Zum Hebräerbrief

Über den Monatswechsel Juli/August 2010, als dieser Eintrag eigentlich entstanden ist, habe ich mich zum ersten Mal wirklich  intensiv mit dem Hebräerbrief auseinandergesetzt (und diesen ebenfalls erstmal in einem Rutsch gelesen). Lange Zeit hatte mich dieser Text nicht sehr begeistert – zu düster und mahnend im Ton, zu abstrakt der Inhalt. Nur der Schönheit der theologischen und auch der formalen Konzeption habe ich mich eigentlich nie so wirklich entziehen können.

Nun wurde ein Teil der Aussagen zur Opfertheologie im Gottesdienst am 01.08. verarbeitet, und beim Lesen des entsprechenden Kapitels 9 in der Vorbereitung darauf packte es mich: Ein derart zeitloser, inspirierter Text! Da war es offenbar immer schon egal, dass weder Autor noch Adressatenkreis noch Abfassungszeitraum in irgendeinerweise verlässlich und präzise bestimmt werden konnten.

Die Opfertheologie, die der unbekannte Autor entfaltet — Jesus als Hohepriester und Opferlamm, dessen freiwilliges Opfer aber so bedeutend ist, dass es im Gegensatz zum Opferkult der Stiftshütte nur “ein für alle Mal” gebracht werden musste — teilen heutzutage auch viele Christen deswegen nicht mehr, weil ein Gott, der Blut als Satisfaktion zur Vergebung von Sünde und Schuld fordert, uns zurecht archaisch erscheint. Wir haben nicht nur ein anderes Gottesbild, dass auch im wesentlichen von den humanistischen Werten der Aufklärung beeinflusst wurde — wir sind auch Tieropfer nicht mehr gewohnt. Im Gegenteil, der Tierschutz liegt uns am Herzen, und schon das Schlachten zur Nahrungsgewinnung hat einen zweifelhaften Ruf bekommen. Und um wieviel mehr lehnen wir ein Menschenopfer ab — ganz gleich, ob dieses nun mehr oder minder freiwillig erbracht wurde.

Der Schreiber des Hebräerbriefes wie auch seine urchristlichen Leser hatten einen anderen Hintergrund. Ich kann mir vorstellen, dass die genutzten Bilder für sie intuitiv und lebensnah anstatt befremdend und grausam erschienen sein mögen. Und da es im betreffenden Text um sehr komplexe theologische Sachverhalte geht, nötigt mir diese Vorstellung, wie hier ein Autor genau die Sprache seiner Leser trifft, ebensoviel Respekt ab wie die Tatsache, dass er seine Argumentation kurz, stringent, prägnant und frei von inneren Widersprüchen vorträgt. Auch wenn ich dem Hebräerbrief nicht in allen Punkten (und vor allem: Prämissen) folgen mag, halte ich ihn also doch für eine frühe theologische Höchstleistung.

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