicht auf den Schreck als ungebetenen Gast! Das ist eine hilfreiche Interpretation. So kann Prosa also die Welt verändern… sehr schön!

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